„Zu Hause wäre ich allein - hier nicht“

Die Schneverdinger Senioren-WG „Lebensraum“ öffnet sich auch für jüngere Menschen mit Pflegebedarf

„Zu Hause wäre ich allein - hier nicht“

Sie hat zwar einen Flachbildschirm in ihrem Zimmer, viel mehr Freude indes bereitet ihr das „Natur-TV“ mit weitaus größerem „Bildschirm“ gleich daneben, denn auf dem Balkon von Irma Evers steht ein Vogelhäuschen. Und wenn sie durch Balkontür und -fenster schaut, dann freut sich die Seniorin über gefiederte Besucher der verschiedensten Arten. „Es kommen Meisen, Blaumeisen, Buchfinken und Kleiber. Aber ich hatte auch schon Eichhörnchen hier, die sich etwas geholt haben. Gut, daß mir eine Freundin, die ich im Seniorenzentrum „Schaukelstuhl“ kennengelernt habe, regelmäßig Futter mitbringt“, schmunzelt die 86jährige. Sie lebt in einer Wohngemeinschaft der besonderen Art in der Schneverdinger Bahnhofstraße 34. „Lebensraum“ heißt die ambulant betreute WG, in der Seniorinnen und Senioren unter dem Motto „Einsam alt war gestern“ selbstbestimmt leben. Künftig sollen in der familienähnlichen Wohnform auch jüngere Menschen, die Pflegebedarf haben, einziehen können. Diese Idee begrüßen die derzeit sieben Bewohner im Alter von 62 bis 95 Jahren ausdrücklich, auch Irma Evers. Sie hat, wie die anderen Mieter, Mitspracherecht, was die Wahl der Mitbewohnerinnen und -wohner angeht.

Die 86jährige lebt seit fast zwei Jahren in der WG. „Zu Hause wäre ich allein, hier bin ich das nicht. Hier fühle ich mich wohl“, so die Seniorin. Die gebürtige Ilhornerin hat vor ihrem Umzug nach Schneverdingen in Oldenburg gelebt, ihre Nichte wohnt in Ilhorn. „Mein Sohn aus Regensburg hat mich über Ostern besucht und gesagt, daß er sehr froh ist, daß es mir hier so gut geht“, berichtet die Wahl-Schneverdingerin. Und weiter: „Es ist immer jemand hier - und sie sind alle nett.“ Auch mit ihren 86 Jahren ist sie eine Frühaufsteherin. „Hier kann man zwar den ganzen Vormittag über frühstücken, aber ich stehe immer zwischen 7 und 7.30 Uhr auf. Dann hat man nämlich noch den ganzen Tag vor sich“, sagt die Rentnerin mit einem Augenzwinkern. Langeweile kommt nicht auf, denn Evers ist, wie sie betont, „sehr aktiv“. In der WG selbst wird für Beschäftigung gesorgt, aber wer möchte, kann auch die Angebote des Seniorenzentrums „Schaukelstuhl“ nutzen. Junge Leute, die den Bundesfreiwilligendienst absolvieren, holen die Mieter regelmäßig mit dem Bus ab und bringen sie auch wieder zurück. Im Seniorenzentrum gibt es einmal wöchtenlich ein gemeinsames Frühstück mit Mädchen und Jungen aus der Kindertagespflege „Schaukelpferd“. Darauf freut sich Evers immer ganz besonders: „Die Kinder laufen schon auf uns zu, wenn wir zum Frühstück kommen. Es ist schön, wenn sie mit einbezogen werden.“ Dreimal in der Woche nutzt sie die Angebote im „Schaukelstuhl“, macht dort unter anderem beim Gedächtnistraining und beim „Liederkarussell“ mit. „Da sind alle sehr nett. Wenn jemand mal nicht da ist, wird er vermißt. Es ist schon schön, daß es diese Einrichtung gibt“, betont die Seniorin, die gern auf dem Schneverdinger Wochenmarkt unterwegs ist, zu dem sie regelmäßig gefahren wird.

Aber auch in der WG legt sie nicht die Hände in den Schoß, hilft zum Beispiel beim Kartoffelschälen in der großen Wohnküche, in der täglich frisch gekocht wird. Was auf den Tisch kommen soll, das besprechen die Mieter gemeinsam. „Jeder schlägt etwas vor. Ich bin mit dem Essen zufrieden“, betont die Rentnerin. Wie alle Mieter kann sie ihren Tagesablauf selbst bestimmen. Ob Aufstehen oder zu Bett gehen - feste Zeiten gibt es nicht. Und so haben die Mieter immer jemanden zum „Schnacken“, können sich aber jederzeit in ihre vier Wände zurückziehen, wenn sie ihre Ruhe haben wollen. Es waren einige bürokratische Hürden zu nehmen, bevor das Projekt im Jahr 2011 an den Start gehen konnte. „Die Idee, in Schneverdingen eine Senioren-WG ins Leben zu rufen, hat mich seinerzeit sofort überzeugt. Der zentrale Standort und die komfortable Größe meiner Immobilie boten die idealen Voraussetzungen, dieses innovative Konzept realisieren zu können“, so Immobilienbesitzerin Gilda Reitinger. Die WG „Lebensraum“ habe sich in den vergangenen Jahren „als eine zusätzliche, selbstbestimmte Wohnmöglichkeit mit familienähnlichen Strukturen für Senioren in Schneverdingen sehr erfolgreich etabliert.“

Das Haus in der Bahnhofstraße ist hell, freundlich und natürlich barrierefrei gestaltet. Das kleinste Zimmer bietet 16,78 Quadratmeter, die größte Wohneinheit 38,42 Quadratmeter. In letzterer lebt Evers. „Ich habe zwei Zimmer. Da bin ich privilegiert“, so die Seniorin lächelnd. Derzeit leben sieben Mieterinnen und Mieter in der Wohngemeinschaft, drei Zimmer sind zu vergeben.

Neben der Gemeinschaftsküche verfügt das Haus über einen zentralen Wohnraum sowie ein modernes Bad mit Pflegebadewanne. Erd- und Obergeschoß sind durch einen Fahrstuhl verbunden. Die Mieter haben mit Ausnahme von Irma Evers jeweils ein Einzelzimmer. Für die nächtliche Betreuung und die 24stündige Anwesenheit der Präsenzkräfte haben die Mieter einen Pflegevertrag mit dem Schneverdinger Verein zur Pflege Hilfsbedürftiger abgeschlossen. Die Präsenzkräfte sorgen für einen gepflegten und hygienischen Haushalt, und die Wäsche wird im Haus gewaschen.

Vielen Heidjern sei indes nicht bewußt, daß es in der Heideblütenstadt eine Seniorenwohngemeinschaft gebe, so Ulrike Röhrs, Geschäftsführerin des Vereins zur Pflege Hilfsbedürftiger. Sie bricht eine Lanze für das Konzept: „Es müssen nicht immer examinierte Kräfte vor Ort sein. Die Bewohner brauchen vielmehr jemanden, der Zeit hat, der zuhört und Ansprechpartner ist bei Alltagssorgen.“ Anders sehe dies freilich bei der Behandlungspflege aus. „Leistungen wie Spritzen geben oder Verbände anlegen übernimmt natürlich examiniertes Personal“, betont Röhrs.

Anders als im Pflegeheim haben die Mieter der Wohngemeinschaft keinen Heimvertrag, sondern drei Verträge: einen Mietvertrag, eine Vereinbarung mit der Mietergemeinschaft und einen Pflegevertrag. Die Abrechnung erfolgt als ambulante Pflege. Die Mieter bestimmen gemeinsam über Anschaffungen und treffen sich regelmäßig zu Mieterversammlungen, bei denen auch die Betreuer, tagsüber sind zwei Präsenzkräfte im Hause, mit von der Partie sind.

Wer einzieht, kann sein Zimmer nach eigenen Wünschen farblich gestalten und einrichten. Besuch kann jederzeit empfangen werden. Angehörige sind dazu eingeladen, auf vielfältige Art und Weise mitzuwirken, etwa Ausflüge zu begleiten. „Meine Nichte bepflanzt mir meinen Balkon“, nennt Evers ein Beispiel. Sollte sich bei einem Mieter die Gesundheit akut verschlechtern, kann er trotzdem in seinen vier Wänden bleiben. „Die Mieter können bis zu ihrem Lebensende in der WG wohnen“, berichtet Röhrs. Bei Bedarf können die Bewohner Pflege- und Serviceleistungen hinzukaufen - und sollten Dienstleistungen gewünscht werden, wird dies gemeinsam mit der Mietergemeinschaft geregelt. Was die Pflege angeht, so richtet sich die Zuzahlung auch nach dem Hilfebedarf. Es besteht Anspruch auf häusliche Krankenpflege und unter Umständen bezuschußt das Sozialamt Hilfe zur Pflege.

Interessierte, die sich über die ambulant betreute Wohngemeinschaft informieren möchten, können sich unter Ruf (05193) 52715 melden. Sowohl Röhrs als auch Mieterin Evers finden es prima, daß in der bisherigen Senioren-WG künftig auch jüngere Menschen, die Pflegebedarf haben, zum Beispiel nach einem Unfall, leben können. „Ich finde, das kann eine Bereicherung sein“, so Röhrs. Da pflichtet ihr die 86jährige bei: „Auch junge Leute haben viel zu erzählen.“

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