„Pyramiden“ gegen Massenvermehrung

Im Kampf gegen Borkenkäfer setzen die Niedersächsischen Landesforsten auch auf „TriNet“-Fallen

„Pyramiden“ gegen Massenvermehrung

Im alten Ägypten stand der Heilige Pillendreher, ein Käfer aus der Familie der Blatthornkäfer, unter anderem als Symbol für die Auferstehung. Den Toten wurden seinerzeit Skarabäen, kleine Käferamulette, als Grabbeigabe zum Schutz im Jenseits mitgegeben. Die kleinen „Pyramiden“, die derzeit in vielen Wäldern in der Region zu sehen sind, haben allerdings nichts mit der Verehrung von Käfern zu tun, sondern mit deren Vermehrung. Bei den spitzen Gebilden handelt es sich nämlich um sogenannte „TriNet“-Fallen, die dabei helfen sollen, die Ausbreitung von Käfern zu verhindern. Natürlich geht es hier nicht um Heilige Pillendreher. Vielmehr sind es Borkenkäfer, speziell die Unterarten Buchdrucker und Kupferstecher, die sich aufgrund der für sie im vergangenen Jahr hervorragenden Bedingungen explosionsartig vermehrt haben und Forstleuten und Waldbesitzern auch in diesem Jahr die Sorgenfalten ins Gesicht treiben.

Es waren verheerende Schäden, die der Sturm mit dem friedlich klingenden Namen Friedericke im Januar des vergangenen Jahres angerichtet hatte. Doch das war aus Sicht der Forstwirtschaft nicht das Ende der Fahnenstange. Vielmehr folgte eine außergewöhnliche Sommerdürre, unter der insbesondere auch die Fichtenwälder, die etwa ein Viertel der Fläche der Niedersächsischen Landesforsten bedecken, zu leiden hatten. Viele der Bäume waren durch Trockenstreß entsprechend geschwächt - und damit schließlich ein leichtes Opfer für die Borkenkäfer, der sich in erster Linie über diese Nadelbäume hermachen. Buchdrucker und Kupferstecher wiederum vermehrten sich aufgrund der für sie idealen Brutbedingungen explosionsartig. Laut Niedersächsischen Landesforsten waren „besorgniserregende Waldschäden“ die Folge. Mit rund 1,6 Millionen Kubikmetern Sturmholz sowie 700.000 Kubikmetern Kalamitätsholz infolge der Trockenheit und des Borkenkäferfraßes sei dies in ihren Wäldern der größte Schaden seit Jahrzehnten gewesen.

Die Niedersächsischen Landesforsten bewirtschaften mit 335.000 Hektar fast ein Drittel des Waldes in Niedersachsen. Sie bilanzierten für 2018 einen Gesamtschaden in Höhe von rund 130 Millionen Euro, „verursacht durch Stürme, Trockenheit, Borkenkäfermassenvermehrung und Ertragsausfälle.“ Das schlägt schon mächtig ins Kontor, doch andere Regionen wie den Harz, Solling und Wälder im Leinebergland hat es sogar noch härter getroffen.

Die Forstleute hatten in der Folge auf einen langen, nassen und wechselfeuchten Winter gehofft, doch dieser ist bekanntlich ausgeblieben. Und so ist die Massenvermehrung des Borkenkäfers nun wieder ein großes Thema, zumal die natürliche Abwehr der stehenden Fichten durch Harzfluß aufgrund des Trockenstresses der Bäume geschwächt ist. So sind sie ein gefundenes Fressen für die Käfer, die in großen Massen ausschwärmen und sich neue Brutplätze unter der Fichtenrinde suchen. „Das ist schon ein Riesenproblem für uns“, betont Knut Sierk, Pressesprecher der Region Nordost der Niedersächsischen Landesforsten. „Unsere ganze Arbeit steht derzeit unter dem Zeichen Borkenkäferbekämpfung. Man kann sagen: Wir stellen uns schützend vor unseren Wald.“

Wie dies in der Praxis funktioniert, zeigt Sierk am vergangenen Mittwoch in Sellhorn. Mit dem Allradfahrzeug geht es vom Forstamt aus in ein Waldstück in der Nähe. Auf einem Waldweg stoppt Sierk den Wagen vor einer großen Schlammpfütze. Der Motor ist noch nicht aus, da huschen auch schon zwei Rehe vorbei. Nach rund 50 Metern Fußmarsch auf morastigem Untergrund ist eine Lichtung erreicht. Dort stehen einige der ominösen „Pyramiden“, die aus der Nähe betrachtet eher wie Tipi-Zelte im Miniaturformat aussehen.

„Auch das hier war mal Wald“, sagt Sierk. Dort, wo vor dem Borkenkäferbefall etliche Fichten standen, sind jetzt nur noch vereinzelt Bäume zu sehen. Die befallenen Exemplare wurden allesamt entfernt. Auf der „kahlen Stelle“ prägen nun die „TriNet“-Fallen das Bild. Sie ziehen mit Hilfe von künstlichen Pheromonen die nur rund drei bis fünf Millimeter langen Buchdrucker und die noch kleineren Kupferstecher geradezu magisch an. Die angelockten Borkenkäfer landen auf einem mit einem Insektizid beschichteten, feinmaschigen Netz und sterben nach dem Kontakt ab.

Das Aufstellen der zeltartigen Konstruktionen sei aber nur ein ergänzende Maßnahme im Kampf gegen die Borkenkäfer, erläutert Sierk: „An erster Stelle steht die saubere Wirtschaft“. Dabei gelte es, zunächst das liegende Material zu entfernen, was bereits geschehen sei. Besonders wichtig sei es, die Fichtenwälder regelmäßig im Auge zu behalten. Dazu hätten die Forstleute alles in „Claims“ aufgeteilt, um die Beobachtung der Fichtenbestände auf möglichst viele Schultern zu verteilen. Die Förster achten dabei auf Hinweise wie Bohrmehl an Stämmen und Ästen, auf Harztrichter, die auf Abwehrreaktionen hindeuten, sowie auf Spechtabschläge. Auch wenn die Bäume ihre grünen Nadeln abwerfen, könnte dies ein Hinweis auf Borkenkäferbefall sein.

Haben sich Käfer erst einmal in den Stamm gebohrt, ist Eile geboten, denn dann müssen die betroffenen Fichten schnellstmöglich entfernt werden. Mit dem Fällen sei es jedoch nicht getan, so der Pressesprecher: „Nach Möglichkeit müssen die befallenen Stämme so schnell wie möglich aus dem Wald raus, damit die sich darin vermehrenden Borkenkäfer nicht ausschwärmen und weitere Fichten befallen können. Das Holz sollte deshalb fernab von Fichtenwäldern gelagert werden.“

Das allerdings gestaltet sich derzeit schwierig. Die Holzpreise sind wegen des Überangebots im Keller, die Lagerkapazitäten begrenzt und die Sägewerke kommen angesichts voller Auftragsbücher nicht mehr hinterher. Für die Niedersächsischen Landesforsten hat es nun oberste Priorität, die massenhafte Verbreitung der Borkenkäfer zu verhindern.

Im vergangenen Jahr haben die Borkenkäfer laut Sierk sogar eine dritte Generation hervorbringen können, was das Ganze nun verschärfen könnte. „Man geht davon aus, daß sich ein Käferpärchen, das aktiv ist, auf bis zu 30.000 Exemplare vermehrt“, so der Pressesprecher. „Es ist ein gewaltiger Käferbestand, mit dem wir in den Winter gegangen sind. Und der ist im milden Winter nicht abgestorben.“ Wichtig sei es nun, nach Möglichkeit zu verhindern, daß sich die Käfer in stehende Bäume einbohrten und so weiter massiv vermehrten.

Forstleute und auch private Waldbesitzer, die ebenfalls „TriNet“-Fallen aufstellen, sind nun bemüht, die Lage mit den von ihnen getroffenen Maßnahmen in den Griff zu bekommen. „Wir hoffen, daß es in diesem Jahr nicht wieder drei Borkenkäfergenerationen geben wird“, unterstreicht Sierk. Er spricht in diesem Zusammenhang „von einer Bedrohung für den Wald, die auch existentiell sein kann, besonders natürlich für reine Fichtenbetriebe.“

Die Niedersächsischen Landesforsten setzen bei der Aufforstung bereits seit Jahren auf eine Mischung verschiedener Baumarten. Dazu Sierk: „Wenn man dieser Situation etwas Positives abgewinnen möchte, dann kann man sagen, daß der Borkenkäfer den Waldumbau beschleunigt. Aber er stellt uns vor Herausforderungen, die wir so nicht eingeplant haben. Wir würden das lieber sukzessive machen.“

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