Gemeinsam gegen Missbrauch

Landkreis und Polizeiinspektion unterzeichnen Kooperationsvereinbarung

Gemeinsam gegen Missbrauch

Im vergangenen Jahr war es der Fall Lügde, jetzt ist es Münster: Immer wieder kommen spektakuläre Fälle von sexuellem Missbrauch von Kindern und Jugendlichen an die Öffentlichkeit, mit oft unglaublichen Ausmaßen. Um sich im Heidekreis besser gegen diese Verbrechen zu rüsten, haben Landkreis und Polizei am heutigen Freitag in Soltau eine Vereinbarung über ein Kooperationsprojekt zum Thema „Schutz von Kindern und Jugendlichen vor sexueller Gewalt im Heidekreis“ getroffen - wegen der Corona-Krise mit fast viermonatiger Verzögerung.

Landrat Manfred Ostermann und Polizeidirektor Stefan Sengel, Leiter der Polizeiinspektion (PI) Heidekreis, unterzeichneten die Vereinbarung zwar erst jetzt, aber die Zusammenarbeit läuft bereits. Schon seit 2013 gibt es übrigens eine Sicherheitspartnerschaft zwischen den kommunalen Behörden im Heidekreis und der PI, um zeitnah und effektiv auf aktuelle Geschehnisse im Bereich der Gefahrenabwehr und der Strafverfolgung reagieren zu können. Polizei und verschiedenste Behörden arbeiten darüber hinaus im Räderwerk ganzheitlich eng vernetzt zusammen, um gegen Rockerkriminalität und kriminelle Familienstrukturen konsequent vorzugehen.

„Diese Zusammenarbeit wie im Räderwerk wollen wir auch in diesem Bereich wirklich leben“, betonte Ostermann, der auf die in jüngster Zeit aufgedeckten Mißbrauchsfälle, die enormen Netzwerke der Pädophilen und die dabei sichergestellten unglaublichen Mengen kinderpornographischen Materials verwies. „Das sind Abgründe, die wir nicht wollen. Kinder und Jugendliche haben ein Recht darauf, das man sie schützt und ernst nimmt. Das wollen wir tun.“

Das bedeutet, dass sich die entsprechenden Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter von Landkreis und Polizei bei Bedarf, mindestens aber alle sechs Monate treffen, um sich auszutauschen. Dabei geht es vor allem auch um den Schutz von Kindern und Jugendlichen möglichst schon im Vorfeld solcher Straftaten. Jugendamt und Polizei, so der Landrat, hätten da unterschiedlichen Möglichkeiten: „Und durch die Zusammenarbeit wollen wir für die Kinder und Jugendlichen das Beste ’rausholen.“ Nach einem Jahr solle es eine Evaluation geben: „Wir werden dann sehen, was wir verändern oder verbessern können, und die Kooperationsvereinbarung entsprechend nachjustieren“, kündigte Ostermann an.

Auch Sengel, der die Strafverschärfungen „in diesem widerlichen Deliktbereich“ begrüßte, verspricht sich einiges von der Zusammenarbeit: „Wir sind gut beraten, wenn wir an diesen Themen ganzheitlich arbeiten - auch im Vorfeld, um Taten zu verhindern. Hier eröffnet die Kooperation auch andere Blickwinkel in der Gesamtbeurteilung. Das, was wir heute unterzeichnen, praktizieren wir schon.“ Diese Vereinbarung, so unterstrich Ostermann, solle auch ein Signal nach außen sein: „Hier kann kein Täter vor Entdeckung sicher sein.“ Gleichzeitig rief der Landrat auch die Bevölkerung auf, sensibel und wachsam zu sein, was sexuelle Gewalt gegen Kinder und Jugendlichen betreffe.

Natürlich ist dieser Deliktbereich für die Polizeiinspektion kein Neuland, wie Polizeioberrat Sebastian Pölking, Leiter des dafür zuständigen Fachkommissariats 1, erläuterte. Mit Blick auf die vermehrte Aufdeckung von Kindesmissbrauchsfällen meinte er: „Wir haben hier nicht mehr Taten als früher, sondern ein kleineres Dunkelfeld. Es werden mehr Täter ins Hellfeld geholt, und damit werden dann auch neue Fälle sichtbar gemacht.“

Um in diesem Bereich erfolgreich zu arbeiten, so Pölking, habe die PI „einen Fachbereich für Kinderpornographie geschaffen.“ Zudem sei ein kindgerechtes Vernehmungszimmer eingerichtet worden, um für eine angenehmere Atmosphäre zu sorgen. Hier arbeite die Polizei mit einem audiovisuellen Vernehmungssystem zur Dokumentierung der Aussagen. Kinder müssten dann nicht mehr vor Gericht erscheinen. Darüber hinaus verwende die PI ein Tool mit künstlicher Intelligenz, um die oft unglaublich großen Mengen sichergestellter kinderpornographischer Fotos und Filme zu sichten.

„Vor einigen Jahren bewegte sich das noch in Gigabyte-Dimensionen, heute sind es in solchen Fällen Größenordnungen von mehreren Terabyte - und ein Terabyte umfasst etwa 300.000 bis 500.000 Fotos“, so Erster Kriminalhauptkommissar Carsten Otten. Im Heidekreis habe es 2019 64 Taten (Missbräuche und Kinderpornographie) gegeben. Otten betonte weiter, durch die Kooperation mit dem Jugendamt lasse sich möglicherweise im Vorfeld erkennen, wo es zu einem Missbrauch kommen könnte, also präventiv helfen.

Wie Ostermann, aber auch Sengel betonte, seien Datenschutz und sensibles Vorgehen im Rahmen der Kooperation angesagt: „Wer Hilfe sucht, muss nicht befürchten, automatisch in einer polizeiliche Akte zu landen“, so der PI-Chef. Und Sina Böhling, Leiterin des Fachbereichs Kinder, Jugend und Familie des Landkreises, unterstrich: „Es ist wichtig, voneinander zu wissen. Das ist nicht nur ein Signal an die Täter, sondern auch an die Opfer: Ihr könnt euch in gutem Vertrauen an diese Stellen wenden.“ Also an die Polizei und etwa an „Wendepunkte“, die Fachberatungsstelle gegen sexuelle Gewalt der Erziehungsberatungsstelle Soltau für den Heidekreis.

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