„Die ganze Gegend war grau“

Günter Meyer hat Kindheitserinnerungen an den Bombenangriff auf Soltau am 11. April 1945 in Bild und Wort festgehalten

„Die ganze Gegend war grau“

Kurz bevor im Jahr 1945 der Zweite Weltkrieg endete, bombardierten 20 britische Flugzeuge die Stadt Soltau in vier Wellen innerhalb von nicht einmal einer Viertelstunde. 60 Häuser wurden vollständig zerstört, viele weitere teilweise. 65 Menschen starben, zahlreiche Bewohner wurden verletzt. Als Kind hat Günter Meyer diesen Bombenangriff miterlebt - und niemals vergessen. Als Hobbymaler hat er dieses prägende Kindheitserlebnis auf Leinwand gebannt. Dieses Bild ist nun in den Händen des Soltauers Reinhard Riedel, dem Meyer, der seit einiger Zeit in einem Pflegeheim in Hannover lebt, seine Werke überlassen hat. Seine Erinnerungen an den 11. April 1945 hat Meyer zudem schriftlich festgehalten.

Günter Meyer wurde am 20. Februar 1936 in Soltau geboren. Nach einer Malerlehre absolvierte er eine Ausbildung zum graphischen Zeichner. Nach verschiedenen Arbeitsplätzen wechselte er als Aufseher ins Sprengel-Museum Hannover, bis er 2001 in Rente ging. Im Ruhestand widmete er sich vermehrt seiner eigenen Kunst: Schon seit 1965 hatte er als Graphiker und Schriftgestalter an Alphabeten gearbeitet, in den Jahren von 2001 bis 2008 entstanden dann zahlreiche Bilder seiner insgesamt 325 Werke in einer ihm eigenen Maltechnik, die er selbst so beschreibt: Hartfaserplatten werden mit Binderfarbe weiß grundiert, das Motiv mit Bleistift vorgezeichnet, dann mit Aquarellfarbe ausgeführt und mit mattem Acryllack besprüht, um das Werk haltbar zu machen. Aufgrund einer Erkrankung musste er 2008 „alle zeichnerischen und malerischen Arbeiten aufgeben.“

„Mit 83 Jahren trennte er sich nach dem Tod seiner Frau, kinderlos, von seinem Haus“, erzählt Riedel über den Künstler. Da er besorgt gewesen sei um seine Werke, habe er diese mit allen Rechten Riedel zur Verfügung gestellt, der derzeit zusammen mit einer Mediengestalterin an einem Katalog der Bilder arbeite.

„Günter Meyer ist durch ein Kindheitserlebnis stark traumatisiert, das er beschrieben und gemalt hat“, berichtet Riedel. „Manchen Soltauern und Wietzendorfern, die älter sind als 80 Jahre, dürfte die beschriebene Geschichte ebenfalls noch gut in Erinnerung sein.“ Dieses Ereignis ist nun genau 75 Jahre her.

Meyer erinnert sich wie folgt: „Es war ein wunderschönes sonniges Frühlingswetter, kein Wölkchen am Himmel. Am Morgen bei der Begrüßung hieß es wieder ‚Guten Morgen‘ - ‚Heil Hitler‘ hat keiner mehr gesagt. Wir hatten Flüchtlinge aus Ostpreußen in unserer Wohnung aufgenommen. Meine Mutter war Einkaufen gegangen und mein Vetter Günter zum Gymnasium. Er kam bald wieder zurück. An der Schultür war ein Zettel angeheftet: ‚Schule bis Kriegsende geschlossen‘.“

Der Cousin, der in Wietzendorf zu Hause war, hatte beschlossen, nach dem Mittagessen heimzufahren. Dazu sollte es aber nicht mehr kommen: „Das Essen, Erbseneintopf, war fertig und wir setzten uns an den Tisch. Vom Himmel her war auf einmal ein leises Motorengeräusch zu hören. ‚Das sind ja wohl Bomber‘, sagte meine Mutter, dann hörte man kein Motorengeräusch mehr, nur noch den Wind. Ich hatte gerade einen Löffel Erbsensuppe zum Mund geführt, da ‚Knallhallbrummrebumbum‘. Eine Riesenerschütterung. Der Deckenputz war ins Essen gefallen und ich musste meinen Löffel Suppe wieder ausspucken. Wir liefen im Hause umher und wollten nach draußen, doch unser Hauseingang war eingestürzt - wären wir in unserem Luftschutzkeller gewesen, lebten wir alle nicht mehr. Bei jeder Bombe, die fiel, gab es eine Erschütterung und es wurde einmal grau und Nacht.

Ich hatte mich an die Küchenaußenwand gesetzt, mein Vetter und meine Mutter sprangen aus dem Küchenfenster. Die Bombensplitter, die durch die Wände schlugen, waren rotglühend. Ein Splitter sauste ganz dicht an meinem linken Knie vorbei. Als keine Bomben mehr fielen, sah ich, dass unsere Wohnzimmeraußenwand eingestürzt war. Über ihren Schutt kletterte ich nach draußen. Meine Mutter stand da, blutüberströmt. Sie sagte schnell, dass sie unverletzt sei. Das ganze Blut war von meinem Vetter. Ein großer Splitter hatte ihn getroffen“ - tödlich am Kopf. Meyer und seine Mutter gingen schließlich durch Soltau und wurden dabei von einem Tiefflieger beschossen. Am Südbahnhof explodierte ein Munitionszug. Weitere Häuser waren beschädigt und brannten. In der Walsroder Straße 79, so beobachtete der damals Neunjährige, hatten die Bewohner - und sogar die Hühner - Zuflucht im Keller gefunden, auch hier gab es Verletzte.

„Wir waren alle vom Kalkstaub bedeckt, die ganze Gegend war grau. Nachmittags kam mein Bruder vom Bahnhof nach Hause, abends mein Vater aus Musterlager. In unserem Haus konnten wir nicht mehr schlafen, wir haben dann im Alten Grenzweg übernachtet. Tags darauf kam meine Tante Sophie aus Wietzendorf und veranlasste, dass ihr toter Sohn nach Wietzendorf gebracht wurde. Wir fuhren dann mit.“

Logo