Kaffee trinken, Formulare stempeln und pünktlich zum Feierabend den Stift fallen lassen? Es hält sich hartnäckig, das Klischee vom Beamten, der inmitten von Aktenbergen mit der Tasse in der Hand alle fünf Minuten auf die Uhr schaut und eine ruhige Kugel schiebt. Nach wie vor gibt es das Bild einer Welt, in der die Zeit etwas langsamer läuft und Vorschriften über allem stehen. Und so gilt es, die verstaubten Vorurteile zu schreddern und herauszustellen, wie attraktiv Vater Staat als Arbeitgeber sein kann. Das machen Vertreterinnen und Vertreter der Stadt Soltau, der Polizei, des Landkreises Heidekreis, des Amtsgerichts Soltau, der Agentur für Arbeit und des örtlichen Finanzamtes am Donnerstag, 22. Oktober, beim Karrieretag in der Bibliothek Waldmühle. Auch das Motto der Veranstaltung trägt dazu bei, das verstaubte Image wegzupusten: „Mach den ersten Schritt! Mit uns wird’s amtlich.“
Wer einen Ausbildungsplatz sucht, sich für ein duales Studium interessiert, oder einfach herausfinden will, welche beruflichen Möglichkeiten der öffentliche Dienst bietet, der oder die kann sich an diesem Nachmittag in lockerer Atmosphäre unverbindlich, ungezwungen und umfassend informieren. Wird im Finanzamt ausschließlich gerechnet? Wie ist der Alltag bei der Polizei? Welche Fäden laufen in der Stadtverwaltung oder beim Landkreis zusammen? Auf Fragen wie diese gibt es Antworten aus erster Hand.
Jahrelang galten hippe Start-ups, internationale Konzerne und die freie Wirtschaft als bevorzugte Ziele vieler Berufseinsteiger. Doch die Zeiten ändern sich. Sicherheit, Verlässlichkeit und Sinnhaftigkeit gewinnen wieder an Bedeutung. Der öffentliche Dienst profitiert davon und gewinnt an Attraktivität, wie Studien zeigen. Etwa die bundesweite Berufe-Studie der HDI Deutschland AG aus dem vergangenen Jahr. Jeder vierte Befragte bewertete den öffentlichen Dienst als attraktiver als noch vor fünf Jahren. Demnach würden sich mehr Erwerbstätige bei gleichem Tätigkeitsfeld für eine Arbeitsstelle im öffentlichen Dienst entscheiden (43 Prozent) statt in der Privatwirtschaft (40 Prozent). Dies sei insbesondere bei Berufstätigen unter 25 Jahren und ab 45 Jahren der Fall.
Das kann Peter Kröger nur bestätigen: „In wirtschaftlich unsicheren Zeiten ist der öffentliche Dienst ein sicherer Hafen“, betont der Leiter des Soltauer Finanzamtes. Er begrüßt es, jungen Menschen vor dem Start ins Berufsleben die Möglichkeit zu bieten, sich Informationen aus erster Hand zu holen: „Und wo gibt es schon mal sechs verschiedene Behörden auf einen Schlag?“
Die jungen Besucher nutzen dieses geballte Angebot gern. Sie wollen wissen, wo ihre Reise hingehen könnte. Neben spannenden Einblicken in Ausbildung und Studium gibt es umfangreiche Informationen über Einstellungsvoraussetzungen, Bewerbungsabläufe und Auswahlverfahren. Die jungen Gäste kommen mit den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern ins Gespräch, stellen Fragen und machen sich schlau über Ausbildung, Studium, Berufseinstieg und weitere Karrierewege. Dazu gibt es reichlich Informationsmaterial zur Lektüre daheim und auch so manches Giveaway – vom Kugelschreiber bis hin zur Gummibärchentüte.
Bärenkräfte sind derweil am Stand der Polizei gefordert, an dem Interessierte verschiedene Übungen aus dem Einstellungssporttest absolvieren können. Hier macht der 18-jährige Xavier Rogowski aus Munster eine gute Figur. Der große, drahtige und kräftige junge Mann schleppt die jeweils 24 Kilogramm schweren Kettlebell-Gewichte an der rechten und linken Hand scheinbar mühelos hin und her. Zudem zieht er eine schwere Puppe in Lebensgröße kraftvoll durch die Bibliothek. Der Elan, den er hier an den Tag legt, kommt nicht von ungefähr, denn Polizeibeamter ist sein Traumberuf. Zwei Praktika hat er bereits bei den Freunden und Helfern absolviert, im kommenden Jahr möchte er den Einstieg schaffen.
Das hört Jens Heuchert, Leiter der Polizeiinspektion Heidekreis, sicherlich gern. Gemeinsam mit Pressesprecher Tarek Gibbah stattet er den Kolleginnen und Kollegen, die in der Waldmühle per Video, persönlich und mit „Ausstellungsstücken“ wie Helm und schusssicherer Weste die Werbetrommel rühren, einen Besuch ab. Im Gespräch mit den Kollegen geht Heuchert auch auf ein aktuelles Vorkommnis ein, das in Munster für Furore sorgte: Nachdem ein flüchtender Mercedes-Fahrer mit dem Pkw im Flüggenhofsee gelandet sei, habe einer der ihn verfolgenden Beamten ohne zu zögern die Ausrüstung abgelegt und sei ins kalte Wasser gesprungen, um den sich gegebenenfalls noch im Auto befindenden Fahrer zu retten. Dieser sei zwar nicht mehr im bis zu den Kopfstützen unter Wasser stehenden Fahrzeug gewesen, für den selbstlosen Einsatz des Kollegen habe es aber ein mehr als verdientes „Extralob“ gegeben.
Der eine Beamte hat „Action“ und muss in Sekundenbruchteilen handeln, beim anderen sind am Schreibtisch Konzentration und Kopfarbeit gefordert. Was alle beim Karrieretag eint, ist das Bestreben, die Tätigkeiten im öffentlichen Dienst ins rechte Licht zu rücken. „Wir versuchen, mit dem verstaubten Image aufzuräumen, so gut es geht“, unterstreicht Antonia Vorwerk von der Personalabteilung der Soltauer Stadtverwaltung. Sie hat ihre Ausbildung bei der Stadt Soltau erfolgreich abgeschlossen und den diesjährigen Karrieretag organisiert. Und damit ist sie ein gutes Beispiel dafür, wohin die Wege im öffentlichen Dienst führen können – und das einer beruflichen Karriere nichts im Wege steht, wenn es „amtlich“ wird.