600 PS, Nostalgie und Bahnromantik pur

Heide-Express-Premiere: Erste Abfahrt vom Bahnhof in Soltau

600 PS, Nostalgie und Bahnromantik pur

„Können Sie mir sagen, auf welchem Gleis der Sonderzug hält?“ In perfektem Deutsch mit leichtem Akzent fragt Jette Stabel-Andersen in die Runde, die sich um Schaffner Wolfgang Meyer sowie Antje Kohlmeyer von der Soltau-Touristik und Margret Hedder von der Bispingen-Touristik geschart hat. Die Dänin, ihr Mann und ihre beiden Töchter machen gerade Urlaub auf dem Südsee-Camp in Wietzendorf und sind nicht zufällig auf dem Soltauer Bahnhof gelandet, auf dem es am gestrigen Mittwoch brütend heiß ist. Die Familie aus dem skandinavischen Land hat sich vorgenommen, mit dem Heide-Express Nostalgie und Bahnromantik zu erleben und mit dem Oldtimerzug nach Lüneburg zu fahren. „Ich habe einfach mal im Internet gesucht, was man hier so mit der Familie machen kann und bin dabei auf den Heide-Express gestoßen“, erklärt Stabel-Andersen.

Neben der Familie aus Dänemark warten etliche weitere Interessierte auf den Zug, darunter auch zwölf bestens gelaunte Damen des Frauengesprächskreises der Soltauer Lutherkirchengemeinde. „Wir wollen in Lüneburg eine Stadtführung machen, die St. Johanniskirche besichtigen, ein Museum besuchen und Kaffee trinken. Und wir wollen einfach mal ausprobieren, wie es denn so ist, mit dem Zug von Soltau nach Lüneburg zu fahren“, berichtet die Leiterin der Gruppe, Anita Greiner.

Einige Meter entfernt hat Wolfgang Meyer auf dem Bahnsteig gut zu tun. Der 1. Vorsitzende des Fördervereins der Steinbecker Dorfgemeinschaft fungiert an diesem Tag als Schaffner, wie an seiner Mütze und Weste unschwer zu erkennen ist. Er beantwortet Fragen der Fahrgäste und verkauft Tickets, die er in seiner Ledertasche „am Mann“ trägt. „20 Prozent der Gäste sind Bahn-Verrückte, die gern mit nostalgischen Zügen fahren“, weiß Meyer zu berichten. Er hat Spaß an der ehrenamtlichen Tätigkeit, denn: „Das sind alles liebe, nette Gäste. Es ist eine gute Atmosphäre im Zug, und es geht langsam durch die Landschaft. Man wird entschleunigt, sieht die Gegend mal aus einer anderen Perspektive und kann quasi im Vorbeifahren in die Gärten hineinschauen“, so Meyer.

Plötzlich recken sich die Köpfe, denn da rollt er auch schon in den Soltauer Bahnhof ein, der Heide-Express. Mit ihren 600 Pferdestärken schnauft die rote Diesellok des eingetragenen Vereins Arbeitsgemeinschaft Verkehrsfreunde Lüneburg (AVL) heran. In freudiger Erwartung steigen die Fahrgäste in die Waggons, deren Fenster angesichts der Hitze allesamt geöffnet sind, auch die des sogenannten Sambawagens. Dieser verfügt über eine Theke und eine freie Fläche, damit die Fahrgäste die 1977 von Tony Holiday gesungene Aufforderung „Tanze Samba mit mir“ unterwegs in die Tat umsetzen können, wenn ihnen danach ist. Der Holiday-Hit hat inzwischen 45 Jahre auf dem Buckel. Fast genauso lange, seit mehr als vier Jahrzehnten, betreiben die Mitglieder der Arbeitsgemeinschaft Verkehrsfreunde Lüneburg ihre Museumseisenbahn und bieten Bahnfreunden das ganze Jahr über ein abwechslungsreiches Fahrtenprogramm. Dazu gehört auch der Heide-Express, der in Kooperation mit der Bispingen-Touristik angeboten wird. Die Corona-Pandemie hatte wie so vieles auch den Oldtimerzug ausgebremst, doch nach zweijähriger Pause sind die Weichen nun wieder auf Betrieb gestellt. In diesem Jahr fährt der Oldtimer-Zug seit dem vergangenen Mittwoch und bis zum 7. September jeweils mittwochs morgens von Lüneburg über Amelinghausen-Sottorf, Steinbeck, Hützel und Bispingen nach Soltau. In der Böhmestadt fährt er ab 10.30 Uhr wieder zurück in Richtung Lüneburg. Erneut zurück ins Herz der Heide geht es dort um 15.30 Uhr, so dass ausreichend Zeit bleibt, um durch Lüneburg zu bummeln.

„Im Jahr 2019 haben genau 1.273 Fahrgäste einen Ausflug mit dem Heide-Express gemacht“, so Margret Hedder von der Bispingen-Touristik. Sie hofft auf ähnlich große Nachfrage in dieser Saison. Das gilt auch für ihre Kollegin Antje Kohlmeyer von der Soltau-Touristik. Die Böhmestadt beteiligt sich erstmals als „Station“ am Heide-Express. Unter anderem auch, weil aktuell keine Fahrten mit dem ebenfalls beliebten historischen Triebwagen Ameisenbär angeboten werden können. Den Ameisenbär hat übrigens die Arbeitsgemeinschaft Verkehrsfreunde Lüneburg erworben. „Es steht aber keine Halle und kein Personal zur Verfügung. Daran hapert es“, berichtet Kohlmeyer. Umso mehr freut sie sich, dass der Heide-Express nun insgesamt acht Mal von Lüneburg nach Soltau und wieder zurück fährt. „Für uns ist das ein Probejahr“, erklärt die Touristikerin.

Auch Hans Dierken, Vorsitzender der Arbeitsgemeinschaft Verkehrsfreunde Lüneburg, ist bei der „Premiere“ in der Böhmestadt auf dem Bahnhof und freut sich, dass der Zug Freude bereitet. „Lok und Waggons sind aus den 50er und 60er Jahren, die Fahrgestelle aus der Zeit vor dem Ersten Weltkrieg. Sie sind überarbeitet und modernisiert worden“, so Dierken. Nicht ohne Stolz zeigt er auf den von Vereinsmitgliedern mit viel Liebe zum Detail restaurierten Sambawagen, in dem in den „Fünzigern“ ausgiebig gefeiert worden sei. Insgesamt biete der Heide-Express Platz für 120 Gäste.

Übrigens: Das 9-Euro-Ticket gilt für diesen nicht, Besitzer einer „ErlebnisCard Lüneburger Heide“ erhalten beim Ticketkauf aber einen Preisnachlass. Karten sowie weitere Infos zu den Preisen und zum Fahrplan gibt es bei der Bispingen-Touristik und der Soltau-Touristik sowie über die Internetseiten der Einrichtungen.

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