„Freundliche Übernahme“: Dr. Michael Abend eröffnet Kinderarztpraxis in Soltau

Chefarzt der Finkelstein-Klinik in Walsrode übernimmt Sitz von Dr. Sabine Hoppe und lässt sich zum 1. April 2020 ambulant in Räumen des Soltauer Krankenhauses nieder

„Freundliche Übernahme“: Dr. Michael Abend eröffnet Kinderarztpraxis in Soltau

Er ist insbesondere im ländlichen Raum ein Thema: der drohende Fachärztemangel. Wenn eine etablierte Praxis schließt, dann kann es schnell zu Engpässen kommen. In Soltau wird zum 1. April kommenden Jahres Kinder- und Jugendärztin Dr. Sabine Hoppe aus Altersgründen ihre Praxis abgeben. Die Suche nach einer Nachfolgerin oder einem Nachfolger gestaltete sich jedoch schwierig. Bereits vor rund vier Jahren begann Hoppe mit der Suche, schaltete Anzeigen in Fachzeitschriften und suchte über die Praxisbörse der Kassenärztlichen Vereinigung (KV) - jedoch ohne Erfolg. Schließlich fand sich doch noch eine Lösung, die durchaus als „freundliche Übernahme“ bezeichnet werden kann. Dr. Michael Abend, Chefarzt der Finkelstein-Klinik für Kinder- und Jugendmedizin in Walsrode, übernimmt zum 1. April 2020 die Praxis, die er aber in anderen Räumen führen wird, nämlich im Soltauer Krankenhaus. Er bleibt zudem Chefarzt der Finkelstein-Klinik.

Hoppe, seit rund 26 Jahren Kinderärztin in der Böhmestadt, wird die Tür ihrer Praxis als 67jährige nicht von jetzt auf gleich komplett schließen, denn: „Von 100 auf Null - das kann ich nicht“, so die Kinderärztin. Sie werde zunächst weiterhin für Privatpatienten zur Verfügung stehen und sich verstärkt der Manuellen Medizin und der Osteopathie widmen, für die sie bislang im alltäglichen Praxisbetrieb kaum Zeit habe. Dass sich für die Kinderarztpraxis eine Nachfolgeregelung gefunden habe, freut die Medizinerin sehr. „Das lag uns beiden sehr am Herzen“, betont auch Dr. Abend. „Ich werde den KV-Sitz in Absprache mit der Geschäftsführung des HKK zum 1. April 2020 vollumfänglich übernehmen“, so Abend. Etwas gewundert habe er sich, dass ihm in Soltau zunächst keine Praxisräume angeboten worden seien. Umso mehr freut ihn, dass er die Räume der ehemaligen Kinderabteilung im Soltauer Krankenhaus nutzen kann, die er vom Klinikum anmietet. „Ich kenne die Räumlichkeiten, das war ja mal mein Baby. Ich freue mich darauf“, unterstreicht Abend. Vor der Eröffnung der Praxis sei allerdings noch einiges zu tun. Die Räume sollen kindgerecht gestaltet werden, der eingezäunte Außenspielbereich mit Spielgeräten versehen und aufgehübscht werden. „Da muss Farbe und da muss Leben rein“, erläutert Abend. Er läßt sich mit der Praxis allein nieder, trägt somit auch das finanzielle Risiko allein. Hätte sich die Möglichkeit eröffnet, so Abend, so hätte er gern einen Partner mit ins Boot geholt.

Wichtig ist ihm bei diesem Vorhaben insbesondere Nachhaltigkeit: „Ich bin jetzt 57 Jahre alt. Zehn Jahre mache ich noch auf jeden Fall. Ich ziehe nicht weg, ich bleibe in Soltau.“ Die Patienten von Sabine Hoppe wird er übernehmen. Es sei durchaus machbar, parallel dazu weiterhin als Chefarzt der Finkelstein-Klinik tätig zu sein, machte Abend deutlich: „Ich werde überall präsent sein. Chefarzt bin ich auch samstags und sonntags“, so Abend. Und weiter: „Das Team der Kinderklinik in Walsrode ist super, als Chefarzt muss ich dort vor allem die Fäden in der Hand halten.“ Das ambulante Angebot der Finkelstein-Klinik für Kinder- und Jugendmedizin werde es künftig nicht mehr geben, die stationäre Versorgung laufe in Walsrode jedoch wie gewohnt weiter. Zudem gebe es an beiden Standorten des HKK weiterhin eine zentrale Notfallversorgung sowie die Institutsambulanz.

Die Kinderarztpraxis in den Räumen des Soltauer Krankenhauses wird eine neue Telefonnummer erhalten. Laut Abend sei es aber bereits jetzt möglich, neue Patienten über das Sekretariat der Finkelstein-Klinik für das zweite Quartal 2020 anzumelden beziehungsweise vormerken zu lassen.

Laut kassenärztlicher Vereinigung gibt es im Heidekreis ausreichend Kinderärzte. „Nach den alten Zahlen sind wir massiv überversorgt“, so Hoppe. Jedoch habe es in den Jahren von 2013 bis 2017 in Niedersachsen einen Geburtenzuwachs von 30 Prozent gegeben, zudem seien die Ansprüche erheblich gestiegen. „Wir haben das Gefühl, dass inzwischen jedes Versagen in der Schule beim Kinderarzt auf dem Tisch landet“, konstatiert die Kinderärztin. In ihrer Praxis, in der sie auch Patienten aus Schwarmstedt und Walsrode behandele, habe sie zuletzt jede vierte der im Landkreis vorgenommenen Vorsorgeuntersuchungen gemacht - „und das geht nicht.“ Die Bedarfsplanung indes sei an diese Entwicklungen nicht angepasst worden. Die kassenärztliche Vereinigung habe aber mittlerweile signalisiert, „dass da im nächsten Jahr etwas geschehen soll.“

Was die Versorgung mit Kinderärzten angeht, so blickt Hoppe mit Sorge in die Zukunft. „Der Großteil der niedergelassenen Kinderärzte ist 60 Jahre und älter. Und das ist nur die Spitze des Eisberges. Der Altersschlüssel ist miserabel - und es kommt nichts von unten nach.“ Es seien überwiegend Frauen, die diesen Beruf ergreifen wollten. „Viele wollen aber nur in Teilzeit und angestellt arbeiten“, weiß Hoppe. Hinzu komme, dass die Ausbildung zum Kinderarzt mit sechs Jahren Studium und fünf Jahren Weiterbildung sehr viel Zeit in Anspruch nehme - und die Zahl der „Ausbildungsplätze“ zudem begrenzt sei. Hoppe: „In zehn Jahren ist da ein richtiges Problem.“

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