„Guddi“ erhält „Heavy Metal“ aus Heidelberg

„Bleiläuse“ freuen sich über historische Druckmaschine für ihr Museum

„Guddi“ erhält „Heavy Metal“ aus Heidelberg

Sie wollen etwas bewegen - nicht nur im übertragen Sinne, sondern ganz real. Es sind zwar nur Buchstaben, doch die sind schwer wie Blei: Denn genau dieses Metall ist Hauptbestandteil der einst im Druckgewerbe eingesetzten Lettern. Tausende davon müssen Renate Gerstel, Reinhard Riedel und Fritz van Rechtern aus dem Vereinsvorstand der „Erlebniswerkstatt Buchdruck-Museum Soltau“ und ihre Helfer demnächst in die Räumlichkeiten in der Kirchstraße 2 bringen. Dort arbeiten die „Bleiläuse“ fieberhaft am Aufbau ihres Museums. Die dafür über Jahre zusammengetragenen Buchstaben und Schriftsätze aus Schwermetall sind zwar gewichtig, lassen sich einzeln aber noch gut heben und transportieren. „Heavy Metal“ von ganz anderem Kaliber bekamen die „Bleiläuse“ jetzt geliefert: schwere Maschinen aus einer Zeit, als Heavy Metal noch keinen Musikstil bezeichnete. Ordentlich Lärm sollen die alten Druck- und Papierschneideanlagen demnächst machen, wenn die „Oldies“ in der Erlebniswerkstatt wieder zum Leben erweckt werden und „rattern“.

Vor gut fünf Jahren formierte sich im Dezember 2015 der Verein, der mittlerweile 80 Mitglieder zählt und dessen Vision eines Museums nun endgültig Form annimmt. Seit der Gründung des Vereins „Erlebniswerkstatt Buchdruck-Museum Soltau“ konnten die Initiatoren zahlreiche Fördergelder sammeln, dazu noch reichlich Material in Form von Bleilettern der historischen Setzereien der Soltauer Firmen Mundschenk und Herzberg. Vieles davon ist derzeit in der kleinen Werkstatt des Vereins in einem Kellerraum in der Winsener Straße untergebracht, als weiteres Zwischenlager dient das „Haus 2“ des Museums Soltau. Letzterem gegenüber prangt an der Fassade auf der anderen Straßenseite bereits seit Oktober der Schriftzug „Die Bleilaus - Schrift- und Druckwelt“ in Edelstahl-Buchstaben in der Schrift „Calluna“. Auch das von Cartoonist Tetsche entworfene Maskottchen des Museumsprojekts, Bleilaus „Guddi Gutenberg“, grinst von einer Gutenberg‘schen Druckletter herab Vorbeifahrende und Fußgänger freundlich an. „Wir haben mit der Werbung angefangen, um einen Blickfang zu schaffen und die Leute neugierig zu machen“, erläutert Gerstel, Vorstandsmitglied und zuständig für Presse- und Öffentlichkeitsarbeit.

Im Inneren der Räumlichkeiten haben in den vergangenen Wochen die beteiligten Handwerker mehrere Wände herausgerissen sowie Abdeckungen und alte Verkleidungen entfernt. Dabei legten sie ein interessantes Detail frei: „Hinter den Holzpaneelen haben wir eine alte Industriedecke entdeckt. So etwas gibt es in dieser Form nicht mehr in Soltau“, freut sich Riedel. Der Vorsitzende und seine Mitstreiter sind sich einig: „Die Decke soll künftig nicht mehr verkleidet werden, sondern ein passendes Aushängeschild mit besonderem Flair für die Erlebniswerkstatt werden.“

Im Gegensatz dazu werden die Wände verdeckt sein - von großen Leinwänden einer Bildergalerie und interessanten Exponaten: „Hier wollen wir unser Material ausstellen. Entlang der langen Seitenwand werden wir die Regale mit den verschiedenen Schriften aufreihen“, plant Riedel. Weitere Lettern begrüßen die Besucher gleich am Haupteingang: „Hinter einer Wand direkt neben der Tür wird eine große Schriftvitrine für die ganz alten Typen aufgebaut“, so der Vorsitzende. Insgesamt mehr als 200 verschiedene Schriften, schätzt Riedel, habe der Verein mittlerweile zusammengetragen - „manche davon sind bereits 120 Jahre alt.“

So viele Jahre haben die beiden neuen Errungenschaften des Museums zwar noch nicht auf dem Buckel, dennoch sind sie echte Oldtimer: 1962 wurde der sogenannte „Heidelberger Tiegel“ gebaut, „und das in einer der renommiertesten Fabriken für solche Anlagen überhaupt: der Heidelberger Druckmaschinen AG“, weiß Fritz van Rechtern. Das Vorstandsmitglied kennt sich mit solchen Systemen wie dieser historischen Tiegeldruckpresse bestens aus, hatte er einst doch selbst eine Druckerei am Niederrhein. Auch Riedel hat eine gewisse Erfahrung mit einer solchen Druckerpresse aus seinen frühen Lehrjahren bei Herzberg: „Dort durfte ich den ‚Heidelberger Tiegel‘ oft putzen.“ Die nun gekaufte Presse stamme laut Vorsitzendem übrigens vom Lufthansa-Ju52-Förderverein: „Darauf wurden früher Werbematerialien gedruckt.“

Das zweite Großgerät kommt aus dem Fundus von van Rechtern und hat ihn nahezu sein ganzes Berufsleben hindurch begleitet: die Papierschneidemachine vom Typ „Polar 80 HY“, Baujahr 1960. „38 Jahre habe ich mit und an der Maschine gearbeitet, die bis zu neun Zentimeter dicke Papierstapel schneiden kann.“

„Tiegel“ und „Polar“ wurden vor kurzem zum Museum geliefert, waren aber so schwer, dass der angeforderte Gabelstapler sie nicht vom Lkw heben konnte. Kurzentschlossen baten die „Bleiläuse“ bei einem Soltauer Steinmetzbetrieb um Hilfe. Inhaber Axel Lehnberg sprang spontan ein, wuchtete mit seinem Stapler die viele Zentner schweren und sperrigen Geräte vom Laster und in die Räumlichkeiten - Millimeterarbeit. Dort sollen beide Maschinen aber nicht nur Ausstellungsstücke sein, sondern so oft wie möglich laufen und den Besuchern zeigen, wie früher gedruckt wurde, plant der Vorsitzende: „Wir wollen ja ein Aktiv-Museum sein und nicht nur zum Angucken.“

Die Wände kennen übrigens den „Sound“ solcher Druckanlagen, denn in dem mehr als 100 Jahre alten Gebäude wurde in der Vergangenheit schon viel Tinte auf Papier gebracht: „Noch bis etwa 1978 haben wir hier gedruckt“, erinnert sich Dr. Wolff-Martin Mundschenk. Er freue sich, dass jetzt an der Stelle das Museum entstehe, so der Senior-Chef der Mundschenk Druck- und Vertriebsgesellschaft. Insgesamt belaufe sich das Investitionsvolumen für das Museumsprojekt auf rund 220.000 Euro, erläutert Riedel. Ende 2021, Anfang 2022, so hofft der Vorstand, könne die „Erlebniswerkstatt Buchdruck-Museum“ Eröffnung feiern. Dann sollen hier junge Generationen die Tradition des alten Handwerks kennenlernen und sehen, wie etwas auf leichtes Papier gebracht wird, das „Gewicht“ hat.

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