„Gibt gutes Potenzial für Tiefengeothermie“

Wärme aus der Erde: Stadtwerke präsentieren Ergebnisse der Vorstudie

„Gibt gutes Potenzial für Tiefengeothermie“

Wenn es in der kalten Jahreszeit in den gut 40 Millionen deutschen Wohnungen warm sein soll, kommen vor allem zwei Energieträger zum Einsatz: Gas und Öl. Ersterer ist unangefochtener Spitzenreiter und befeuert fast die Hälfte aller Heizungen, auf dem zweiten Platz landet der flüssige Brennstoff, mit dem rund ein Viertel der Zentralheizungen laufen. Beide Energieträger sind zum einen nicht gut für Klima und Umwelt, zum anderen sind sie – und das hat nicht erst die durch den Ukrainekrieg ausgelöste Krise gezeigt – endlich und ein knappes Gut. Dabei ist dort, wo die fossilen Rohstoffe herkommen, eigentlich schon das zu finden, was Gas und Öl beim Verfeuern erzeugen: Wärme. Wie und ob sich die Hitze aus den Tiefen der Erde an deren Oberfläche auch in hiesigen Breiten fördern und nutzen ließe, das beleuchtet jetzt eine Vorstudie für das Gebiet rund um die Böhmestadt. Die Ergebnisse stellen die Stadtwerke Soltau in der vergangenen Woche bei einem Termin im Forum des Gymnasiums vor. Die Einschätzung von Dr. Axel Rogge: „Es gibt hier gutes Potenzial für Tiefengeothermie“, so der Geologe in seinem Vortrag.

Wer in der Schule aufgepasst hat, weiß: Im Zentrum des Planeten befindet sich der Erdkern, umgeben vom Erdmantel und schließlich von der Erdkruste. Letztere ist – betrachtet man den gesamten Erdball – sehr dünn. An einigen Stellen tritt das „Feuer“ aus dem Inneren des Planeten sogar zwischen den Platten der Erdkruste an die Oberfläche. Island beispielsweise ist durch die Lage an der Trennungslinie zwischen der nordamerikanischen und der eurasischen Erdplatte geprägt von Vulkanen, Geysiren und heißen Quellen. Kein Wunder also, dass die größte Vulkaninsel der Welt Spitzenreiter bei der Nutzung von Erdwärme ist. Dort versorgen Geothermiekraftwerke fast 90 Prozent der Haushalte mit Wärme. In Kombination mit der Nutzung von Wasserkraft kann Island zudem seinen Strombedarf fast komplett durch erneuerbare Energien decken.

Stromerzeugung mithilfe von Wärme aus der Tiefe, das sei für hiesige Breiten keine lohnenswerte Option, macht Rogge in seinem Vortrag klar: „Das geht hier eher nicht, da ist Strom aus anderen Quellen schlicht einfacher zu erzeugen.“ Doch Haushalte und Betriebe in Soltau mit Wärme aus dem Erdinneren zu versorgen, das sei durchaus machbar, so der für die Geodienste GmbH tätige Experte weiter. Das Team des Unternehmens aus Wunstorf hat den Boden unter der Böhmestadt unter die Lupe genommen, dazu unter anderem Daten und Erkenntnisse aus der Erdgasförderung hinzugezogen. Das Ergebnis: „Der Untergrund ist gut für eine Wärmeförderung geeignet“, so der Geologe.

Doch anders als etwa in Island müsse man dafür relativ weit in die Tiefe gehen, um mit einem sogenannten hydrothermalen System den terrestrischen Wärmestrom „anzuzapfen“. Dazu seien laut Rogge zwei Bohrungen nötig und hinter der „Erschließung mittels einer mitteltiefen bis tiefen hydrothermalen Dublette“ stecke, so der Fachmann, ein im Grunde einfaches Prinzip: Kaltes Wasser geht durch ein Bohrloch in die Tiefe, durch das andere Bohrloch kommt heißes Wasser wieder nach oben.

Wie heiß, das hänge von der Tiefe ab, weiß der Geologe, je tiefer man bohre, umso höher stiegen dabei die Temperaturen: Demnach sei laut der Vorstudie in rund 500 Metern mit etwa 30 Grad Celsius zu rechnen, in 1.000 Metern herrschten zwischen 38 und 47 Grad, in 2.000 Metern 66 bis 79 Grad und in 3.000 Metern zwischen 92 und 111 Grad. Gut 140 Grad schätzt Rogge die Temperatur in einer Tiefe von rund 4.000 Metern ein. Und während auf Island vielerorts schon nahe unter der Oberfläche Magmaströme brodeln, ist relativ dicht unter dem Boden der Böhmestadt vor allem eines zu finden: Salz. Aber das habe laut Rogge durchaus Vorteile: „Der Salzstock unter der Stadt zieht die Wärme nach oben – quasi ein Kamineffekt und somit ein Standortvorteil.“ Doch die zunehmende „Salinität“ könne mit zunehmender Reservoirtiefe das Risiko erhöhen, Störungen seien möglich, eine oberflächennahe Versalzung wahrscheinlich, sieht der Geologe eventuelle Komplikationen.

Und günstig sei ein Tiefengeothermie-Projekt ebenfalls nicht, rechnet Rogge vor: Bei Erschließungsmodellen mit je zwei Bohrungen bis in die sogenannte Oberkreide in rund 1.400 Metern Tiefe kalkuliert er die Kosten zwischen vier und fünf Millionen Euro, 18 bis 22 Millionen seien es dann bis zum Buntsandstein in etwa 4.700 Metern, und das Vordringen bis zu den Rotliegend-Sandstein-Schichten in etwa 5.200 Metern beziffert Rogge mit 20 bis 25 Millionen Euro – „alles gerechnet nach heutigem Stand und ohne obertägige Anlagenteile.“

„Ein begrenztes Fernwärmenetz ist hier allerdings bereits vorhanden“, so der Experte weiter. Das sei wichtig und könne natürlich weiter ausgebaut werden, damit die gewonnene Wärme schließlich auch in die Soltauer Wohn- und Gewerbegebiete sowie an Schule und andere Einrichtungen gelangen könne. Anhand zweier Modelle nennt der Geologe weitere Zahlen: Bei einer Erschließung bis in rund 5.000 Metern Tiefe in die Rotliegend-Sandstein-Schicht ließen sich mit bis zu zehn Megawatt schätzungsweise 1.500 Wohneinheiten versorgen, mit Bohrungen bis in die Oberkreide in 1.400 Metern rechne er mit circa 1,5 Megawatt, was für etwa 200 Wohneinheiten reiche. „Aber nageln Sie mich nicht darauf fest – hier exakte Zahlen zu liefen, ist sehr schwierig.“ Trotz technischer Risiken bescheinigt Rogge der Böhmestadt „gute Voraussetzungen für Tiefengeothermie.“ Und man dürfe nicht vergessen: „Die Wärme aus dem Untergrund ist im Grunde unerschöpflich, außerdem jederzeit rund und die Uhr verfügbar.“ Zudem laufe die Gewinnung „unsichtbar und geräuschlos.“

Als nächsten Schritt haben die Stadtwerke nun eine sogenannte Aufsuchungserlaubnis beim zuständigen Landesbergamt angeschoben, um sich die Option auf die mögliche Erdwärmegewinnung zu sichern. Eine Machbarkeitsstudie könne dann folgen, so Rogge, bevor es an die Erstellung von Betriebsplänen und geophysikalischen Vorerkundungen gehe.

Mehr als nur eine Erkundung, nämlich ein bereits vorhandenes „Loch“ gebe es bereits, erklärt Frank Brembach im Anschluss an Rogges Vortrag: die frühere Erdgasförderstelle nahe des Bahnhofs Nord. Könnte diese schon als erste Bohrung weitergenutzt werden, so der Leiter Netzmanagement der Stadtwerke Soltau, „wäre das ein kleiner Jackpot.“ Gespräche mit dem ehemaligen Betreiber Exxon sollen jetzt aufgenommen werden.

Ob und in welcher Form Erdwärme für Soltau erschlossen werden könne, stehe zwar noch nicht fest, ergänzt Jens Gieselmann, „aber wir wollen uns dem Thema stellen“, so der Stadtwerke-Geschäftsführer. „Wir wollen nach neuen Chancen suchen und uns jetzt auf den Weg machen, wollen ergründen, wie wir nachhaltig und langfristig unsere Kunden versorgen können.“ Erdwärme könne laut Gieselmann zwar nicht die alleinige Lösung sein, aber ein wichtiger Baustein. „Allerdings stehen wir bei der Tiefengeothermie erst ganz am Anfang.“

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