„Ein Puzzle mit mehr als 3.000 Teilen“

St. Johannis: Orgelbaumeister saniert „Königin der Instrumente“

„Ein Puzzle mit mehr als 3.000 Teilen“

Sie gilt seit Jahrhunderten als „Königin der Instrumente“, handelt es sich doch in Sachen Größe und Ausstattung zweifelsfrei um das prächtigste Musikinstrument: die Kirchenorgel. Im Gotteshaus ist sie mit ihrer kunstvollen Gestaltung nicht nur ein Hingucker, sondern gibt in den Gottesdiensten mit ihrer einzigartigen klanglichen Prägung den Ton an, leistet bei der Begleitung von Gemeinde und Chor unverzichtbare Dienste. Das ist auch in der Soltauer St. Johanniskirche so, in der Kantor Mathias Hartmann dem größten Instrument im Kirchenkreis bewegende Klänge entlockt. Es handelt sich um eine Orgel mit 40 Registern, verteilt auf vier Werke. Sie pfiff zwar nicht auf dem letzten Loch, hatte aber ein „heißes“ Problem: Nicht nur ein Teil der Beleuchtung, auch der Relaiskasten wiesen deutliche Spuren von Überhitzung auf. „Die Brandgefahr war äußerst groß“, erklärt Orgelbaumeister René Paul aus Niederröblingen. Der 33-jährige Fachmann aus Sachsen-Anhalt hatte die verschmorten Teile im September 2020 im Zuge der Wartung der Orgel entdeckt und das Instrument daraufhin aus Brandschutzgründen stillgelegt. Jetzt bringt er selbst die „Königin“ wieder auf Vordermann, will ihr mit einer aufwendigen Rundumerneuerung, wie er sagt, „eine neue Seele“ einhauchen. Außerdem wird die Orgel mit einem „Gehirn“, einem Computer, ausgestattet und komplett aufgehübscht, so dass nach Abschluss der Arbeiten alles Gold ist, was glänzt.

Die Orgel in der St. Johanniskirche ist eine Mischung aus „Jung und Alt“, besteht sie doch aus einem aus dem Jahr 1908 stammenden Gehäuse, das später um zwei Pedaltürme erweitert und im Jahr 1968 von der Firma Hammer vollendet wurde. 26 Jahre später renovierte die Firma Schuke das gute Stück komplett und intonierte es neu. „Eine Wartung ist einmal jährlich erforderlich, eine komplette Reinigung etwa alle 25 Jahre“, so Paul. Als er die Orgel bei der Routinekontrolle unter die Lupe nahm, stellte er fest, das der Zahn der Zeit arg an der Elektrik genagt hatte. Zwar handelt es sich um ein mechanisches Instrument, die Steuerung der Register allerdings erfolgt mit Hilfe von Starkstrom. Und die Elektrik aus den 60er Jahren hat ihre besten Zeiten längst hinter sich, teils schmorten bereits Kabel und Schalter, wie Paul am vergangenen Mittwoch beim Termin in der Kirche zeigt. Die elektrischen Bauteile, die er präsentiert, haben schwarze Stellen. „Das hätte böse enden können. Alle 100 Jahre eine ausgebrannte Kirche - das muss unsere Gemeinde nun wirklich nicht haben. Es war schon sinnvoll, dass die Orgel stillgelegt wurde. Und es ist ein Glücksfall, dass derjenige, der den Schaden entdeckt hat, nun auch die Sanierung der kompletten Orgel übernimmt“, unterstreicht Franz-Otto Wiehenstroth, Vorsitzender des Kirchenvorstandes, beim Pressetermin. Mit von der Partie sind Pastor Carsten Mork und Kantor Mathias Hartmann sowie Christian Otto, Regionalleiter Soltau-Visselhövede der Volksbank Lüneburger Heide, die das kostspielige Projekt mit einer kräftigen Finanzspritze in Höhe von 15.000 Euro unterstützt. Die Gemeinde geht von Gesamtkosten in Höhe von rund 90.000 Euro aus - eine Menge Holz. Aus diesem Werkstoff bestehen übrigens auch einige der Orgelpfeifen, die Experte Paul bereits ausgebaut hat. Das Gros der Pfeifen besteht allerdings aus anderem Material, nämlich aus Metalllegierungen. Etwa drei Viertel der insgesamt 3.000 Pfeifen hat der Fachmann schon aus dem Gehäuse entfernt. Die Winzigste hat in etwa die Maße eines Kugelschreibers. Die Größte befindet sich noch an ihrem Platz. Sie ist sechs Meter lang und bringt stolze 230 Kilogramm auf die Waage. „Man braucht etwa fünf bis sechs Leute, um sie rauszuholen“, sagt Paul und deutet auf das imposante klangerzeugende Orgelteil: „Die ist deshalb auch ganz zum Schluss dran.“

Mit der Sanierung hat er bereits am 14. Februar dieses Jahres angefangen. Seinen Beruf übt er mit Leidenschaft aus, das ist deutlich zu spüren. „Orgelbau Paul“ steht auf seinem dunklen Arbeitspulli, auf dem auch der Spruch „Ich bin mehrere Gewerke“ prangen könnte, denn der 33-Jährige benötigt für seine Tätigkeit nicht nur ein gutes Gehör und ruhige Hände, sondern die verschiedensten handwerklichen Fähigkeiten. Er ist Elektriker, Techniker, Kon-strukteur, Schreiner und Restaurator in einer Person, muss sich mit Computern und Programmen ebenso auskennen wie im Bereich Akustik. Und genau dieser Abwechslungsreichtum ist es, der dem Niederröblinger an seinem Beruf gefällt. Seine Familie sei kirchlich geprägt, so sei sein Interesse an der „Königin der Instrumente“ früh geweckt worden, berichtet er. Längere Zeit restaurierte er in seiner Freizeit ehrenamtlich defekte Orgeln. Dabei stellte der gelernte Landwirt fest, „dass ich das hauptberuflich machen möchte.“ Erlernt hat er seinen zweiten Beruf bei der renommierten Firma Johannes Klais Orgelbau GmbH & Co. KG mit Sitz in Bonn, die unter anderem die Orgel der Elbphilharmonie in Hamburg gebaut hat.

Paul führt die kleine Gruppe in den Raum hinter der Orgel, in dem er die ausgebauten Pfeifen, fein säuberlich sortiert, sowie auch andere Bauteile zur Überarbeitung aufgestellt beziehungsweise hingelegt hat. „Das ist wie ein Puzzle mit mehr als 3.000 Teilen“, sagt Wiehenstroth beim Blick auf die vielen „Einzelstücke“.

„Jede Pfeife hat ein Eigenleben, jedes Register seinen ganz speziellen Klang“, erklärt Paul, greift sich das kleinste Exemplar der Orgel und bläst hinein. Sie klingt in etwa so wie eine Blockflöte. Dann nimmt er eine größere Pfeife, die einen viel lauteren Ton von sich gibt. „Das ist der Signalton der Deutschen Bahn“, sagt Kantor Hartmann und lacht: „Grundsätzlich gilt: Je größer die Orgelpfeife, desto tiefer ihr Klang.“

Die Pfeifen als Tonerzeuger der Orgel werden durch „Wind“ zum Klingen gebracht. Hauptteile der Kirchenorgel sind das Pfeifenwerk mit dem Windladen, die Windversorgung, die Traktur und der Spieltisch. Das Pfeifenwerk gliedert sich in einzelne Register. Es handelt sich um eine Reihe von Pfeifen, die sich durch gleichen Klangcharakter auszeichnen. Jedes Register kann an- oder abgeschaltet werden. Der Organist bedient am sogenannten Spieltisch über Pedale und Tastatur einzelne Pfeifenreihen verschiedener Tonhöhen und kann auf diese Weise verschiedene Klangfarben erzeugen.

Bei der Sanierung nimmt sich Paul jede Pfeife einzeln vor, bläst sie aus und reinigt sie, um jedes Exemplar dann neu zu intonieren. Wie er letzteres genau macht, mag er nicht verraten: „Da hat jeder Orgelbauer sein Geheimnis. Es geht darum, der Pfeife eine Seele zu geben. Ich bin auch selbst Organist, da hört man ganz anders“, unterstreicht der Fachmann. Natürlich ist das Ganze auch anstrengend: „Nach 56 Pfeifen am Tag bin ich platt.“

Neben den Klangerzeugern wird er sich aber auch um die ansprechende „Verpackung“ und das andere Innenleben kümmern. „Die Windladen müssen dicht sein, der Spieltisch wird komplett zerlegt und gereinigt und komplett neu gestaltet. Es wird Altes benutzt und Neues kommt hinzu“, so der Orgelbaumeister: „Wenn man das richtig machen will, dann macht man das so wie früher - alles in Handarbeit. Die Qualität muss stimmen.“

„Aus der Erfahrung entstehen perfekte Instrumente“, unterstreicht Kantor Hartmann. Wer sich mit dieser besonderen Handwerkskunst befasse, müsse die Begabung haben, Klänge differenziert hören zu können. Jede Orgel habe ihren ganz eigenen Charakter. Der Kantor freut sich, dass die Orgel nicht nur neu intoniert, sondern auch um ein zusätzliches Register bereichert wird: „Es wird eine Überraschung, was da völlig neu erklingen wird.“ Beim Orgelspiel wird er schon bald Unterstützung von „Kollege Computer“ erhalten, denn das historische Instrument wird im Zuge der Arbeiten mit moderner Technik versehen, die die Registersteuerung auf digitalem Wege übernimmt. Am Klang ändert das nichts. „Das ist eine Spielhilfe für den Organisten“, erklärt Hartmann. Mussten der Organist beziehungsweise der ihn unterstützende Registrant beim Spielen der Orgel per Hand „alle Register ziehen“, so erfolgt die Steuerung künftig per Rechner. Das hat diverse Vorteile, wie der Kantor betont: „Man kann die Voreinstellungen zum Beispiel auf einem USB-Stick speichern und vor dem Spielen einladen.“ Außerdem wird die Orgel mit Sensoren ausgestattet, die Temperatur und Luftfeuchte registrieren und aufzeichnen. Das mache er allein schon deshalb, so der Orgelbauer, „weil unsere Firma zehn Jahre Gewährleistung übernommen hat.“ Last, but not least werde das Instrument auch mit einer Brandmeldeanlage versehen.

An der Stromversorgung der Orgel hat Paul, er ist auch Elektriker, bereits gewerkelt. Sie ist nun von der Heizung und der Anlage zur Steuerung der Glocken separiert. Was die Computersteuerung der Register angeht, so wartet er auf den entsprechenden Steuerchip - und gerade in diesem Bereich gibt es derzeit bekanntlich weltweit Lieferengpässe. Für die komplette Sanierung, zu der auch die Aufarbeitung und Pflege der Holzteile sowie die Neuverzierung der schmückenden Elemente mit Blattgold gehören, hat Paul rund ein halbes Jahr eingeplant. Wenn alles fertig ist, soll das Schmuckstück zudem mit in den Boden eingelassenen Strahlern ins rechte Licht gerückt werden.

Wiehenstroth, Hartmann und Mork berichten von umfangreichen Planungen und großer Unterstützung. So hätten 40 Förderer Patenschaften für jeweils eines der Register übernommen, die Freunde von St. Johannis und die St.-Johannis-Stiftung beteiligten sich an den Gesamtkosten in Höhe von rund 90.000 Euro. Die Landeskirche werde 30 Prozent der Kosten übernehmen, hinzu komme die Spende der Volksbank.

Zur Einweihung ist ein Benefiz-Konzert und anschließend ein Festgottesdienst geplant. Nach Weihnachten wird erneut Paul gefordert sein. Er wird das runderneuerte Instru-ment dann luftdicht verpacken, um es vor Staub zu schützen, da in der Folge die Innensanierung der Kirche beginnen soll.

Beim Termin in der Kirche berichtet Paul nach Beendigung des „offiziellen Teils“ von einen schweren Arbeitsunfall. In der Ausbildung zum Landwirt sei er beim Baumschnitt mehrere Meter in die Tiefe gestürzt und dicht neben der Motorsäge auf dem Boden gelandet. Er habe sich glücklicherweise nur leicht verletzt. Dennoch habe ihn dieses Ereignis sehr nachdenklich gemacht. Es scheint fast so, als möchte er mit seiner Arbeit etwas zurückgeben.

Logo