Es geht um Einsamkeit, Angst und Depression

40 Jahre Telefonseelsorge: Wegen Corona-Pandemie gefragter denn je

Es geht um Einsamkeit, Angst und Depression

Im fast vergangenen Jahr konnte die Dienststelle der hiesigen Telefonseelsorge ein besonderes Jubiläum begehen: Bereits seit 40 Jahren existiert das Angebot im Kirchenkreis Soltau. Mit einem kleinen, aber festlichen Gottesdienst Ende September in der St. Urbanikirche in Munster konnten die Ehrenamtlichen, ehemalige Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen sowie einige offizielle Gäste zusammen mit Superintendent Heiko Schütte und der Leiterin Pastorin Petra Horn diesen außergewöhnlichen runden Geburtstag feiern.

Horn leitet die Dienstelle seit gut einem Jahr. Vorher hatte es eine 18monatige Vakanz gegeben. Seit Oktober 2019 bildet die Pastorin mit einer halben Stelle, unterstützt von einer Sekretärin, die ebenfalls eine halbe Stelle innehat, und einer Honorarkraft, die stundenweise hilft, den „Kopf“ des Hilfsapparates. Und das Angebot der Telefonseelsorge ist nach wie vor wichtig und in Krisenzeiten mehr denn je gefragt, wieHorn erklärt: „In diesem Jahr hatten wir allein in den Monaten des ersten Lock-Down aufgrund der Corona Pandemie etwa 15 bis 20 Prozent mehr Anrufe.“ Nach dem signifikanten Anstieg folgte ein Abflachen im Sommer, doch seit Oktober sind die Anruferzahlen erneut angestiegen.

Wer die Nummer der Telefonseelsorge wählt, ist häufig verzweifelt, sucht Beistand und Hilfe. Gut die Hälfte sind übrigens „Daueranrufer“, also Menschen mit zum Teil chronischen psychischen Krankheitsbildern, Alte und Einsame. Die bei den Telefonaten angesprochenen Themen reichen von Beziehungen und allgemeinen Konflikten über Missbrauch und Gewalterfahrung bis hin zu Krankheiten, Trauer, Tod und Sterben. Gerade jetzt während der zweiten Corona-Welle und des Teil-Lockdowns werden die Ehrenamtlichen am Hörer aber auch verstärkt mit Ängsten, Einsamkeit und depressiven Verstimmungen konfrontiert. Auch, dass Anrufer Suizidgedanken äußern, ist keine Seltenheit.

Die Auswirkungen der Coronakrise sind jedoch nicht nur bei den Anrufern Thema, sie erschweren auch die Arbeit der Telefonseelsorge ganz erheblich und bescherten der Leiterin einen nicht gerade leichten Start. Normalerweise stehen als Schwerpunkte im ersten Jahr an, sich einen Überblick zu verschaffen, das Kennenlernen der Ehrenamtlichen, Öffentlichkeitsarbeit, die Ausbildung neuer Mitarbeiter sowie das Netzwerk kennenlernen und ausweiten. Unter Corona-Bedingungen gestaltete sich das ab dem Frühjahr allerdings kompliziert. So mussten die wichtigen Bereiche Ausbildung, Supervision und Fortbildung teilweise sogar ausfallen wegen des Lockdowns im Frühjahr.

Zur Fortbildung der Ehrenamtlichen stehen jährlich ein Wochenende und zwei halbtägige thematische Termine auf dem Programm - das Wochenende im Frühjahr musste in diesem Jahr komplett entfallen, nur die halbtägigen Treffen waren möglich. Auch bei der Supervision mit externen Experten fielen Termine dem Lockdown zum Opfer: Statt zehn Treffen pro Gruppe wie 2019 gab es in diesem Jahr nur sechs regelmäßige Supervisionsgruppen, die sich monatlich dezentral treffen - nur zum Teil waren die Treffen in Präsenz möglich, statt dessen gab es Supervision am Telefon.

Horn hofft, dass sich die Bedingungen im kommenden Jahr wieder bessern, denn im März 2021 startet der nächste Ausbildungskurs. Darum suchen sie und ihr Team auch wieder Frauen und Männer, die Interessierte haben an dieser ehrenamtlichen Tätigkeit. Aktuell sind es 53 Frauen und Männer, vier sind 2019 hinzugekommen, sechs in diesem Jahr. Die Ehrenamtlichen kommen - wie auch die Anrufer - nicht nur aus dem Heidekreis, sondern auch aus den Landkreisen, Uelzen, Winsen, Lüneburg und Rotenburg und fahren teilweise bis zu einer Stunde, um zur Dienststelle zu gelangen.

Zwar können die Mitarbeiter für ihre Dienstzeit einem Zwei-Stunden-Rhythmus wählen, die meisten von ihnen telefonieren aber vier bis sechs Stunden oder übernehmen eine Nachtschicht. Doch bevor jemand in der Dienststelle den Hörer abnehmen darf, steht eine umfassende Ausbildung auf dem Programm. Sie dauert rund neun Monate, ist kostenlos und geht einher mit der Verpflichtung, für drei Jahre jeweils zwölf Stunden Telefondienst im Monat zu übernehmen und regelmäßig an Fortbildung und Supervision teilzunehmen.

Die Ausbildung basiert auf vier Säulen: Selbstreflexion, Gesprächstraining, Sachinformationen über psychische Krankheitsbilder sowie zu bestimmten Themen wie Tod/Trauer und letztlich die Hospitation bei erfahrenen Ehrenamtlichen. Von März bis November kommenden Jahres müssen Interessierte dafür rund 150 Stunden Zeit investieren: Sechs Tage und vier Wochenenden „Unterricht“ sowie fünf Hospitationen am Telefon stehen in der Zeit auf dem Plan. Sicher kein Spaziergang, doch es lohnt sich, wie viele der Ehrenamtlichen berichten: „Ich merke, dass ich hilfreich für Menschen in Not bin. Das ist vielleicht das Wichtigste. Aber ich lerne auch mich selber besser kennen. Natürlich verbessern die Gesprächsübungen auch meine eigene Kommunikation in der Familie und im Freundeskreis“, so Petra Horn.

Die Pastorin weiter: „Es wäre natürlich schön, wenn die Ehrenamtlichen einer christlichen Kirche angehören, es ist aber keine Voraussetzung. Bei uns arbeiten auch Konfessionslose mit. Wichtige Voraussetzung für alle Ehrenamtlichen ist es aber, dass sie unterschiedliche Wertekonzepte und Glaubensüberzeugungen stehen lassen können.“ Zudem sollten die Mitarbeiter geduldig und einfühlsam sein, und natürlich gut zuhören können. Horn: „Eine gute Portion Humor und Frustrationstoleranz kann auch nicht schaden.“ Mitbringen sollte man zudem unbedingt eine Fähigkeit zur Selbstreflexion.

Interessierte können sich auf der Internetseite www.telefonseelsorge-soltau.de näher informieren. Dort ist auch das Bewerbungsverfahren näher erläutert. „Wer sich für eine Mitarbeit bei dieser erfüllenden Aufgabe interessiert, kann sich in der Dienststelle erkundigen und anmelden“, erläutert Horn. Die Rufnummer ist (05192) 7550, die E-Mail-Adresse telefonseelsorge.soltau@evlka.de.

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