88 Jahre nach Soltauer Pogrom | Aktuelle Nachrichten und Informationen

Gedenkveranstaltung am 10. November vor dem Haus Marktstraße 8

88 Jahre nach Soltauer Pogrom

Ein Familienfoto aus glücklichen Tagen: Sally und Henny Lennhoff mit ihrer Enkelin Ursula Feilmann im Garten ihres Hauses in der Marktstraße 8 in Soltau. Es zeigt drei Menschen in einem vertrauten Moment. Wenige Monate später sollte ihr Leben für immer verändert sein. Am 10. November 1938 wurde das Haus der jüdischen Familien Lennhoff und Feilmann überfallen. Geschäft und Wohnung wurden verwüstet, Möbel, Kleidung, Spielzeug und persönliche Gegenstände auf die Straße geworfen. Sally Lennhoff, sein Schwiegersohn Harry Feilmann sowie die Töchter Paula und Selma kamen ins Soltauer Gefängnis, Sally und Harry sogar für einige Zeit ins KZ Sachsenhausen. Die damals neunjährige Ursula musste das Geschehen miterleben. 88 Jahre nach dem Soltauer Pogrom soll eine Gedenkveranstaltung am kommenden Dienstag, dem 10. November, vor dem Haus Marktstraße 8, an das Schicksal der Familie und an die Geschichte erinnern.

Mit den damaligen Ereignissen wurde die Familie wurde ihrer Lebensgrundlage beraubt und auseinandergerissen. Die Feilmanns emigrierten 1939 auf unterschiedlichen Wegen in die USA. Sally und Henny Lennhoff wurden am 23. Juli 1942 nach Theresienstadt deportiert. Sally starb dort 1943 an den Folgen der Haft. Ursula Feilmann, später Ursula Sasso, erinnerte sich an diese Zeit mit den Worten: „Das war das Ende meiner Kindheit.“ Das Foto stammt von ihrem Sohn Steven Sasso. „Dass er dieses Familienbild vor wenigen Monaten für die Erinnerungsarbeit der Initiative ‚Soltau zeigt Geschichte‘ zur Verfügung gestellt hat, verbindet die Geschichte der Verfolgten mit ihren Nachkommen und mit uns Soltauerinnen und Soltauern“, sagt Renate Gerstel, die den Kontakt zu den Angehörigen pflegt.

Unter dem Titel „88 Jahre nach dem Soltauer Pogrom – Gedenken an die Opfer“ laden die Erlebniswerkstatt Buchdruck-Museum Soltau und die Initiative „Soltau zeigt Geschichte“ für den 10. November um 13.30 Uhr zu einer Gedenkveranstaltung vor dem Haus Marktstraße 8 ein: „Die Uhrzeit wurde bewusst gewählt, damit auch Schülerinnen und Schüler teilnehmen können und ebenso Menschen, die ihre Mittagspause für das Gedenken nutzen möchten“, so Gerstel.

Die Besucherinnen und Besucher erwartet am kommenden Dienstag ein etwa einstündiges Programm mit Violinenbegleitung, einer historischen Einordnung und der namentlichen Erinnerung an die sieben Opfer. Die sieben Stolpersteine werden vor Beginn der Veranstaltung gereinigt. Während des Gedenkens werden an ihnen weiße Rosen niedergelegt. Auch die vier vor dem Haus aufgestellten Gedenktafeln werden gewürdigt. Ausgewählte, berührende Zitate aus Dokumenten der Opfer ergänzen das Programm. „Alle Interessierten sind eingeladen, sich mit uns zu erinnern, denn die Frage, was die Ereignisse von damals für unsere Gegenwart bedeuten, richtet sich an uns alle“, ist die Initiative überzeugt.

Zur anstehenden Gedenkveranstaltung erscheint zudem ein Booklet über die beiden jüdischen Familien und den Pogrom vom 10. November 1938 in Soltau. Die Auflage beträgt 5.000 Exemplare. „Soltau zeigt Geschichte“ war maßgeblich an der Erarbeitung der Texte und der Auswahl der Bilder beteiligt. Die Erlebniswerkstatt Buchdruck-Museum Soltau übernahm ausgehend von einem Typografie-Workshop unter Federführung von Reinhard Riedel und Renate Gerstel sämtliche weiteren Arbeiten bis zur Fertigstellung des Booklets. Die Lieferung wird für den 9. November erwartet, sodass das kostenlose Booklet rechtzeitig zur Gedenkveranstaltung am folgenden Tag zur Verfügung steht.

Die Veröffentlichung wird durch das Förderprogramm „Demokratie leben! Heidekreis“ sowie durch zahlreiche private Spenden ermöglicht. Für die Druckkosten waren 500 Euro an Spenden erforderlich. Dieser Betrag wurde weit übertroffen: Insgesamt gingen 1.408,41 Euro ein. „Die Erlebniswerkstatt Buchdruck-Museum Soltau bedankt sich herzlich bei allen Spenderinnen und Spendern, die dieses Erinnerungsprojekt möglich gemacht haben. Aufgrund des großen Interesses und der unerwartet hohen Spendensumme wird zurzeit eine englischsprachige Ausgabe im gleichen Layout erwogen“, erläutert Gerstel.

Im Anschluss an die Aktion am 10. November wird das Booklet interessierten Schulen zur Verfügung gestellt. Es ist außerdem samstags von 14 bis 17 Uhr im Buchdruck-Museum „Die Bleilaus“ erhältlich. Weitere Auslagestellen werden derzeit noch abgestimmt. Schulen, Institutionen, Vereine und weitere Interessierte, die Exemplare aus der Auflage von 5.000 Stück kostenlos beziehen möchten, können sich unter der Telefonnummer (05191) 3285 melden oder per E-Mail an info@buchdruckmuseum-soltau.de wenden und ihre gewünschte Anzahl mitteilen.