10.000mal mit Dämonen „geflogen“

69jähriger „Achterbahnkönig“ Fred Tesch aus Soltau mag es rasant

10.000mal mit Dämonen „geflogen“

Wenn einer eine Reise tut, so kann er was erzählen. Das trifft ganz besonders auf den 69jährigen Fred Tesch zu. Der Rentner ist seit vielen Jahren Achterbahnenthusiast und hat auf seiner Suche nach beeindruckenden Kurven knapp 70 Freizeitparks in Deutschland, den Niederlanden, Belgien, Frankreich, Italien, Großbritannien, den USA und den Vereinigten Arabischen Emiraten besucht, um seinem außergewöhnlichen Hobby zu fröhnen. Seine Liebe zu Achterbahnen war es auch, die den gebürtigen Westfalen aus seiner Heimatstadt Münster in die Heide führte. Im Jahr 2014 ist er in den Ruhestand gegangen und ein Jahr später in die Böhmestadt gezogen. Den Soltauer Heide-Park kennt er aus dem Effeff, urlaubte er doch bereits seit 1999 mehrfach im Jahr in der Böhmestadt, um auf den Fahrattraktionen im Freizeitpark „Meter zu machen.“ Im Laufe der Jahre hat Tesch einige Rekorde aufgestellt und nennt sich inzwischen „Achterbahnkönig“. Als leidenschaftlicher Wiederholungstäter in Sachen Rasanz führt der gelernte Feinmechaniker penibel Buch über seine Fahrten. Einen besonderen Rekord stellte er jetzt mit seiner Lieblingsbahn im Heide-Park auf: Den „Flug der Dämonen“ absolvierte er zum nunmehr 10.000 Mal.

„Achterbahnfahren ist für mich Erholung“, so der Wahl-Soltauer. „Am Strand herumzuliegen und dem Kreischen der Möwen zuzuhören, das ist einfach nichts für mich. In Freizeitparks bewege ich mich und lerne viele Menschen kennen“, berichtet der „Achterbahnkönig“. Von 1975 bis 2014 hat er als Küster und Hausmeister bei der Evangelischen Andreas-Kirche in Münster gearbeitet. Der Vater eines Sohnes und einer Tochter ist seit 1997 geschieden. Mit seinen Kindern hatte er früher schon gern Freizeitparks besucht, zumal der Nachwuchs seine Begeisterung für schnelle Fahrten teilte. „Nach meiner Scheidung hatte ich Zeit und mich gefragt, was ich als Rentner machen will. Briefmarkensammeln kam für mich nicht in Frage. Ich wollte raus an die frische Luft und unter Leute.“

Kurz vom dem Eintritt in den Ruhestand setzte er sich an seinen Computer und arbeitete eine Tour aus, die er schließlich auch in Angriff nahm. „In 26 Tagen habe ich 24 Freizeitparks in ganz Deutschland besucht. Von Süd nach Nord und West nach Ost. Ich bin insgesamt 7.700 Kilometer gefahren und habe in dieser Zeit 78 verschiedene Achterbahnen ausprobiert“, so Tesch. Und so wurde das Hobby zur Passion.

Weil er bei seinen regelmäßigen Urlauben in Soltau viele Einwohner kennengelernt und sich einen Freundeskreis aufgebaut hatte, brach er als Rentner seine Zelte in Münster ab und zog ins „Herz der Heide“. Um das Angenehme mit dem Nützlichen zu verbinden, nahm Tesch einen Mini-Job im Heide-Park an. Einen Monat war er an Fahrgeschäften eingesetzt, dann wechselte er in die Betreuung der Besucher. Als sogenannter „Expreß-Butler“ garantiert er seitdem Parkgästen, die diesen Service buchen, kürzere Wartezeiten an den Achterbahnen. Immer, wenn seine Zeit es zuläßt, steigt er selbst ein. Und so ist er bislang unter anderem schon 3.800mal „Colossos“ gefahren, 2.500mal „Desert Race“ und 2.500mal „Krake“. Seine Lieblingsbahn war und ist allerdings der „Flug der Dämonen“. 15 Millionen Euro hat der Heide-Park in den sogenannten „Wing Coaster“ investiert, der Ende März 2014 eröffnet wurde. Die Strecke ist 772 Meter lang, rund 40 Meter mißt der höchste Punkt. Die beiden Züge, die jeweils 24 Achterbahnfreunde befördern, erreichen Spitzengeschwindigkeiten von bis zu 100 Stundenkilometern. Das Besondere ist, daß die Sitze im Gegensatz zu anderen Bahnen neben den Schienen angeordnet sind. Die Fahrgäste haben daher das Gefühl, auf den Flügeln (Englisch: wings) mitzufahren. Acht „Flug“-Manöver sorgen für den Adrenalinrausch, wobei die Insassen fünfmal kopfüber unterwegs sind. Dabei werden die Passagiere mit dem bis zu Vierfachen ihres Körpergewichts in die Sitze gedrückt.

Tesch liebt diese Bahn. Mitte April 2016 ist er sie an einem einzigen Tag stolze 70mal gefahren. Er hat immer einen Klickzähler dabei, registriert damit jede absolvierte Fahrt und trägt alles in ein Notizbuch ein. Eigentlich war er davon ausgegangen, die 10.000. Fahrt im „Flug der Dämonen“ erst im kommenden Jahr zu erreichen. Doch es ging schneller, als erwartet. „Ich habe es geschafft“, freut sich der gebürtige Münsteraner und schaut auf 336 Stunden in dieser Achterbahn zurück, mit der er insgesamt 7.720 Kilometer „geflogen“ ist - mehr als 50.000mal kopfüber. „Einen Adrenalin-Kick bekomme ich nicht mehr, aber es macht einfach Spaß“, berichtet Tesch. Insgesamt ist er bislang in 69 Parks im In- und Ausland 252 verschiedene Achterbahnen gefahren. Dabei hat er zusammen 22.000 Kilometer auf Achterbahnschienen zurückgelegt. Auf der Suche nach neuen Abenteuern zieht es ihn auch in weitentfernte Gefilde. So besuchte er im Dezember vergangenen Jahres Freizeitparks in den Vereinigten Arabischen Emiraten. Im Park „Ferrari World“ in Abu Dhabi fuhr er mit der schnellsten Achterbahn der Welt, der „Formula Rossa“, die in nur 4,9 Sekunden von 0 auf 240 Stundenkilometer beschleunigt. „Wegen der Geschwindigkeit ist eine Schutzbrille Pflicht“, so Tesch. Er gab sich dort natürlich nicht mit einem „wilden Ritt“ zufrieden. An einem Tag fuhr er 30mal mit, insgesamt gab er sich diesen besonderen Kick 46mal.

„Mein Hauptpark ist und bleibt aber der Heide-Park“, so Tesch. Hier gehört er quasi schon zum Inventar. Wenn er sein „Achterbahnkönig“-T-Shirt trägt, auf dessen Rückseite seine Rekordfahrten aufgeführt sind, wird er häufig von Parkbesuchern angesprochen. Tesch mag es, sich mit anderen Achterbahnfans auszutauschen. Gern berichtet der kontaktfreudige Senior dabei von seinen Erlebnissen. Eines davon aus den 80er Jahren ist ihm besonders in Erinnerung geblieben, zumal er damals bei einer Fahrt in einem niederländischen Freizeitpark Angst um sein Leben hatte.

Es war im Jahr 1988, als Tesch sich auf eine Fahrt mit der Achterbahn „Black Hole“ in einem Freizeitpark in den Niederlanden freute. Passend zum Namen der Attraktion konnten die Parkbesucher nicht sehen, was sie bei der Fahrt erwartete. „Darin war es stockfinster“, erinnert sich Tesch. Das Personal sei nicht besonders engagiert und konzentriert bei der Sache gewesen. Und so habe die Fahrt begonnen, obwohl er nicht angeschnallt gewesen sei. „Das war brutal. Ich habe mich festgekrallt und gehofft, daß ich das irgendwie überlebe. Nach vielen engen Kurven kam ich völlig naßgeschwitzt, aber lebend wieder an. Da habe ich wohl mein gesamtes Adrenalin aufgebraucht und mir gesagt, daß ich ab jetzt alles fahren kann“, so Tesch.

Und das hat er, ganz besonders im Heide-Park, ausgiebig getan. So ist er zum Beispiel am 1. November 2011 an einem einzigen Tag 123mal „Krake“ gefahren. „Da durfte ich allerdings sitzen bleiben und habe nur zum Essen und Trinken drei Kurzpausen gemacht“, erzählt der 69jährige. Er will auch weiterhin auf Rekordjagd gehen, gebe es doch noch etliche Parks und Achterbahnen zu entdecken. Wer sich über den „Achterbahnkönig“ und seine rasanten Erlebnisse informieren möchte, findet Informationen auf seiner Facebookseite achterbahnkoenig.fred.

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