„Wir wissen nicht, was los ist“

Keine direkte Kontaktaufnahme zu Stammzellenpatient für Schneverdinger Spender möglich

„Wir wissen nicht, was los ist“

Wenn Menschen anderen Menschen, noch dazu in einer lebensbedrohlichen Lage, helfen, dann ist das etwas ganz Besonderes. Und Sascha Schäfer aus Schneverdingen konnte helfen: Mit seiner Stammzellenspende rettete er vor etwas mehr als zwei Jahren einem jungen Franzosen, der an Leukämie erkrankt war, das Leben. Danach gab es einen anonymisierten Briefkontakt zwischen Spender und Patient - und den Wunsch, einander kennenzulernen. Der Schriftverkehr ist inzwischen abgebrochen, und ein Kennenlernen ist auch nicht möglich. Ein Umstand, den Sascha und seine Mutter Gabriele Schäfer nicht einsehen und kritisieren.

Als vor einigen Jahren in Schneverdinger eine Typisierungsaktion der DKMS (früher Deutsche Knochenmarkspenderdatei) lief, „hat sich auch unsere Familie typisieren lassen“, erinnert sich Gabriele Schäfer.

Vor gut zwei Jahren dann meldete sich die DKMS: „Es hatte sich ergeben, dass mein damals 27jähriger Sohn als Spender für einen leukämiekranken, etwa gleichaltrigen Fanzosen in Frage kam. Anfang 2018 haben wir ein entsprechendes Schreiben bekommen“, berichtet die Schneverdingerin. Und weiter: „Alles hat gut funktioniert und lief wie geplant - von der Voruntersuchung bis hin zur Spendenabgabe am 3. April 2018 in Köln. Wir haben dann erfahren, dass die Spende an den jungen Mann in Frankreich gegangen und erfolgreich verlaufen ist.“

Nach einer solchen Aktion werden wahrscheinlich die wenigsten unbeeindruckt zur Tagesordnung übergehen. Das gilt auch für die Schäfers. Und so hatten sie den Wunsch, Kontakt zu dem jungen Franzosen aufzunehmen: „Ein solcher Kontakt kann nur über die DKMS erfolgen und bleibt anonym“, so die Schneverdingerin. Das heißt, die Briefe sollten in englischer Sprache abgefasst sein und dürfen keine Hinweise auf die Person und Herkunft des Spenders enthalten. Das gleiche gilt auch umgekehrt für den Spendenempfänger, wenn er denn schreiben möchte.

Sascha und Gabriele Schäfer haben diese Möglichkeit genutzt: „Am 17. April 2018 haben wir zum ersten Mal geschrieben. Natürlich war uns klar, dass sich der junge Mann erst einmal gesundheitlich erholen musste, bevor er uns antworten würde.“ Und so dauerte es tatsächlich eine Weile, bis dann im Sommer 2018 ein Brief im Kasten landete. Im November desselben Jahres ließ Sascha Schäfer wieder von sich hören, worauf es im Sommer 2019 eine Antwort aus Frankreich gab.

In diesen Briefen standen keine großen Geschichten, aber die beiden jungen Männer hielten dadurch Kontakt und betonten beide, dass sie sich gern kennenlernen würden. „Daraus könnte eine lange Freundschaft entstehen“, meint die Schneverdingerin. Das aber, so kritisiert sie, sei in diesem Fall nicht möglich, denn die französischen Regelungen erlaube nur den anonymen Briefkontakt.

Prinzipiell sollen Spender und Spendenempfänger durch die Anonymisierung geschützt werden. Dabei legen die Länder aber verschiedene Maßstäbe an. In den USA, Kanada und Großbritannien beispielsweise ist nach Ablauf einer Anonymitätsfrist unter bestimmten Bedingungen ein direkter Kontakt möglich. Das gilt auch für Deutschland, wo diese Frist zwei Jahre beträgt. Aber eben nicht für Frankreich: Dort ist ein direkter Kontakt überhaupt nicht erlaubt.

Ein Faktum, mit dem sich Gabriele Schäfer und ihr Sohn nicht so einfach abfinden wollen. Hinzu kommt, dass es auf ein Schreiben von November 2019 noch keine Antwort aus Frankreich gegeben hat. Dazu erläutert die Schneverdingerin: „Wir haben noch einmal am 1. April 2020 geschrieben - bisher ohne Rückmeldung. Damit haben wir jetzt seit vergangenem Sommer nichts mehr von dem jungen Mann gehört. Wir wissen nicht, was mit ihm los ist, wie es ihm geht. Wir stehen da und wissen nichts, denn wir können uns nicht direkt an ihn wenden.“

Verständnis für das Anliegen von Sascha und Gabriele Schäfer zeigt da die DKMS durchaus, allerdings, so eine Sprecherin: „Wir wissen, dass dies eine schwierige Lage ist, aber es gibt Regeln, denen auch wir unterworfen sind. Uns sind da die Hände gebunden.“ Die Sprecherin verweist hier noch einmal auf die verschiedenen Richtlinien der jeweiligen Länder und die DKMS-Broschüre „Kontaktaufnahme zwischen Spender und Patient“ . So ist nicht nur in Frankreich der direkte Kontakt von Spendern und Spendenempfängern nicht erlaubt. Gleiches gilt etwa auch für Italien, die Schweiz und Spanien, wobei in den beiden letztgenannten auch nur ein einmaliger anonymer Kontakt erlaubt ist.

„Wenn sich jemand bereit erklärt zu spenden, dann ist das etwas Besonderes, ein großartiger Akt der Solidarität. Da ist es verständlich, dass sich diese Menschen den Patienten verbunden fühlen. So bekommen wir auch manchmal Anfragen zur möglichen Kontaktaufnahme. Wir erläutern dann die Möglichkeiten - und es gibt durchaus Verständnis für die jeweiligen Regularien“, so die Sprecherin weiter.

Sascha und Gabriele Schäfer indes mögen das nur widerwillig akzeptieren, auch wenn ihnen nichts anderes übrig bleibt: „Im schlechtesten Fall müssen wir uns dann doch damit begnügen.“ Und so bleibt wohl nur die Hoffnung, dass sich der jungen Franzose am Ende doch noch einmal melden könnte.

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