Brandbrief der Stiftung Haus Zuflucht: „Hilfe, hört der Wahnsinn denn nie auf?“

Stiftung Haus Zuflucht zu den Anordnungen in der Corona-Krise: Pflegedienstleitung und Geschäftsführer wenden sich an die Politik und die Öffentlichkeit

Brandbrief der Stiftung Haus Zuflucht: „Hilfe, hört der Wahnsinn denn nie auf?“

Im Zuge der Corona-Krise brodelt es in der Pflege, das Maß des Erträglichen scheint überschritten: „Hilfe, hört der Wahnsinn denn nie auf?“ - so überschreiben Pflegedienstleitung Eva Wendebourg und Norbert Dieckmann, Geschäftsführer der gemeinnützigen Stiftung Haus Zuflucht in Soltau, ihren „Brandbrief“, den sie aufgrund der neuesten Anordnungen und politischen Äußerungen in Sachen Corona-Pandemie verfasst haben.

„Es war abzusehen, dass die Inzidenzen steigen. Es war klar, dass die Impfkampagne ins Stocken gerät. Viele haben sich an der Pandemie und den damit verbundenen Maßnahmen bereichert. Und jetzt? Die Politik steht Kopf. Wer badet es aus?“, fragen die Verantwortlichen der Soltauer Seniorenbetreuungseinrichtung.

In diesem Zusammenhang nennen sie drei Punkte: „Keine Impfpflicht in der Gesundheitsbranche“, „Testpflicht zurückgefahren“ und „Lockerungen in den Heimen“. „Was heißt das? Die Heime müssen ein genaues Besuchermanagement führen. Nur geimpfte, genesene und getestete Besucher, Angehörige, Fremdfirmen, Therapeuten, Ärzte, Arzthelferinnen dürfen ins Haus und müssen sich nachvollziehbar anmelden. Für unser Haus sind das täglich 150 bis 200 Menschen, die von uns kontrolliert werden müssen“, schreiben Wendebourg und Dieckmann.

Jetzt gebe es wieder eine tägliche Testpflicht für alle Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter: „Wir arbeiten im Schichtdienst. Eine festgelegte Testzeit am Tag reicht da nicht aus. Wer soll testen? Die Bundeswehr darf nicht mehr helfen - und nun? Und Bürokratie: jeder Test muss dokumentiert werden, damit wir ihn erstattet bekommen. Die Dokumentation dauert länger als der Test selbst. Das ist Deutschland. Wir organisieren neue Mitarbeiter, die die Testungen durchführen, um dann in vier Wochen das ganze wieder zu ändern, da die Refinanzierung dieser Kosten nicht geklärt ist“, heißt es in dem Schreiben.

Und weiter: „Wir haben es geschafft 96 Prozent aller BewohnerInnen und 80 Prozent aller Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter zu impfen. Wir sind schon aufgefrischt. Und nun müssen wir - weil die neuen Anordnungen für alle gelten - wieder über unsere Kapazitäten hinaus testen. Anordnung ist Anordnung! Das ist der Spruch der nicht erreichbaren Gesundheitsämter. Was die Gesundheitsämter aber schaffen ist uns dreimal in vier Wochen neue Aufklärungs- und Anamnesebögen für die Auffrischungsimpfung vorzulegen. Die natürlich mehrfach unterschrieben sein müssen. Hat irgendwer mal versucht von Angehörigen/Betreuern und Bewohnern (wir haben 250 Bewohner) Unterschriften einzuholen? Dieser bürokratische Wahnsinn verhindert Impfungen!“

Weiterhin kritisieren Wendebourg und Dieckmann die Unverständlichkeit der Anordnungen für Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, die Urlaub in einem Risikogebiet wie zum Beispiel der Türkei gemacht haben oder die nach zwei Jahren endlich mal wieder nach Hause in ihre Heimat in Länder wie Albanien oder Georgien reisen wollen. Selbst mit einem abgeschlossenen Studium sei es nicht möglich, durch diese Anordnungen durchzusteigen: „Quarantäne ja / nein? Testungen Antigen oder PCR? Verkürzung der Quarantäne auf fünf Tage oder zehn Tage oder doch 14 Tage. Das versteht niemand mehr. Ist egal, wenn ich im Büro arbeite - aber nicht, wenn ich in der Pflege arbeite“, heißt es im „Brandbrief“.

Die Intensivstationen seien voll - und das mit weniger Personal als noch vor einem Jahr. „Wir können unsere teuren Intensivbetten ins Ausland verleihen aber nicht mehr bedienen. Was nutzen uns 32.000 Intensivbetten wenn nur für die Hälfte Personal vorhanden ist? Warum wurde das Geld für Intensivbetten ausgegeben? Die Pflege hat aber nicht mehr Geld oder bessere Arbeitsbedingungen bekommen. Alles nur Lippenbekenntnisse. Durchhalteparolen - ja für eine Krise in Ordnung aber nicht für zwei Jahre. Da hat die Politik völlig versagt“, konstatieren Geschäftsführer und Pflegedienstleitung.

Auch die Gesundheitsämter bekommen ihr Fett weg. Diese seien „weiterhin völlig überfordert“, hätten „immer noch zu wenig Personal.“ Die Impfpflicht für Personal im Gesundheitswesen werde erneut dazu führen, „dass wir weniger Personal haben. Die letzten beiden Jahre haben uns schon mit Arbeitsflucht - Angst vor Corona etc. gebeutelt. Jetzt ist gerade Corona und Grippe gleichzeitig unterwegs. Die Angst und Sorge greift um sich. Erkältete sollen zu Hause bleiben - doch wer arbeitet noch? Alle Notfallpläne gelten für Notfälle - die Politik macht seit zwei Jahren nur noch Notfall. Das können wir nicht mehr leisten!“

Bewohnerinnen und Bewohner dürften in den Einrichtungen nicht mit ihren Angehörigen gemeinsam Essen und Trinken. Das dürften sie nur außerhalb der Einrichtung. „Also fahren alle, die können, in Cafés, Restaurants oder machen Besuche zu Hause. Das kann von uns nicht kontrolliert werden. Was außerhalb unseres Hauses passiert, können wir nicht kontrollieren und obliegt nicht unserer Aufsicht. Wir haben ein eigenes Café - das darf nicht benutzt werden. Aber alle können zu Fuß ins nahegelegene Café beziehungsweise Restaurant eines Einkaufscentrums gehen“, ärgern sich Wendebourg und Dieckmann. Und das seien nur einige Beispiele. Die Liste könnte endlos so weitergeführt werden.

Weiter heißt es: „Wenn neue Regelungen geschaffen werden müssen, dann hört auf die Pflege. Das System ist überlastet und braucht Perspektiven. Weitere Einschränkungen sind kontraproduktiv. Wir wollen alle nicht, dass unsere Einrichtung von Corona heimgesucht wird. Aber ein generelles Testen alle sieben Tage die Woche ohne die geringsten Anzeichen von Corona in den Einrichtungen ist nicht das richtige Mittel. Bei bestehendem Verdacht oder erhöhten Inzidenzen im Landkreis kann dies nur mit externer Unterstützung geleistet werden. Wir sind gefordert eine adäquate Pflege nach hohen Standards zu liefern. Das funktioniert nur, wenn auch die entsprechenden Ressourcen vorhanden sind. Diese werden uns aber gerade durch die neu angedachten Verordnungen beschnitten. Das heißt, neue Testverordnungen müssen auch mit einer entsprechenden Gestellung des Personals zur Umsetzung dieser Verordnungen einhergehen. Wir haben in der Vergangenheit sehr gute Erfahrungen mit der Bundeswehr gemacht. Auch externe Kräfte konnten gewonnen werden. Aber diese Kräfte nach ein paar Wochen wieder freizustellen und nach kurzer Zeit wieder zu rekrutieren ist nicht so einfach möglich. Auch diese Menschen haben es verdient, einen verlässlichen Arbeitgeber zu haben.“

Wendebourg und Dieckmann fordern ein Konzept, „das auf Dauer ausgelegt ist und eine gewisse Verlässlichkeit wiederspiegelt. Das sind wir unseren Bewohnern und unseren Beschäftigten schuldig. Das ist das Mindeste was Politik für uns leisten muss. Applaus und gute Worte sind zu wenig. An den Arbeitsbedingungen hat sich trotz der Versprechen der Politik kaum etwas geändert. Letztendlich dürfen die Mehrkosten, die durch Corona hervorgerufen werden, nicht bei den Bewohnern landen. Daher sind auch verlässliche Aussagen zur Finanzierung dieser Kosten notwendig.“

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