Corona erschwert Beratung

Migrationsberater Christian Wüstenberg stellt Arbeitsbericht 2020 vor

Corona erschwert Beratung

„Corona ist auch in der Migrationsberatung das bewegende Thema des vergangenen Jahres gewesen. Die Auswirkungen betreffen vor allem Geflüchtete mit prekärem Aufenthalt, die zum Beispiel ihre 450-Euro-Jobs in der Gastronomie oder im Tourismus verloren haben“, berichtete jüngst DRK-Migrationsberater Christian Wüstenberg. Gemeinsam mit Steffen Möhrmann, Geschäftsführer des DRK-Kreisverbandes Soltau, stellte Wüstenberg den Arbeitsbericht 2020 der Migrationsberatung im Landkreis Heidekreis vor. „Für Menschen, die sowieso benachteiligt sind, ist die Corona-Krise eine Riesenkatastrophe“, betonte Möhrmann.

Aber auch die Beratung selbst wurde durch die Pandemie erheblich erschwert, erläuterte Wüstenberg: „Da persönliche Kontakte weitgehend vermieden werden sollten, fand sie in großen Teilen ohne Kontakt statt. Als Kommunikationsmedien wurden das Telefon, E-Mail und Messenger-Dienste genutzt. Das funktionierte in vielen Fällen.“ Oft seien jedoch persönliche Beratungsgespräche unumgänglich gewesen. Diese habe er dann im Freien mit dem erforderlichen Abstand geführt. Weil er dabei nicht selten auch Dokumente habe kopieren müssen, sei dies nicht selten mit „Rennerei“ verbunden gewesen. Und weil Ämter und Behörden im ersten und zweiten Lockdown geschlossen gewesen seien und die Klientinnen und Klienten der Beratungsstelle damit im wahrsten Sinne des Wortes „vor der Tür haben stehen lassen“, so Wüstenberg, „wurden die Beratungsstellen zur Kontaktstelle und zum Kommunikationskanal zu den Ämtern und Behörden. Das ist natürlich nachvollziehbar, aber für uns irgendwann auch nicht mehr zu leisten.“ Zwar hätten unter anderem Sozialamt, Jobcenter und Ausländerbehörde aufgrund der Ausnahmesituation in vielen Bereichen Fristen verlängert, „aber das allein hilft auf Dauer auch nicht weiter, wenn es Dinge gibt, die dringend geklärt werden müssen.“

Darüber hinaus seien coronabedingt einerseits eigene Fortbildungen und Netzwerkarbeit ausgefallen, andererseits auch Integrations- und Sprachkurse. Kinder und Jugendliche mit Migrationshintergrund seien besonders betroffen: Geschlossene Freizeitmöglichkeiten und Sportvereine, Einschränkungen in Kitas und schulen hätten zum Verlust sozialer Kontakte geführt, zu Einbrüchen in der Bildungsbiografie „und in der Folge zu Defiziten im Deutsch-Sprachbereich und in der Integration.“ Gerade mit Blick auf das Homeschooling hätten insbesondere sozial und finanziell schlechter gestellte Familien Schwierigkeiten, fehlten ihnen doch die finanziellen und technischen Möglichkeiten. Dies sei auch in der Migrationsberatung deutlich geworden. „Deshalb habe ich versucht, über das Telefon Kontakt zu halten. Manche formelle Dinge lassen sich zwar über das Handy regeln, aber wenn es ans Eingemachte geht, dann wird es sehr schnell sehr aufreibend und schwierig“, so der Diplom-Sozialarbeiter und Sozialpädagoge, der seit 1992 in der Migrationsberatung des DRK-Kreisverbandes Soltau tätig ist.

Laut Wüstenberg leben derzeit rund 12.500 Ausländer im Heidekreis. Dabei handele es sich unter anderem um ausländische Arbeitskräfte, auch in zweiter und dritter Generation, sowie um selbstständige Gewerbetreibende und ausländische Familienangehörige. „Etwa die Hälfte der Ausländerinnen und Ausländer im Heidekreis sind EU-Bürgerinnen und -Bürger“, berichtete der Migrationsberater. „Grob geschätzt“ lebten rund 6.000 Geflüchtete im Heidekreis. Nach wie vor gebe es auch auf Landkreisebene keine statistische Erfassung der Gesamtgruppe der Geflüchteten.

„Ein Drama“ sei laut Wüstenberg nach wie vor das Thema Familiennachzug. Hier kritisierte er wie in den Vorjahren die hohen gesetzlichen Hürden. „Das Verwaltungsprozedere zwischen Auslandsvertretung, Ausländerbehörde und dem Bundesverwaltungsamt bezüglich der Beurteilung der humanitären Dringlichkeit der Familiennachzüge ist so kompliziert konstruiert worden, dass die Vorgabe von 1.000 Personen monatlich durchgehend nicht erfüllt wurde - nicht mal im Ansatz.“ Und nun komme Corona noch „on top“. Durch Schließung der Botschaften und Konsulate spitze sich die Situation der auseinandergerissenen Familien dramatisch zu. „Aber auch die Integration hier kommt ins Stocken“, betonte Wüstenberg. Fast alle Integrationsbemühungen seien zum Scheitern verurteilt, solange sich Familienangehörige in Kriegsgebieten oder Krisenregionen in Lebensgefahr befänden oder dort ums Leben kämen. „Wer soll dieses Leid hier aufarbeiten?“, fragte der Migrationsberater: „Wer kann den hier von der Aufnahmegesellschaft verhinderten Familiennachzug und seine Folgen für die Zukunft wieder gut machen?“

Lobend erwähnten sowohl Wüstenberg als auch Möhrmann, dass die gesellschaftliche Akzeptanz für Geflüchtete im Heidekreis im Vergleich zu anderen Regionen recht groß sei: „Hier gibt es wenig öffentlichen Lärm.“ Erfreulich sei zudem das vielfältige ehrenamtliche Engagement in diesem Bereich, das es jedoch coronabedingt nur eingeschränkt habe geben können. „Nach der Pandemie müssen wir sehen, wie die Ehrenamtlichen wieder zurückgeholt werden können“, erklärte der Diplom-Sozialarbeiter. Möhrmann ist da guter Dinge: „An unseren DRK-Bereitschaften haben wir gesehen, wie riesengroß die Freude war, sich wieder gesellschaftlich einbringen zu können.“

Mit Sorge allerdings blicken der DRK-Kreisgeschäftsführer und Wüstenberg auf die geplante Kürzung der Mittel für die Beratung von Geflüchteten. „Das Land Niedersachsen hat angekündigt, die Landesmittel dafür in vier Jahren von elf auf 3,5 Millionen Euro herunterzufahren. Das kann nur nach hinten losgehen“, konstatierte der Migrationsberater. Allein die Diskussion über die Kürzungen führe dazu, dass sich Personal, das sich in den vergangenen Jahren intensiv in die komplexe Materie eingearbeitet habe und über wertvolle Berufserfahrung verfüge, auf dem Arbeitsmarkt anderweitig orientiere. „Fachkräfte sind rar - und diese Ressourcen gehen unwiederbringlich verloren“, befürchtet Wüstenberg. Mit Blick auf die drohenden Kürzungen werde daher versucht, „auf allen Kanälen darauf hinzuwirken, dass hier gegengesteuert wird.“

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