Haltestelle fürs „Elterntaxi“

Zum Schulstart: Erste Hol- und Bringzone für Schüler am Netto-Markt eingerichtet

Haltestelle fürs „Elterntaxi“

Laut einer Redensart lerne man nicht für die Schule, sondern fürs Leben. Was viele Schüler jedoch weder im Leben noch in der Schule lernen, ist, wie sie (allein) dort hingelangen: Denn mit dem -„Elterntaxi“ geht es für sie von Tür zu Tür. „Generation Rücksitz“ schmunzelt Frank Rohleder. Der Polizist hat bei der „Rush Hour“ vor den Schuleingängen schon kuriose und gefährliche Situationen erlebt, wenn Eltern morgens nahezu alle gleichzeitig anfahren, dann auf Parkplatzsuche zwischen Kindern und anderen Autos herumrangieren und dabei schon mal die Verkehrsregeln „aushebeln“. Vertreter von Polizei, Stadt und Landkreis wollen den Eltern aber gar keinen Vorwurf machen, ihnen vielmehr eine neue Möglichkeit anbieten: eine Hol- und Bringzone. Bei deren Einweihung auf dem Parkplatz des Soltauer Netto-Martes in der Lüneburger Straße stellt die Gruppe jetzt das Projekt vor.

Beim Pressetermin kurz vor dem Ende der Ferien ist noch alles ruhig vor den Grund- sowie den weiterführenden Schulen der Böhmestadt. Doch zum Schulstart geht der Stoßverkehr zum Unterrichtsbeginn und -ende wieder los: „Rund ein Drittel der Schüler werden mit dem Auto zur Schule gebracht“, schätzt Thomas Körtge, Fachgruppenleiter bei der Stadt Soltau. „Wenn es regnet, erhöht sich der Anteil noch erheblich“, ergänzt Rohleder. Der Polizist wünscht sich, dass Eltern ihre Kinder - nach entsprechender Erklärung und Vorbereitung - wenigstens einen Teil des Schulwegs allein gehen lassen: „Das übt. Kinder bewegen sich so schon einmal ein Stück eigenständig im Straßenverkehr.“ Ein sicheres Stück Weg ohne Hauptverkehrsstraßen oder große Kreuzungen sind die rund 150 Meter vom Netto-Parkplatz seitlich am Markt vorbei und dann auf der Herzog-Magnus-Straße zur Billungstraße. Dort müssen die Mädchen und Jungen dann nur noch über die Fahrbahn und schon stehen sie direkt vor dem Eingang zum Hof der Hermann-Billung-Schule.

Dort besuchen knapp 300 Kinder die 1. bis 4. Klassen. Auf den Zufahrtswegen rund um den Gebäudekomplex - auf dem Areal liegt auch die Kita Berliner Platz - gibt es einige Besonderheiten bei der Verkehrsregelung: Um die Ströme in den recht schmalen Straßen möglichst ohne Gegenverkehr gut durchzuleiten und Radfahrern und Fußgänger ausreichend Raum zu geben, ist eine sogenannte „unechte Einbahnstraße“ eingerichtet worden. Das heißt: An der Harm-Tyding-Straße steht (von der Lüneburger Straße aus kommend) auf halber Strecke das runde, rote Sperrschild mit dem weißem Balken, an der Gegenseite gibt es jedoch kein blau-weißes Einbahnstraßen-Schild am Eingang der Straße.

Wer also von der Lüneburger Straße aus anfährt, um seine Kinder an der Hermann-Billung-Schule abzusetzen, für den bietet es sich quasi an, statt kompliziert über die kleinen Wege und Seitenstraße zu zirkeln, die neu Haltestelle auf dem Netto-Parkplatz zu nutzen. Es sei die erste Hol- und Bringzone dieser Art in der Böhmestadt, so Olaf Klang. Und um sie einzurichten, hätten alle Beteiligten an einem Strang gezogen, lobt Soltaus Bürgermeister: „Es hat alles sehr schnell und gut funktioniert, alle waren sofort dabei. Nun müssen nur noch die Eltern den Absetzpunkt nutzen.“

Der ist auf der rechten Seite des Netto-Parkplatzes mit einem entsprechenden Schild markiert. Der Discounter habe gern seine Unterstützung bei dem Projekt zugesichert, freut sich Klang. Drei Parkplätze seien auf dem ausgewiesenen Streifen eingerichtet, erklärt der stellvertretende Marktleiter Hans-Jörg Riedel: Doch sollten diese belegt sein, biete die Fläche vor dem Markt noch reichlich Raum, so Riedel weiter: „Unser Parkplatz ist eigentlich so gut wie nie voll belegt.“ Eltern dürften die Plätze aber nicht nur zum Absetzen und Abholen der Kinder nutzen, „sondern natürlich gern auch dann, wenn sie das mit einem Einkauf verbinden wollen.“

Mit der neu eingerichteten Hol- und Bringzone am Netto-Markt solle den Eltern eine Alternative angeboten werden, so Körtge. „Selbstverständlich kann man auch an jeder anderen Stelle im Schulumfeld halten.“ Aber: „Kinder sollten besser nicht bis direkt vor die Tür der Schule gefahren werden“, empfiehlt der Fachgruppenleiter. Zum einen lernen die Kleinen so die Schulwege nie selbst kennen, zum anderen springen sie dann in der Hauptverkehrszeit direkt vor der Schule aus dem Auto mitten in eine „Blechlawine“, in der sich auch noch viele andere Kinder sowie Radfahrer bewegen. „Ein Unfallschwerpunkt“, weiß auch Rohleder. „Von der Hol- und Bringzone aus über den ‚Schleichweg‘ am Netto-Markt ist die Hermann-Billung-Schule schnell und sicher zu erreichen“, so Körtge. „Zusätzlich können sich die Schülerströme entzerren.“

Stefanie Korn kennt die schwierige Verkehrssituation rund um die Hermann-Billung-Schule: „Schmale Straßen, schmale Gehwege - doch das können wir leider nicht ändern“, so die Verwaltungsmitarbeiterin der Stadt Soltau. Und über die engen Zufahrtsstraßen bewegten sich nicht nur Autos, Fußgänger und Fahrradfahrer, sondern auch noch die Schulbusse, betont Korn. Und Körtge fügt hinzu: „Wenn man an einer Stelle in die Verkehrsführung eingreift, schafft man an anderer Stelle ein neues Problem.“ Somit sei der neue Absetzpunkt bei Netto eine Lösung ohne negative Einflüsse.

Denn nach vorherigen Versuchen, etwas für die Schulwegsicherheit anzuschieben, sei man vom daraus resultierenden Maßnahmenkatalog förmlich erschlagen worden, weiß Marion Dransfeld von der Kreisverwaltung. Die Stadt Soltau verfolge nun mit der ersten Hol- und Bringzone einen guten Weg, zudem einen Weg auf Probe, bei dem bei auftauchenden Problemen immer noch nachgebessert werden könne, so Dransfeld: „Wir möchten nicht zuletzt auch den Kindern ihren Schulweg zurückgeben.“

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