Ein sehr früher „Influencer“

Aufnahmen von Mardorf und Dreesen: Ausstellung „Eine Heide-Retrospektive aus der Sicht zweier Fotografen“ im Soltauer Museum

Ein sehr früher „Influencer“

Wer heute auf Tour geht, setzt sich und das Erlebte dabei gern in Szene, schießt Fotos mit dem Smartphone und stellt die Bilder dann auf Instagram und Facebook ein - nicht zuletzt, um andere „mitreisen“ zu lassen, ihnen Leute und Landschaft zu zeigen. Und wer dabei genug Follower findet, kann so sogar Geld verdienen. Ähnliches startete Wilhelm Dreesen schon vor rund 130 Jahren: Er galt als einer der Pioniere der Landschaftsfotografie, reiste auf Passagierdampfern über die Weltmeere und stellte seine Fotos im Gegenzug für Werbezwecke zur Verfügung. „Heute würde man sagen, er war ein Influencer“, stellt Heimatbundvorsitzender Robert Hollmann den Globetrotter vor, der aber nicht allein in der Ferne, sondern auch in der Heide etliche Aufnahmen gemacht hat. Das gilt auch für Wilhelm Carl Mardorf, der als „Heimatbewegter“ für die Heide und die Heidjer mit seiner Kamera jedoch ein etwas anderes Bild der Region einfing: Er zeigt Menschen bei der Arbeit und im alltäglichen Landleben. Beiden, Dreesen und Mardorf, hat der Heimatbund Soltau jetzt die Ausstellung „Eine Heide-Retrospektive aus der Sicht zweier Fotografen“ gewidmet: Ab sofort und noch bis zum 2. Oktober sind zahlreiche ihrer Bilder sowie zeitgenössische Teile einer damaligen Fotoausrüstung im Soltauer Museum zu sehen. Geöffnet ist die Ausstellung von Dienstag bis Sonntag jeweils von 14 bis 17 Uhr (Montag ist Ruhetag).

Die Idee zur Ausstellung entstand durch eine Schenkung: Dem Heimatbund Soltau wurde die Fotomappe „Wanderungen durch Heide und Moor zwischen Elbe, Jeetze, Aller und Weser“ des Fotografen Wilhelm Dreesen überlassen. „Die Aufnahmen faszinierten uns so sehr, dass wir uns zu einer Ausstellung im Museum Soltau entschlossen. Durch eine Internetrecherche stießen wir auf die Präsentation ‚Discovering Dreesen, Fotograf, Globetrotter, Influencer‘ in Flensburg die wir im Februar 2022 besuchten. Dank dieser Ausstellung erhielten wir detaillierte Information über das Leben und Schaffen Dreesens“, erklärt Hollmann.

Wilhelm Dreesen, 1840 in Rendsburg geboren, widmete sich in seinem Atelier zunächst der Porträtfotografie. Als der technische Fortschritt transportable Kameras und kürzere Belichtungszeiten erlaubte, betätigte er sich ab 1870 als Landschaftsfotograf, nahm an nationalen und internationalen Ausstellungen teil und gewann zahlreiche Preise. Seit 1887 offizieller „Hofphotograf“, wusste Dreesen diesen Titel erfolgreich zu vermarkten: Er schloss Verträge mit der HAPAG und anderen Reedereien und bereiste gratis die Ozeane und Kontinente auf deren Schiffen. Die Presse berichtete über seine Reisen, seine Bilder weckten Reiselust. Zwischen 1891 und 1905 erschienen über 20 Mappenwerke mit Reproduktionen seiner Fotografien. Die in der Böhmestadt ausgestellte Fotomappe wurde 1904 vom Otto Meissner Verlag in Hamburg herausgegeben. Soltau, das „moderne Landstädtchen“ ist mit einem Motiv vertreten: mit der St. Johanniskirche.

Bei Dreesen werden Landschaft und Architektur geradezu puristisch in Szene gesetzt. Menschen spielen eher eine Nebenrolle - als Statisten, die etwa Größenverhältnisse vermitteln. Für Lebendigkeit sorgen Wolken am Himmel, Wasserflächen und Wasserläufe, besondere Lichtverhältnisse und interessante Reflexionen oder Spuren im Sand. Im Kontrast dazu richtet Mardorf seinen Blick auf die Menschen, auf die Spuren und Schatten in ihren Gesichtern, auf ihre Tätigkeiten und unmittelbaren Alltagswelten. Seine rund 25 bis 30 Jahre später entstandenen Fotografien betrachten die Heide vor allem als authentischen sozialen Raum des gemeinsamen (Über-)Lebens. „Passend zu Mardorfs Aufnahmen zeigen wir einige Utensilien aus Handwerk und Landwirtschaft aus jener Zeit“, so der Heimatbundvorsitzende.

Carl Mardorf, 1890 bei Hameln geboren, absolvierte eine Lehrerausbildung und war in seiner Freizeit leidenschaftlicher Fotograf und Schriftsteller. Die hier gezeigten Fotos sind in den 1930er Jahren entstanden und stammen aus dem Fundus des Heimatbundes. Mardorf benutzte zunächst Agfa-Kameras mit Stativ und Tuch; sperrig und bis zu fünf Kilogramm schwer war diese Fotoausrüstung. Für seine Wanderungen durch die Heide wechselte er auf eine Agfa-Box-Kamera für sechs mal sechs Zentimeter große Negative. Bereits im Alter von 31 Jahren engagiert er sich in der Heimatschutzbewegung und publizierte erste Artikel in Heimatzeitungen. Lange Jahre war er Beauftragter des Kreises Soltau für Naturschutz und Landschaftspflege und Schriftleiter der Heimatbeilage „Der Niedersachse“ der Böhme-Zeitung. Für seinen langjährigen Einsatz für den Naturschutz wurde Wilhelm Carl Mardorf mit dem Bundesverdienstkreuz 1. Klasse geehrt.

Übrigens: Für die Ausstellung ist die „Pixelwerkstatt“ einigen Motiven von Dreesen nachgegangen: Mit seinen Aufnahmen aus diesem Sommer hat der Soltaure Fotoclub Veränderungen und Kontinuitäten dokumentiert. Wie präsentiert sich etwa die St. Johanniskirche vor 120 Jahren und heute von Westen aus betrachtet? Diese Frage beantworten zwei Bilder, die im Museum - wie auch andere alte und aktuelle Abzüge - nebeneinander hängen.

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