„Wir lassen den Kopf nicht hängen“

Schneverdinger Schaustellerfamilie zu den Auswirkungen der Coronakrise

„Wir lassen den Kopf nicht hängen“

Liebesäpfel und Früchte am Spieß, mit feiner Schokolade aus Belgien überzogen: Süße Leckereien „auf die Hand“ sind die Spezialität von Alice und Mirco Greier sowie ihrer 16jährigen Tochter Lisa, die zwar noch zur Schule geht, ihre Eltern aber bereits tatkräftig unterstützt. Doch das, was die Schaustellerfamilie aus Schneverdingen gerade in der Coronakrise erlebt, ist für sie kein Zuckerschlecken, sondern mehr als bitter. Weil wegen der verordneten Vorsichtsmaßnahmen derzeit keine Volksfeste und Jahrmärkte über die Bühne gehen dürfen, gerät die Familie, wie derzeit die gesamte Branche, finanziell in Bedrängnis. Denn wenn Schausteller mit ihren Buden, Ständen oder Fahrgeschäften nirgendwo präsent sein können, dann haben sie natürlich kein Einkommen. Da gilt es, andere Wege zu finden, um die schwere Zeit überstehen zu können. Marktbeschicker, die Gaumenfreuden offerieren, haben zumindest die Möglichkeit, ihre Leckereien über das Internet anzubieten und an die Besteller auszuliefern. Und so bringt nun auch Familie Greier ihre fruchtigen Schoko-Genüsse per „Do it yourself“-Lieferdienst unter das Volk.

Sowohl Alice Greier, die aus dem Raum Dortmund stammt, als auch ihr Mann Mirco, dessen Familie aus Neuenkirchen kommt, sind Schausteller aus Leidenschaft. Beide Familien können auf lange Traditionen in diesem Gewerbe zurückblicken. „Meine Uroma und mein Uropa hatten 13 Kinder, von denen sich gut die Hälfte für die Schaustellerei entschied“, berichtet Mirco Greier. Während ein Teil der Neuenkirchener überwiegend in der hiesigen Region tätig gewesen sei, habe es seinen Vater mit der Zeit nach Hamburg gezogen. „Meine Eltern waren die ersten aus der Familie, die auf dem Hamburger Dom präsent waren“, so Greier. Auch für ihn und seine Frau ist das größte Volksfest des Nordens quasi ein zweites Zuhause, verbringt die Schaustellerfamilie doch bis zu drei Monate im Jahr auf dem Heiligengeistfeld. „Zunächst hatten wir einen Mandelstand. Gebrannte Mandeln machen wir zwar immer noch, haben uns aber im Laufe der Zeit auf Schokofrüchte spezialisiert“, berichtet der 37jährige. Mit ihrem farbenfrohen Stand „Greier‘s - Der Schokobrunnen“ ist die Familie samt Mitarbeitern auf Schützenfesten, Jahrmärkten und großen Volksfesten vertreten, unter anderem auch auf der Kieler Woche. Auf bis zu 30 Veranstaltungen im Jahr bietet sie ihre Naschereien an. „Unser Leben spielt sich auf Märkten ab“, bringt es Greier auf den Punkt. Die Absagen der Veranstaltungen wegen der Coronakrise haben die Familie aus der Heideblütenstadt - wie auch alle anderen Schausteller - schwer getroffen. „Wir kamen aus der zweimonatigen Winterpause, in der wir ohnehin keinen Umsatz hatten“, erklärt der Schneverdinger. Und dann habe plötzlich die Covid19-Pandemie einen dicken Strich durch die Jahresplanung gemacht.

Angesichts der Situation hat die Schaustellerfamilie, über die der NDR bereits einige TV-Beiträge gebracht hat, umgehend Soforthilfen beantragt. „3.000 Euro vom Land waren recht schnell auf dem Konto, aber das reicht natürlich nicht lange. Auf die Hilfen vom Bund warten wir noch. Wir haben auch keine Informationen, wie da der aktuelle Stand ist. Von anderen Schaustellern habe ich gehört, dass sie bislang noch gar nichts bekommen haben. Das mit der Soforthilfe läuft offenbar durchwachsen“, erklärt Greier: „Ich denke aber, dass die Hilfen noch kommen.“ Als Mitglied und Funktionsträger des Hamburger Schaustellerverbandes tauscht er sich per Telefon und über das Internet regelmäßig mit seinen Kolleginnen und Kollegen aus. Sie alle leiden massiv unter den Auswirkungen der Coronakrise, viele bangen um ihre Existenz. Schließlich droht der Schaustellerbranche der Umsatz eines gesamten Jahres wegzubrechen. Finanzielle Unterstützung sei daher dringend erforderlich, betont Greier. Er hat bereits mit den Bundestagsabgeordneten Lars Klingbeil (SPD) und Christoph Bernhard de Vries (CDU) Kontakt aufgenommen und hofft händeringend „auf eine schnelle und faire Lösung.“

„Wir wünschen uns einen Rettungsfonds für Schausteller und alle, die die komplette Härte der Coronakrise zu spüren bekommen. Und dazu muss ein einfaches und gerechtes Prüfverfahren her“, fordert der Schneverdinger. „Ich denke, die Arbeit der Verbände kommt bei der Politik an. Sie hat uns auf dem Schirm. Wir Schausteller sind ein Volk, das immer positiv nach vorn schaut, aber in dieser Situation blickt man schon mit einem leichten Magengrummeln in die Zukunft“, räumt der 37jährige ein, denn: „So etwas gab es noch nie. Selbst in Kriegszeiten fanden Jahrmärkte statt. Wir Schausteller werden am längsten betroffen sein - und davor habe ich ein wenig Angst. Man hat zwar Rücklagen, aber kein Betrieb kann ein Jahr ohne Umsätze auskommen.“ Es sei durchaus nachvollziehbar, dass es wegen der Corona-Pandemie keine Großveranstaltungen wie das Münchner Oktoberfest oder den Hamburger Dom geben dürfe. „Aber man kann das Oktoberfest ja nicht mit einem Jahrmarkt im Heidekreis vergleichen. Auf kleineren Veranstaltungen könnten die Abstandsregeln durchaus eingehalten werden, denn Wochenmärkte gehen ja auch. Und deshalb wünschen wir uns, dass jede Veranstaltung einzeln geprüft wird“, erläutert der Heidjer. Die Schaustellerverbände hätten den Entscheidungsträgern bereits Konzepte vorgelegt.

Weil ungewiss ist, wie und wann es weitergehen wird, hat Familie Greier einen Lieferdienst ins Leben gerufen, der fast den gesamten Heidekreis sowie auch einige Kommunen außerhalb umfaßt, zum Beispiel Scheeßel und Rotenburg/Wümme. Die finanziellen Einbußen kann die Familie so natürlich nicht vollständig kompensieren, verdient aber zumindest ein wenig Geld und bleibt auf Trab. „Wir lassen den Kopf nicht hängen“, sagt Greier. Seit Anfang dieses Monats nimmt die Familie per Telefon und „WhatsApp“ Bestellungen entgegen. Greier plant dann Routen und liefert die georderten Naschereien mit dem Fahrzeug aus. „Das macht uns schon Spaß“, unterstreicht der Schausteller. Am vergangenen Montag hatte er zum Beispiel eine 160-Kilometer-Tour, klapperte dabei Visselhövede, Wintermoor, Jesteburg, Evendorf, Munster und Neuenkirchen ab. „Beim Ausliefern merken wir, wie sehr wir den Leuten fehlen. Vor allem Kinder strahlen über das ganze Gesicht, wenn wir um die Ecke kommen“, berichtet der Schneverdinger. Inzwischen hat Familie Greier auch schon Großbestellungen erhalten, zum Beispiel von einer Visselhöveder Firma, die auf einen Schlag 45 schokoladisierte Fruchtspieße orderte. Dazu Greier: „Viele Leute wissen, wie schlecht wir in dieser Situation dran sind und unterstützen uns. Und das tut unendlich gut.“

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