„Als wäre es ein Alien“

Kampfhund? Halterin schlägt oft Ablehnung entgegen, wenn sie mit ihrer Hündin „Shiva“ unterwegs ist

„Als wäre es ein Alien“

Manche haben es ihr schon ganz unverhohlen gesagt, bei anderen kann sie am Gesichtsausdruck erahnen, welcher Begriff ihnen beim Anblick von Hündin „Shiva“ in den Sinn kommt: „Kampfhund“. „Genau das und nur das sehen anscheinend viele in ihr“, schildert Milena Volkmer ihre Erfahrungen. Wenn die Soltauerin mit dem American Staffordshire-Terrier unterwegs ist, wechseln einige die Straßenseite, andere ignorieren sie, „und manche starren das Tier an, als wäre es ein Alien“, ärgert sich die Halterin. Dass es bei den sogenannten Listenhunden durchaus Negativbeispiele gebe, wolle sie gar nicht in Frage stellen, „doch keins der damit verbundenen Vorurteile trifft auch nur ansatzweise auf meinen und sicher auch nicht auf viele andere Listenhunde zu. Kampfhund - das ist ein Verwendungszweck und eben keine Rasse“, meint sie. Die 22jährige möchte eine Lanze brechen für Hunde wie ihren, „für Rassen, die von vielen als grundlos aggressiv vorverurteilt werden.“

„Ich bin schon mit Hunden aufgewachsen“, berichtet Volkmer, für einen American Staffordshire-Terrier als eigenen Hund habe sie sich „ganz unspektakulär“ entschieden, „weil er mir gefallen hat“: „Wir haben ‚Shiva‘ als Welpen geholt, vielleicht nicht perfekt, aber gut erzogen, inklusive Welpenschule und weiterer Stationen.“ Und „Shiva“, mittlerweile gut ein Jahr alt, zeige ein gutmütiges Wesen: „Sie hat sich nie negativ anderen Menschen oder Hunden gegenüber verhalten.“

Im Gegenteil - die Hündin komme mit Zwei- und Vierbeinern gut zurecht, gehe auch mit Kindern liebevoll um, so Volkmer: „An einem Tag, an dem ich mit ‚Shiva‘ und meiner kleinen Cousine draußen unterwegs war, hatten wir eine sehr positive Begegnung mit einem kleinen fremden Mädchen und ihrer Mutter. Die Mutter war total unvoreingenommen und ließ das Kind ‚Shiva‘ streicheln. ‚Shiva‘ hat sich so gefreut, dass sie das Kind überall abgeschleckt hat.“

Solche Begegnungen ohne Vorurteile seien jedoch eher die Ausnahme, Ablehnung und negative Kommentare ihrem Hund gegenüber meist die Regel, bedauert die Soltauerin. „Ich würde mir wünschen: Gerade Menschen mit Hunden sollten kein Schubladendenken oder Vorbehalte haben, sondern offener sein.“ Leider trage auch so mancher Medienbericht zum schlechten Image der Listenhunde bei, so Volkmer. Doch diese Hunde, meint die 22jährige, seien besser als ihr Ruf, denn das eigentliche Problem liege „am anderen Ende der Leine“.

Auch Vanessa Bokr, Initiatorin der „Hellhound Foundation“, hat die Erfahrung gemacht, dass manche Halter ihren Hunden einfach keine klaren Grenzen setzten: „Die kennen dann kein Maß mehr, werden wie Enkelkinder verhätschelt oder wie kleine Prinzen behandelt.“ Bokr und ihr Team kümmern sich in der gemeinnützigen Unternehmergesellschaft in Hörpel um Problemhunde - und da nehmen die sogenannten Kampfhunde nur einen sehr kleinen Teil ein: „Fünf von aktuell 78“, so die erfahrene Hundetrainerin.

Doch wenn einmal ein Tier aus dem Kreise der Bullterrier, American Staffordshire-Terrier oder Pitbull-Terrier „schwierig“ wird, „dann hat man ein Problem“, weiß Bokr, und zwar ein in der Tat schweres: „Die meisten Leute blenden einfach aus, dass das große Terrier sind.“ Und diese Hunde hätten nun mal meist viel Energie. Doch anders als bei einem Yorkshire-, West-Highland- oder Jack-Russell-Terrier „kommen dann eben keine kleinen Sieben-Kilo-Exemplare, sondern 20 oder 30 Kilo Hund auf einen zugeflogen. Das unterschätzen manche Halter einfach.“ Und wenn „verkorkste“ Hunde solcher Rassen in die „Höllenhund-Stiftung“ nach Hörpel kommen, „dann sind sie meist richtig giftig und nur sehr schwer wieder zu kurieren“, und dafür müsse man außerdem resolut genug sein, so Bokr.

Sie plädiert für eine genauere Differenzierung, da Menschen sogenannte Kampfhundrassen entweder lieben oder verteufeln: „Es gibt im Grunde nur noch diese zwei Lager. Man kann aber nicht alles schön- oder alles schlechtreden. Wie sich ein Hund verhält, hängt von enorm vielen Faktoren ab - und dabei lässt sich nicht sagen, dass die eine Rasse besser oder schlechter als die andere ist.“

Im Gegensatz zu manchen anderen Bundesländern gibt es in Niedersachsen übrigens keine Rasseliste mehr. Eine solche war im ersten niedersächsischen Hundegesetz vom Dezember 2002 nach einigen Vorfällen im Raum Hamburg noch enthalten: Damals wurden in dieser sogenannten Rasseliste unter anderem Pitbull-Terrier, American Staffordshire-Terrier, Staffordshire-Bullterrier, Bullterrier sowie deren Kreuzungen aufgeführt - Hunde, die von vornherein als gefährlich galten. Aufgrund neuer wissenschaftlicher Erkenntnisse wurde ein Jahr später mit dem Änderungsgesetz vom Oktober 2003 die Rasseliste aufgehoben. Im neuen niedersächsischen Gesetz über das Halten von Hunden vom Mai 2011 sind als Kernpunkte Sachkunde, Kennzeichnung und Haftpflichtversicherung sowie das zentrale Hunderegister verankert.

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