Große Demut vor dem Meer

Das Buch „Der Untergang der Adelheid“ erzählt von einer Schiffstragödie

Große Demut vor dem Meer

In der „Liste bedeutender Seeunfälle 1951-1960“ auf Wikipedia taucht er nicht auf, wahrscheinlich zu unwichtig. Doch viele Menschen an der Küste haben ihn noch nicht vergessen - den Untergang der „Adelheid“, der am 26. September 1960, also vor genau 60 Jahren, in der Außenjade vier Menschenleben forderte. An diese Tragödie erinnert jetzt auf ganz besondere Weise das Buch „Der Untergang der Adelheid“, erschienen bei „Let’s sea“ in Hamburg. Hinter diesem Label stehen Autor Marc Bielefeld und Kreativdirektorin Rike Sattler aus Soltau.

Eine schöne Fahrt im späten September sollte es werden, als der 25jährige Kapitän Ewald Meiners mit der „Adelheid“ Kohle aus dem Ruhrgebiet nach Wilhelmshaven bringen wollte. Und so waren nicht nur Meiners und seine Frau Klara mit dem acht Monate alten Söhnchen Bernhard sowie Matrose Hans Albert Dierkes mit an Bord, sondern auch Klaras Mutter, Maria Brandt, die auf dieser Fahrt einmal das Leben auf dem Schiff kennenlernen sollte.

Doch am Ende kam alles ganz anders: Auf der Außenjade, nördlich von Wilhelmshaven, lief das Frachtschiff nach einem Ruderschaden bei den Riffen der Mellumplate auf Grund, woraufhin Wasser einbrach. Für die Besatzung gab es keine Rettung: Vier Menschen mussten sterben. Nur die Frau des Kapitäns überlebte unter dramatischen Umständen. Mit ihrem Baby auf dem Bauch und dem ertrunkenen Ehemann an ihrer Seite trieb Klara Meiners 14 Stunden lang in der eisigen Nordsee, bevor sie von Seenotrettern aus dem Wasser geholt wurde.

Auf diese Schiffstragödie aufmerksam geworden war „Let’s sea“, weil darüber ein Beitrag im Jahrbuch 2019 der Deutschen Gesellschaft zur Rettung Schiffbrüchiger (DGzRS) erscheinen sollte: „Wir haben dann überlegt, dass das Thema mit einem nur kurzen Beitrag eigentlich verschenkt wäre, und uns dazu entschlossen, ein Buch daraus zu machen“, berichtet Rike Sattler.

Gemeinsam mit Marc Bielfeld hat sie sich tief in die Materie hineingearbeitet, was ganz dem Credo von „Let’s sea“ entspricht: „Wir beschäftigen uns mit allem, was im, am und unter Wasser stattfindet. In diesem Rahmen wollen wir uns Publikationen widmen, die uns Spaß machen und in die wir unser Herzblut fließen lassen. Das sind oft die leisen Dinge und Geschichten, die man sonst nicht so sieht“, meint die Soltauerin, die als mehrfach ausgezeichnete Kommunikationsdesignerin für namhafte Auftraggeber arbeitet.

Während letzteres die Pflicht ist, ist „Let’s sea“ jedoch die Kür, in die Freizeit, Energie und auch Geld hineinfließen: „Das Schicksal von Klara Meiners, die heute über 80 Jahre alt ist, hat uns gepackt. Sie stand damals mit nichts da und hat es dennoch geschafft, sich ein Leben aufzubauen. Dieses Unglück ist quasi vor der Haustür geschehen - und das soll in Erinnerung bleiben“, betont Rike Sattler, die aber auch die Freude am Buch selbst und seiner Gestaltung unterstreicht.

„Wir haben dazu die Seenotretter um Unterstützung gebeten, die mit uns zur Unglücksstelle gefahren sind und für uns den Kontakt zu den damaligen Rettern hergestellt haben. Und sie haben uns zudem mit Fachwissen speziell über den Jadebusen geholfen. Dann hat Marc angefangen zu schreiben, während ich Entwürfe gemacht habe. Wir konnten all die vielen Schritte auf dem Weg zum Buch allein und unabhängig gehen. Wir haben für den Text, die gesamte Gestaltung, aber auch für Marketing und Vertrieb selbst gesorgt. Das hat Spaß gemacht, weil es eine Herzenssache war. Und ich glaube, auch Frau Meiners ist stolz auf das Ergebnis“, so Rike Sattler.

Herausgekommen ist dabei ein Buch, dessen sorgfältige Gestaltung überzeugt, das hochwertig verarbeitet ist und das man gern zur Hand nimmt. Und, so die Soltauerin, „es erinnert in seiner äußeren Form ein wenig an das Fotoalbum von Frau Meiners, mit den wenigen Fotos, die sie noch von damals hat.“

Einige davon finden sich auch im Buch - angeordnet, als klebten sie tatsächlich im Album, kleinformatig, schwarzweiß mit weißem Rand und ein wenig vergilbt. Hin und wieder dann ein großformatiges Meeresfoto der Außenjade, nicht glatt unter blauem Himmel, sondern grau und rauh, eine Seekarte und der Gezeitenkalender der Weser- und Jademündung vom September 1960. Und natürlich der Text, der auf besondere Art die damaligen Ereignisse einerseits so exakt wie möglich erzählt, andererseits aber auch auf die Mittel der Fiktion zurückgreift. So versteht sich „Der Untergang der Adelheid“ als literarische Reportage. Sie hält die Schiffstragödie vom 26. September 1960 fest - und sie erinnert daran, wie klein der Mensch gegenüber der Naturgewalt Meer doch ist, der er mit Demut begegnen sollte.

Erhältlich ist das Buch über die Homepage www.lets-sea.com, es kann aber dort auch über den Buchhandel bestellt werden. Zwei Euro eines jeden verkauften Exemplars gehen übrigens an die Deutsche Gesellschaft zur Rettung Schiffbrüchiger.

Logo