Einsamkeit im Alter - ein Tabu

Seniorenbeirat Soltau sucht nach Ideen, um alten Menschen zu helfen

Einsamkeit im Alter - ein Tabu

Meistens schaltet Lisbeth den Fernsehapparat schon vormittags an, das vertreibt die Stille ein wenig, die der 84jährigen in letzter Zeit immer mehr zu schaffen macht. Vor einigen Jahren ist sie noch regelmäßig zur Frauengymnastik gegangen und hat sich mit Freundinnen zum Handarbeiten für den Kirchenbasar getroffen, doch dann wurde ihr Mann schwer krank und musste gepflegt werden bis zu seinem Tod. Nun ist auch ihre beste Freundin gestorben, eine weitere ihrer Tochter nach Süddeutschland gefolgt und ihre Nachbarin, mit der es immer wieder ein Pläuschchen auf dem Flur gab, ist ins Heim gezogen. Den jungen Mann, der die Wohnung nebenan nun bewohnt, trifft Lisbeth nie - zu unterschiedlich sind ihre Lebensrhythmen. So paradox es klingt: Die gebürtige Schneverdingerin ist mit ihrer Einsamkeit in bester Gesellschaft; sehr viele ältere Menschen leiden darunter. Anlass für den Seniorenbeirat Soltau, sich des Themas anzunehmen. Er startete eine Fragebogenaktion und lud zu einem runden Tisch ein.

Vertreter aus Politik und Verwaltung, verschiedener sozialer Einrichtungen, Vereine und Selbsthilfegruppen kamen zu der Gesprächsrunde, auch eine Vertreterin des Mehrgenerationenhauses in Schneverdingen war unter den 25 Teilnehmern, die sich des komplexen Themas annahmen. Sehr schnell wurde klar, dass es „die eine Einsamkeit“ nicht gibt. Jeder empfindet Einsamkeit anders, und ein Patentrezept, das hilft, gibt es auch nicht. Und nicht jeder, der allein ist, fühlt sich auch einsam, gleichzeitig können auch Menschen einsam sein, die nicht allein sind.

Unbestritten ist: Wer einsam ist, spricht nicht gern darüber. Über Krankheiten wird viel geredet, Einsamkeit dagegen ist ein Tabu. Nach wie vor wird mehr Wert auf das körperliche Wohl als auf das seelische gelegt. Hinzu kommt, dass sich Einsamkeit im Alter meist schleichend entwickelt. Häufig sind es körperliche Einschränkungen, die dafür sorgen, dass Senioren nicht mehr am sozialen Leben teilnehmen: Schwerhörigkeit etwa, Probleme mit der Sehkraft oder Mobilitätseinschränkungen machen unsicher. Viele ältere Menschen trauen sich alleine kaum noch raus aus der Wohnung, Schmerzen in den Fuß-, Knie- oder Hüftgelenken sorgen dafür, dass ihr Aktionsradius immer kleiner wird und sich letztendlich nur noch auf die eigene Wohnung beschränkt. Die Welt wird sehr klein und gleichzeitig ist niemand mehr da, der zuhört, Sorgen und Nöte teilt, denn Kinder wohnen häufig weit weg, oder sind sehr beschäftigt, die Zahl der Freunde und Bekannten wird immer kleiner ...

Die meisten einsamen Menschen finden sich damit ab und nehmen den Zustand als gegeben hin. „Bei mir läuft oft schon morgens der Fernseher und unter Menschen gehe ich nur noch zum Einkaufen“, gesteht Lisbeth. Sie schämt sich, dann öfter die Verkäuferin „vollzuquasseln“. Dass sie auch damit keineswegs alleine ist, zeigt der Vorstoß einer niederländischen Supermarktkette, die zuerst in einem, dann in einigen ihrer Märkte sogenannte „Plauderkassen“ eingerichtet hat: Die Kassiererinnen dort dürfen ruhig langsam arbeiten und wer Zeit hat, kann sich an besagten Kassen anstellen, um - wie früher im Tante-Emma-Laden - ein Pläuschchen zu halten.

Einen Platz für Kaffeeklatsch hat der Supermarkt ebenfalls eingerichtet als weitere Initiative gegen die Einsamkeit. Dort nehmen sich Freiwillige der niederländischen Stiftung „Alles Voor Mekaar“ (Alles für einander) Zeit, um sich mit Menschen zu unterhalten, die Lust auf ein Gespräch haben. Außerdem kämen so Senioren auch mit Freiwilligen zusammen, die ihnen beim Einkaufen, im Haushalt oder Garten helfen oder ihnen ganz schlicht Gesellschaft leisten, berichtet die Chefin der Supermarktkette.

Ein außergewöhnlicher Ansatz, aber durchaus hilfreich, denn der Lebensmitteleinkauf ist häufig der einzige Grund für Senioren, ihre Wohnung zu verlassen - in den Niederlanden wie in Deutschland. Und dass der Zugang zu einsamen Menschen oft sehr schwierig ist, wussten die Teilnehmer der Soltauer Gesprächsrunde allesamt zu berichten - beim Einkauf scheint er noch am ehesten zu gelingen.

Eine einfache Antwort auf die Frage „Was kann man tun gegen die Einsamkeit?“ fand die Runde in Soltau indes nicht. Die bereits bestehenden Angebote wie Tanzgruppen, Frauenkreise oder Veranstaltungen in sonstigen Seniorengruppen „reichen sicherlich nicht aus, um das Problem zu lösen“, so Beiratsvorsitzender Gottfried Berndt. Deshalb will sich das Gremium auch weiterhin mit dem Thema befassen und hofft dabei auf Unterstützung aus der Bevölkerung: „Wir nehmen gerne Anregungen entgegen“ ermuntert Karl Beck alle Interessierten, sich beim Seniorenbeirat zu melden. Entweder in der Seniorensprechstunde, immer am letzten Mittwoch im Monat von 10 bis 11 Uhr im alten Rathaus in Soltau oder per E-Mail an die Adresse seniorenbeirat.soltau@t-online.de.

Dass das Thema drängend ist, zeigt ein Blick auf die Statistik: Die Gruppe der 80- bis 90jährigen wächst rasant. Aktuell leben mehr als zwei Millionen alte Menschen in Deutschland allein. Und viele von ihnen erhalten höchst selten Besuch von Verwandten, Freunden oder Bekannten. Die Folgen sind dramatisch - denn häufig führt Einsamkeit in die Depression. Und nicht wenige Senioren verlieren auf Dauer all ihren Lebensmut.

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