Formularlotse sorgt donnerstags für den Durchblick

„Soltau für alle“: Neues Angebot in der Bibliothek Waldmühle

Formularlotse sorgt donnerstags für den Durchblick

„Von der Wiege bis zur Bahre - Formulare, Formulare“ - ob es tatsächlich ganz so schlimm ist, wie es diese Volksweisheit glauben machen will, sei einmal dahingestellt. Was aber unbestritten sein dürfte: Nicht jeder kommt damit klar, ein Formular zu verstehen und dann richtig auszufüllen. Doch auch andere Texte und offizielle Schreiben lassen den Adressaten manchmal alt aussehen, weil er nicht versteht, worum es geht. Die Gründe dafür können sehr unterschiedlich sein - das Ergebnis ist dasselbe. Um hier Unterstützung anzubieten, gibt es jetzt in Soltau einen ehrenamtlichen Formularlotsen: Vom 17. Oktober an sitzt Frank Oechsner immer donnerstags von 16 bis 18 Uhr in der Bibliothek Waldmühle, um bei Bedarf Geschriebenes verständlicher zu machen.

Dieses Angebot ist keine Soltauer Erfindung, sondern existiert in anderen Kommunen schon länger: „Der Landkreis Gifhorn beispielsweise hat 25 Formularlotsen“, weiß Oechsner. Dass es diesen kostenlosen Service jetzt auch in der Böhmestadt gibt, geht auf das Projekt „Soltau für alle“ zurück, das die Lebenshilfe auf den Weg gebracht hat. Darin sind Einrichtungen, Behörden und Einzelpersonen engagiert, um den Inklusionsgedanken in der Böhmestadt umzusetzen.

Dazu Monika Ley-Kalender, Projektkoordinatorin Inklusion der Lebenshilfe Soltau: „Auf Barrieren trifft nicht nur der, der im Rollstuhl sitzt. Auch die Schriftsprache kann zur Barriere werden.“ Im Zuge der Inklusion gehe es darum, Einschränkungen der Teilhabe entgegenzuwirken: „Dazu haben wir unseren Blickwinkel erweitert, denn eigentlich hat fast jeder eine solche Begrenzung.“ Konkret auf dieses Thema, so Ley-Kalender, „sind wir eigentlich durch die Alphadekade gekommen.“

Dahinter verbirgt sich eine gemeinsame Initiative von Bund und Ländern für Alphabetisierung und Grundbildung. Schließlich soll es in Deutschland rund 6,2 Millionen Menschen geben, die zwar Buchstaben, Wörter und einzelne Sätze lesen und schreiben, längere zusammenhängende Texte aber nur schwer verstehen können. Mehr als die Hälfte davon sind Muttersprachler.

„Menschen mit diesem Problem gibt es natürlich auch in Soltau“, meint Oechsner und nennt damit eine der Gruppen, die von ihm als Formularlotsen profitieren könnten. Allerdings, so Ley-Kalender, gebe es auch andere Gründe, warum jemand mit Formularen oder Schriftstücken Schwierigkeiten habe: „Das kann alte Menschen betreffen, die die inhaltlichen Zusammenhänge nicht mehr so schnell erkennen. Aber beispielsweise auch Personen mit Sehbehinderungen oder solche, die etwa nach einem Schlaganfall beeinträchtigt sind und deshalb Schwierigkeiten beim Lesen haben, können sich durch dieses Angebot angesprochen fühlen.“ Dies um so mehr, „als insbesondere ältere Menschen oft alleinstehend sind und möglicherweise niemanden sonst haben, der ihnen dabei helfen könnte“, meint Oechsner.

Soweit eine mündliche Verständigung möglich sei, so der 59jährige, könne er auch Migranten bei Schwierigkeiten mit der Schriftsprache helfen. Das, so Ley-Kalender, gelte allerdings nicht, wenn dies andere Stellen oder Ämter betreffe, die auf diesem Sektor für die Begleitung dieser Menschen zuständig seien: „Die können und wollen wir nicht ersetzen.“

Aber auch sonst, so Oechsner, habe seine Hilfe Grenzen: „Ich unterstütze die Leute beim Verstehen beziehungsweise Ausfüllen von Formularen, Schriftstücken, Briefen und Anträgen, wobei ich zu Vertraulichkeit und Datenschutz verpflichtet bin. Eine Rechtsberatung gibt es aber nicht. Und Ansprüche können aus dieser Hilfe auch nicht abgeleitet werden.“

Ley-Kalender und Oechsner freuen sich darüber, dass die Stadt Soltau grünes Licht für die Nutzung der Waldmühle gegeben hat: „Die Hemmschwelle, in die Bücherei zu gehen, wo der Formularlotse auf der oberen Gebäudeebene sitzt, dürfte für die Betroffenen relativ niedrig sein“, so die Projektkoordinatorin, die von einem guten Start dieses Angebotes ausgeht.

Logo