„Wir wollen die Stadt nach vorn bringen“

„Alte Schlachterei“: Fast 200 Zuhörer bei öffentlicher Sitzung der Mehrheitsgruppe SPD/Grüne

„Wir wollen die Stadt nach vorn bringen“

Was die Folgenutzung der maroden Immobilie „Alte Schlachterei“, Am Markt 2, in Schneverdingen angeht, so gibt es in der Heideblütenstadt durchaus unterschiedliche Meinungen, was auf diesem Filetgrundstück in der Stadtmitte entstehen und wer das Ganze bezahlen soll. Die Messer wurden jedoch nicht gewetzt bei der öffentlichen Gruppensitzung, zu der die Fraktionen der SPD und der Grünen im Schneverdiner Stadtrat am vergangenen Montagabend in den Bürgersaal der Freizeitbegegnungsstätte eingeladen hatten. Vielmehr gab es Informationen aus erster Hand und Gelegenheit zur Diskussion über das neue Konzept des Schneverdinger Kulturvereins für die Folgenutzung, der dieses im Rahmen des Abends vorstellte und umfassend erläuterte. Dabei konnten sich die Kulturschaffenden über prominente Unterstützung freuen, denn Schauspieler Rolf Becker, der in Wintermoor lebt, saß nicht nur im Publikum, sondern brach mit einer kurzen Ansprache auch eine Lanze für den Vorschlag des Kulturvereins: „Ich unterstütze das Konzept von ganzem Herzen“, betonte der 84jährige.

Freuen konnten sich die Organisatoren des Abends über große Resonanz. Fast 200 interessierte Bürgerinnen und Bürger füllten den Saal der Freizeitbegegnungsstätte. SPD-Fraktionsvorsitzender Rolf Weinreich, Sprecher der Mehrheitsgruppe SPD/Grüne im Stadtrat, begrüßte die Zuhörer, rund 65 Prozent davon Mitglieder des Kulturvereins. „Es geht heute Abend nicht darum, dass wir uns festlegen, sondern darum, mit den Bürgerinnen und Bürgern ins Gespräch zu kommen.“ Schließlich sei es auch Bestandteil der Gruppenvereinbarung der SPD und der Grünen, die Bevölkerung vor wichtigen Entscheidungen des Stadtrates im Zuge von öffentlichen Informationsveranstaltungen in den Meinungsbildungsprozess einzubeziehen.

Zwar hatte der Kulturverein sein Konzept zur Folgenutzung der „Alten Schlachterei“ bereits im November vergangenen Jahres über die Presse öffentlich vorgestellt (HK berichtete), nichtsdestotrotz nutzten Dr. Carsten Bargmann, Vorsitzender des Kulturvereins, sowie 2. stellvertretender Vorsitzender Christian Wildtraut den ersten Teil des Abends dazu, die aktuelle Situation des Kulturvereins und das Konzept für die Immobilie noch einmal zu erläutern. „Der Kulturverein hat einen immensen Wandel erlebt. Wir haben immer mehr aktive Gruppen, die wir in der Kulturstellmacherei nicht mehr unterbekommen. Außerdem läuft im Jahr 2023 der Mietvertrag aus“, machte Bargmann deutlich. Der Kulturverein habe also „ein massives Raumproblem.“

Das untermauerte der Vorsitzende mit Zahlen: Im Jahr 2018 habe der Kulturverein 116 Veranstaltungen mit Kartenverkauf und Publikum organisiert, zudem habe es 168 Treffen im soziokulturellen Bereich, zum Beispiel Improvisationstheater, Bandproben und Literaturkreise, gegeben. „Das ist für eine Kleinstadt wie Schneverdingen immens“, konstatierte Bargmann. Er rechne damit, „dass die Nachfrage nach eigener kultureller Betätigung in Schneverdingen nachhaltig ansteigen wird.“

Alternative Veranstaltungsorte wie FZB-Jugendbereich und Theeshof wolle der Kulturverein zwar auch künftig bespielen, jedoch stünden diese nur eingeschränkt zur Verfügung, vor allem nicht für soziokulturelle Aktivitäten kleinerer Gruppen. Auch die Möglichkeiten, Konzerte in Gastronomiebetrieben zu veranstalten, verringerten sich. „Der Wirt des ‚La Habana‘ hat uns zum Beispiel mitgeteilt, dass es dort ab April keine Konzerte mehr geben wird“, berichtete Bargmann. „Die Kernaufgabe des Vorstandes ist es, satzungsmäßige Ziele des Kulturvereins umzusetzen. Und dazu brauchen wir die entsprechenden Räumlichkeiten“, betonte der Vorsitzende: „Wir haben deshalb geprüft, ob die ‚Alte Schlachterei‘ eine Option für uns ist.“

Da sich dies herauskristallisierte, begannen die Verantwortlichen mit der Entwicklung eines Konzepts, basierend auf den von den Schneverdingern beim Bürgerforum im Januar 2019 favorisierten Entwürfen der inzwischen aufgelösten Bürgerinitiative „BASS“ und des von der Schneverdinger Wählergemeinschaft (SWG) beauftragten Hamburger Architekturbüros „SNAP“. „Wir haben mit Stadtverwaltung und Politik gesprochen und versucht, eine Synthese aus beiden Konzepten zu bilden“, erläuterte Wildtraut, der diesen Entwurf des Kulturvereins für ein soziokulturelles Zentrum vorstellte.

Geplant ist eine Kombination aus Putzbaukörper und Backsteinbau, verbunden durch einen Glasteil. Im Erdgeschoss soll sich ein Veranstaltungssaal befinden, der Raum für 120 Sitzplätze bietet und in zwei kleinere Einheiten abgeteilt werden kann. Zusätzlich soll er über eine 40 Quadratmeter große Bühnenpodestfläche samt Hinterbühnenbereich verfügen. Geplant ist zudem ein Foyer. Im Obergeschoss soll ein Galeriebereich entstehen, wobei es gegenüber der Bühne Platz für Regie und Technik geben soll. Weiterhin sollen im Obergeschoss das Büro der Geschäftsstelle des Kulturvereins, ein Multifunktionsraum, ein Empfang für den Kartenvorverkauf, ein Abstellraum und die WC-Räume untergebracht werden. Im Untergeschoss des Eckgebäudes ist ein Lokal geplant, das vermietet werden soll. Barrierefreiheit soll durch einen Aufzug gewährleistet werden.

Am Gebäude werde eine Platzsituation geschaffen, es gebe eine Sichtachse von der Schulstraße in Richtung Kirchturm, eine Wegeverbindung von der Innenstadt an der Kirche vorbei zum Walter-Peters-Park und Grünanteile in der Umfeldgestaltung. „Wir sehen ein erhebliches Potential zur Innenstadtbelebung - und das kann Schneverdingen gut gebrauchen“, betonte Wildtraut.

Auch über die Finanzierung hat sich der Kulturverein Gedanken gemacht und in Abstimmung mit der Stadtverwaltung verschiedene Möglichkeiten erarbeitet und durchgerechnet. Die Initiatoren favorisieren die Variante, dass der Kulturverein als Bauherr und Hauptnutzer fungiert und die Stadt den Defizitausgleich übernimmt. Laut Wildtraut könne die Investitionssumme in Höhe von insgesamt rund 2,1 Millionen Euro auf diese Weise deutlich reduziert werden. Der Kulturverein könne durch seine Mitglieder Planungsleistungen in Höhe von rund 200.000 Euro honorarfrei erbringen. „Hier haben wir bereits feste Zusagen von Statikern und Fachplanern“, so Wildtraut. Weitere 150.000 Euro wolle der Verein durch Sach-, Material- und Geldspenden sowie Crowdfunding zusammenbekommen. Darüber hinaus plane der Kulturverein mit Eigenkapital aus Benefizveranstaltungen und durch Eigenleistungen von Mitgliedern in Höhe von 150.000 Euro. Weiterhin werde mit einer Landesförderung in Höhe von 200.000 Euro und einem Investitionszuschuss der Stadt in Höhe von 100.000 Euro gerechnet. Damit sinke die erforderliche Kreditaufnahme von 2.132.000 auf 1.332.000 Euro. Laut Wildtraut beliefen sich die Finanzierungskosten somit auf etwa 66.600 Euro jährlich, die durch eine Defizitabdeckung der Stadt getragen werden müssten.

Bargmann stellte den möglichen Zeitplan für das Vorhaben vor und betonte, dass das Kulturzentrum in der Stadtmitte ein Projekt nicht nur für den Kulturverein, sondern für alle Bürger und Vereine sei: „Wir machen das nicht für uns selbst. Wir wollen die Stadt nach vorn bringen und noch attraktiver und lebenswerter machen.“ An exponierter Stelle könnte ein „Ort der Begegnung, ein Treffpunkt für jung und alt“ entstehen, von dem auch Handel und Gastronomie profitierten. Es handele sich „nicht um eine Investition in Kultur, sondern in ein attraktives Gebäude auf einem der wertvollsten Grundstücke der Stadt.“ Die Wertsteigerung dürfte „in den kommenden Jahren erheblich sein“, meinte der Vorsitzende. Bislang allerdings seien dies alles lediglich Ideen, da die Mitglieder des Kulturvereins in ihrer Jahreshauptversammlung am 31. Januar zunächst über das Konzept abstimmen müssten. Sollte die Mehrheit grünes Licht geben, dann sei die Politik am Zuge.

Das Leben ist bekanntlich kein Wunschkonzert - und so verwies Weinreich auf die aktuelle Haushaltssituation. Das Zahlenwerk 2020 sei zwar ausgeglichen, „aber wir haben keine Überschüsse.“ Die Stadt stehe ohnehin vor großen Investitionen, der Ergebnishaushalt sei „ausgelutscht“. „Wir haben eine schwarze Null, aber sie wird langsam grau. Aus haushaltspolitischer Sicht ist die Stadt gesund, aber wir dürfen es nicht übertreiben“, erläuterte der Sprecher der Mehrheitsgruppe. Er gab zu bedenken, dass es mit einer einmaligen Investition nicht getan sei, sondern es eben auch Folgekosten gebe.

In der Diskussion gab es viel Zustimmung für die Idee des Kulturvereins, aber auch einige kritische Stimmen. So bezeichnete Holger Dierking, Betreiber der Veranstaltungshalle „Funhouse“, die Finanzierungsvariante der Ideengeber als „fragwürdig“. Seiner Meinung nach gebe es ausreichend Möglichkeiten, kulturelle Veranstaltungen durchzuführen - auch im „Funhouse“. Für das Kulturzentrum werde viel Technik benötigt - „und Technik ist nicht günstig.“

Auch Jürgen Schulz von der Schneverdinger Wählergemeinschaft (SWG), die das Konzept ablehnt, meldete sich zu Wort. Der Kulturverein rechne mit 100.000 Euro für Einrichtung und Bühnentechnik. „Das muss nicht sein. Wir wollen Doppelstrukturen vermeiden.“ Er, Schulz, hätte sich eine Umsetzung des von der SWG in Auftrag gegebenen „SNAP“-Konzeptes gewünscht. „Ich meine, dass ein abgespecktes Kulturzentrum auf Grundlage dieses Konzeptes verwirklicht werden könnte. Dort könnte es auch soziokulturelle Veranstaltungen geben.“ Ähnlich äußerte sich sein Sohn Sören, der im Kulturvereinskonzept „schöngerechnete Zahlen“ vermutet und zudem fragte: „Ist es Aufgabe des Kulturvereins, Häuser zu bauen? Und wer haftet, wenn das Ganze in die Hose geht?“ Hier antwortete Bargmann direkt, verwies auf das Vereinsrecht und unterstrich: „Wir machen seit fast 20 Jahren sehr erfolgreich Kulturarbeit und trauen uns zu, das nachhaltig abzusichern.“

Gerhard Behrens befürchtete, dass das Vorhaben letztlich Steuererhöhungen nach sich ziehen könnte: „Ich persönlich bin nicht bereit, das für die Kultur zu bezahlen.“ Zahlreiche Zuhörer, darunter prominente Schneverdinger, brachen hingegen eine Lanze für das Vorhaben. Ebenso Roland Schmid, früherer Vorsitzender des Handels- und Gewerbevereins. Die Stadt habe sich in den vergangenen Jahren im Vergleich zu anderen Kommunen gut entwickelt - und das sei auch ein Verdienst des Kulturvereins: „Geben Sie diesem Konzept eine Chance“, appellierte Schmid.

Dieter Möhrmann trat hingegen ein wenig auf die Euphoriebremse. Zwar habe er seinerzeit vor dem Bau des „LichtSpiel“-Kinos zu den Skeptikern gezählt und sei eines Besseren belehrt worden. Das Kulturzentrum indes habe eine weitaus größere Dimension. „Mal eben 500.000 Euro auf die Beine zu stellen, das ist eine ganz andere Hausnummer“, warnte der SPD-Politiker. Es gelte, die Folgekosten im Blick zu haben. Zudem stelle sich die Frage, ob diese Ausgaben im angemessenen Verhältnis zu anderen Investitionen stünden. Und dann sei da auch noch „die Parkplatzfrage, die nicht erörtert worden ist.“ Vor allem aber müsse bedacht werden, dass ein Förderantrag des Kulturvereins geplante Großprojekte, die ebenfalls mit erheblichen Fördermitteln realisiert werden sollen, zum Beispiel die „Alte Schule“ und das „Bürgerzentrum Snevern“ sowie das barrierefreie Basiswegenetz für Fußgänger, gefährden könnten. All diese Aspekte müssten berücksichtigt werden. Sollte der Rat tatsächlich über das Konzept abzustimmen haben, so stehe das Gremium vor einer schwierigen Entscheidung. Er, Möhrmann, hoffe dann auf eine Entscheidung auf möglichst breiter Basis - „und nicht mit einer knappen Mehrheit.“

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