Corona bremst vieles aus

Migrationsberater stellt Bericht für das vergangene Jahr vor

Corona bremst vieles aus

Ob nun bei den Beratungen selbst oder bei Angelegenheiten rund um Familiennachzug, Asylverfahren, Bleiberecht oder Integration: Durch die Coronakrise bewege sich in nahezu allen Bereichen zur Zeit wenig, erklärt Cristian Wüstenberg. Er leitet in Trägerschaft des DRK-Kreisverbandes Soltau die Migrationsarbeit im Heidekreis - doch das seit Wochen nur in eingeschränkter Form: „Im März mussten wir die persönliche Beratung einstellen, stattdessen auf E-Mail und Telefon oder Video-Chat ausweichen. Aber das kann das Gespräch von Angesicht zu Angesicht nicht ersetzen“, so der Migrationsberater. Denn Ratsuchende seien - zusätzlich zur Problematik der Sprachbarriere - technisch dafür meist nicht entsprechend ausgestattet. „Doch wir wollen jetzt wieder mit der direkten Beratung starten“, fügt DRK-Kreisgeschäftsführer Volker Böhling hinzu. Zur Zeit werden die Räumlichkeiten des Deutschen Roten Kreuzes in Soltau dafür vorbereitet. Dort stellten die beiden am vergangenen Dienstag den Arbeitsbericht aus der Migrationsberatung im Heidekreis für das Jahr 2019 vor - und hier kritisierte Wüstenberg unter anderem die schleppende Familienzusammenführung.

Die Lage sei in manchen Belangen schon vor der Corona-Pandemie nicht einfach gewesen, so der Migrationsberater. Doch seit dem Lockdown „passiert gar nichts“, meint Wüstenberg. Beim Blick auf das vergangene Jahr fällt ihm besonders ein Bereich ins Auge, „der schon zuvor ein ‚Hauptaufreger‘ war - und daran hat sich auch 2019 leider nichts geändert: Familiennachzug ist wieder ein großes Thema.“ Der fließe nicht, „er tröpfelt nur“, so Wüstenberg. „Und das nicht zuletzt, weil es ein unnötig kompliziert angelegtes Verfahren ist.“

Dabei mache eine solche Hürde die Integration jener, die schon in Deutschland seien, nicht eben einfacher: „Sie sind in ständiger Sorge um die Lieben - aber die Familie darf nicht nachkommen.“ Nach Ansicht des Migrationsberater habe der „vertrackte Familiennachzug“ dann noch eine weitere Auswirkung: „Das alles kann die Angehörigen auf illegale Wege treiben. So steigen manche vielleicht in ein Boot und versuchen, über das Mittelmeer zu kommen. Sie riskieren möglicherweise ihr Leben, weil das Nachzugsverfahren einfach zu lange dauert und sie die Trennung nicht mehr aushalten.“

Besonders problematisch, erklärt Wüstenberg, sei die Situation für jungen Menschen: Für sie sei neben dem Familiennachzug auch der Schutzstatus an das Alter gekoppelt. „Werden sie volljährig, gelten für sie andere Bestimmungen“. Außerhalb des Jugendhilfesystems würden sie dann weitgehend sich selbst überlassen. „Ohne Begleitung besteht die Gefahr, dass viele von ihnen auf die schiefe Bahn geraten.“

Probleme sehe Wüstenberg auch bei jenen Jugendlichen und jungen Leuten mit einer Ausbildungsduldung: „Viele von ihnen haben Talent und es mangelt ihnen nicht an Fleiß.“ Vielmehr sei die Sprachbarriere das Hindernis einer angestrebten Berufskarriere: „Deutsch lernt man nun einmal nicht so schnell, auch nicht in ein oder zwei Jahren. Ein großer Knackpunkt ist hierbei dann auch noch der deutsche Fachsprachliche Part für Schule und Ausbildung.“ Da nütze auch die nachgesteuerte Hilfe wenig, denn sie überfordere viele: „Nach dem Tag im Ausbildungsbetrieb und den Berufsbildenden Schulen noch eine Sprach-Fördermaßnahme zu absolvieren, lässt die meisten Jugendlichen an ihre Grenzen stoßen.“ Eine ganze Anzahl solcher Fälle bearbeite der Migrationsberater zur Zeit: „Rund 25 junge Leute, die in diesen Bereich fallen, sind dazu aktuell in Beratung.“

Sie machen jedoch nur einen Bruchteil an der Gesamtzahl aus: „Im Heidekreis leben wahrscheinlich etwa 6.000 Menschen, die Flüchtlingseigenschaften besitzen“, so der Bericht für das Jahr 2019. Die Angabe beruhe auf eigenen fortgeschriebenen Schätzungen, da auf der Landkreisebene keine statistische Erfassung der Gesamtgruppe der Flüchtlinge vorliege. „Dabei ist die Zahl der Arbeitsmigranten durch die Erweiterung der Europäischen Union und die Arbeitsmarktfreizügigkeit der neuen Beitrittsstaaten wieder angestiegen. Die Wirtschaftskrise in den südeuropäischen Ländern ließ die Zuzugszahlen von dort ebenfalls ansteigen“, so der Bericht.

Das 43 Seiten umfassende Werk nimmt auch noch andere Aspekte in den Fokus, schlüsselt unter anderem den Anteil von Menschen mit Migrationshintergrund in Relation an der Gesamtbevölkerung auf - und es zeigt, dass vieles kompliziert zu ermitteln ist: „Während sich die unterschiedlichen Gruppen der Ausländer sowie der eingebürgerten Personen noch relativ überschaubar darstellen lassen, ist die Situation bei den Flüchtlingen schwieriger zu erfassen. Für die verschiedenen Flüchtlingsgruppen gelten unterschiedliche, kompliziertere ausländer- und asylrechtliche Bestimmungen sowie zusätzlich eingeschränkte Zugangsmöglichkeiten zur Sozialgesetzgebung und dem Arbeitsrecht“, so der Bericht.

Abschließend kommt Wüstenberg noch einmal auf das Thema Corona zurück und was die Pandemie noch alles beeinflusst: „So steht noch die Frage im Raum, was aus denen wird, deren Aufenthalt am Job hängt - und die diesen jetzt vielleicht durch die Coronakrise verlieren.“ Außerdem habe das Virus noch etwas bewirkt, meint der Migrationsberater, aus seiner Sicht aber mal etwas Positives: „Auch im Ausreise-/Abschiebungsbereich ist nichts passiert in den vergangenen Monaten.“

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