„Wir wollen nicht vergessen“

Drei Gedenkveranstaltungen am 27. Januar in Schneverdingen

„Wir wollen nicht vergessen“

Anlässlich des Tages des Gedenkens an die Opfer des Nationalsozialismus am 27. Januar gab es in Schneverdingen drei Veranstaltungen: Für den Vormittag hatte die Kooperative Gesamtschule (KGS) eine Feierstunde am Denkmal beim Schneverdinger Bahnhof organisiert. Am Nachmittag dann trafen sich auf Einladung der SPD Teilnehmerinnen und Teilnehmer zunächst an den Gräbern von KZ-Häftlingen in Wintermoor und danach auf dem „neuen Friedhof“ in Schneverdingen.

Im Rahmen einer Feierstunde erinnerte die KGS am Denkmal nicht nur an die Entstehung dieser Gedenkstätt, sondern schaltete zu diesem Anlass auch eine Website zu den KZ-Zügen auf der Heidebahn frei. Eine Abordnung von Schülern, Elternvertretern und Lehrkräften der KGS und weitere Vertreter der Arbeitsgruppe „GeDenkMal“ waren hierzu zusammengekommen. Zu Beginn legten zwei Schüler des neunten Jahrgangs Blumen nieder, und die Anwesenden gedachten in einer Schweigeminute der Opfer des Nationalsozialismus.

In seiner Rede erinnerte Ratsvorsitzender und Kreistagsabgeordneter Dieter Möhrmann an die grausamen Verbrechen der Nazizeit auch auf der Heidebahn, als dort die KZ-Züge unterwegs waren: „Wir wollen das nicht vergessen“, unterstrich Möhrmann mit aller Deutlichkeit. Er freue sich und sei stolz auf seine Heimatstadt und die KGS, weil mit dem Denkmal, den Erinnerungstexten an Friedhof und Denkmal und nun auch im Internet das Verantwortungsbewusstsein in Schneverdingen für das Erinnern unterstrichen werde.

Den langen und schwierigen Weg zu diesem Denkmal ließ Adolf Staack, Mitautor des Buches „Nur Gott der Herr kennt ihre Namen: KZ-Züge auf der Heidebahn“, noch einmal Revue passieren. Er hatte das Schulprojekt zusammen mit dem weiteren Autor Uwe Nordhoff während der Projekttage unterstützt.

KGS-Leiter Mani Taghi-Khani schließlich stellte den Bezug zur heutigen Situation und der Rolle der Schule her. Populismus sei auf dem Vormarsch und dieser sei der Wegbereiter des Bösen, indem er die Greueltaten verharmlose.

Erinnerung und Erinnern seien daher Aufgabe der Schule. So sei die KGS seit mehr als zehn Jahren eine „Schule ohne Rassismus - Schule mit Courage, und dies zeige sich in vielen Aktionen im Schulalltag. Diese Initiativen würden nicht angeordnet, sondern gingen von Schülern oder Lehrkräften aus. Das gelte auch für das aktuelle Projekt der Website für das Denkmal „KZ-Züge auf der Heidebahn“. Es wurde von 24 Schülerinnen und Schüler des neunten Jahrgangs aller Schulzweige umgesetzt. Die Seite, die ständig weiterentwickelt wird, ist jetzt unter www.kgs-schneverdingen.com/projekte/kz-zuege-auf-der-heidebahn/ abrufbar.

Adolf Staack war auch am Nachmittag auf dem Friedhof in Wintermoor dabei, wo er gemeinsam mit Ortsvorsteherin Hendrikje Köster, beide sind auch SPD-Ratsmitglieder, die Gedenkstunde gestaltete. Staack erläuterte die Rolle der Heidebahn als Verbindungsachse, auf der KZ-Häftlinge unter unmenschlichen Bedingungen transportiert wurden und viele starben - auch gewaltsam durch Erschießung: „156 Tote verscharrte man während eines Zughaltes in Wintermoor am sogenannten Ententeich. Nach dem Einmarsch englischer Truppen wurden sie auf diesen Friedhof umgebettet“, berichtete Staack in seiner Rede. Er betonte, die Stimmen derer, die von den Schrecken der KZ-Transporte und der Zeit des Nationalsozialismus berichten könnten, würden weniger und leiser und irgendwann verstummen: „Und es gibt zunehmend Menschen, die diese einzigartigen Verbrechen kleinreden oder sogar leugnen oder als ‚Vogelschiss der Geschichte‘ abtun. Nein, wir werden das nicht akzeptieren, niemals.“ Staack weiter: „Lassen Sie uns die Erinnerung hochhalten und allen Leugnern, Ausgrenzern oder Rassisten aktiv entgegentreten. Lassen Sie uns alles dafür tun, unsere liberale Verfassung wertzuschätzen und zu verteidigen.“

Auf dem „neuen Friedhof“ war es Tatjana Bautsch, Vorsitzende des SPD-Ortsvereins Schneverdingen, die in ihrer Rede ebenfalls auf die KZ-Züge einging, die hin- und hergeschickt wurden und oft auf den Bahnhöfen etwa in Wolterdingen, Wintermoor, Handeloh und auch in Schneverdingen tagelang herumstanden - bei schlechter oder fehlender Versorgung der Gefangenen: „Viele Menschen starben so kurz vor Kriegsende elendig in der Vieh- oder Kohlewaggons der KZ-Züge, auch wurden Gefangene beim Versuch, Wasser und Nahrung zu bekommen oder zu fliehen erschossen. Ein Zug in Wintermoor wurde aus der Luft beschossen, weil er als Truppentransport angesehen wurde. 630 Menschen kamen allein entlang unserer Heidebahn-Strecke zu Tode. Hier in Schneverdingen wurden 62 Leichen von den Bewachern der KZ-Züge in einem Massengrab zwischen dem Bahngleis und dem Heidkampsweg verscharrt. Auch an anderen Orten entlang der Bahnlinie wurde so mit den Verstorbenen umgegangen. Am 27. April 1945 wurden diese 62 Menschen hier auf dem Friedhof in Einzelgräbern bestattet, auf ‚Anordnung der englischen Besatzungsbehörde‘, wie im Kirchenbuch vermerkt ist. Sie werden dort als ‚unbekannte Personen aus einem Eisenbahnzug mit politischen Gefangenen‘ bezeichnet.“

Die SPD-Vorsitzende unterstrich vor zahlreichen Gäste, darunter Bürgermeisterin Meike Moog-Steffens, mehrere Ratsmitglieder und Jusos aus Soltau, Neuenkirchen und Schneverdingen, die Unerlässlichkeit des Erinnerns und des Eintretens für ein friedliches Miteinander und mehr Europa: „Junge Sozialdemokraten aus Schneverdingen haben deshalb - wie jedes Jahr - einen zweiten Kranz hier niedergelegt. Das ist uns besonders wichtig, dass auch ganz junge Menschen mit in das Erinnern an die schrecklichen Ereignisse und den Kampf gegen Nationalismus und Fremdenhass eingebunden werden. Wir alle wollen nicht vergessen.“

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