„Arbeit noch nicht beendet“

TAF - Teilhabe am Arbeitsmarkt für Flüchtlinge: VHS und Landkreis ziehen Bilanz

„Arbeit noch nicht beendet“

Als „TAF - Teilhabe am Arbeitsmarkt für Flüchtlinge“ vor fünfeinhalb Jahren an den Start ging, war vieles neu und noch ungewohntes oder unbekanntes Terrain: „Mit Geflüchteten, also Menschen, die mit einem Asylbegehren nach Deutschland gekommen sind, hatte die VHS Heidekreis bislang keine Erfahrungen in der Projektarbeit“, blicken die Initiatoren jetzt in einer Mitteilung zurück auf die vergangenen Jahre. In denen ist viel passiert bei dem kreisweiten Projekt. Was genau, das erläuterten Vertreter der VHS (Volkshochschule) jetzt zusammen mit Landrat Manfred Ostermann bei einem Gespräch in Soltau. Ihr kurzes Resümee: „Die Bilanz ist gut, aber die Integrationsarbeit noch nicht beendet.“

Zu den Anfängen: Die politische Großwetterlage des Jahres 2015 und der Gedanke, unbedingt einmal eine neue Zielgruppe in den Fokus der Arbeit zu rücken, führten schließlich dazu, sich mit einem Konzept für ein IvAF-Projekt zu bewerben. IvAF steht als Abkürzung für einen Handlungsschwerpunkt der „Integrationsrichtlinie Bund“, der sich ausgeschrieben wie folgt liest: „Integration von Asylbewerbern und Flüchtlingen. Und da jedes Projekt, wie ein Kind, seinen eigenen Namen braucht, wurde TAF geboren“, so die Initiatoren.

Dass die Entscheidung für diese neue Aufgabe richtig war, belegen kurz vor Ende der aktuellen ESF-Förderperiode die nackten Zahlen: „Im gesamten Projektverbund, der aus den Volkshochschulen und Landkreisen Celle, Lüneburg und dem Heidekreis besteht, wurden bis heute fast 2.000 Geflüchtete mit zahllosen Beratungs- und Unterstützungsgesprächen, Verweisberatungen und -vermittlungen erreicht, 518 davon allein im Heidekreis“, so die Mitteilung. Auf diese Zahl ist auch Ostermann stolz: „Da die Sprachbarriere, neben vielen anderen, eine der größten Hürden darstellte, haben wir 2016 sozusagen Erste Hilfe geleistet und kommunale Sprachkurse in den Gemeinden vor Ort ins Leben gerufen und gefördert.“

Dass diese Unterstützung und die Kofinanzierung, die der Landkreis dem Projekt von Anfang an gewährt hat, wichtiges Fundament der Arbeit waren und sind, hebt VHS-Geschäftsführer, Hans-Ulrich Obieglo, hervor: „Das Gros der finanziellen Fördermittel speist sich aus Bundesmitteln des BMAS und ESF-Fördermitteln, aber ohne stabile Kofinanzierung funktioniert das gesamte Gebilde eben nicht. Und auch nicht ohne ein motiviertes und engagiertes Projekt-Team sowie eine Vielzahl von regionalen Mistreitern und Netzwerkpartnern.“

„Die Beratungssituation hat sich im Vergleich zu den Anfangsjahren inzwischen etwas gewandelt“, blickt Projektleiterin Uta Paschke-Albeshausen zurück: „Anfangs haben wir zu den Gesprächen häufig Sprachmittler hinzugezogen oder mit den eigenen Englischkenntnissen überbrückt. Heute lässt das Sprachniveau, mit dem die Teilnehmenden zu uns in die Beratung kommen, eine Verständigung absolut zu. Bei den Gesprächen nach Projektstart 2016 ging es als erstes auch kaum um Arbeit oder Ausbildung, sondern um das eigene Asylverfahren und um Fragen des Aufenthalts- und Leistungsrechts.“

Von den 500 Teilnehmenden wurden und werden einige über viele Jahre von den TAF-Mitarbeiterinnen begleitet. Das Unterstützungsangebot ist dabei vollkommen freiwillig, wie viel Hilfe die jeweilige Person benötigt und in welcher Taktung, entscheidet sie allein. „Da Integration nun mal kein kurzfristiger Prozess, sondern eher ein Langstreckenlauf ist, ist es ganz normal, dass wir viele der Teilnehmer immer wieder sehen und erneut beraten. Einerseits, weil der eine oder die andere doch feststellt, dass die eigene Sprachkompetenz noch nicht für eine qualifizierte Tätigkeit ausreicht und ein weiterer Sprachkurs nötig ist. Oder beispielsweise, weil der vermeintliche Wunschberuf überhaupt nicht passt oder sich gar gesundheitliche Probleme auftun, wenn traumatische Erlebnisse nicht verarbeitet sind.“, weiß die Projektleiterin um die Vielzahl und Komplexität der Unterstützungs- und Förderbedarfe. „Das Tolle für uns ist die Tatsache, dass wir viele Teile der benötigten Förderkette mit Kolleginnen und Kollegen in anderen Projekten oder unseren Werkstätten im eigenen Hause haben.“ Und Obieglo weist ergänzend auf die gewachsenen und funktionierenden Netzwerkstrukturen im Heidekreis und das gute Zusammenspiel mit der Agentur für Arbeit, dem Jobcenter, der Ausländerbehörde und der Landkreisverwaltung insgesamt hin. „Das ist nicht unbedingt selbstverständlich, aber für uns eben von großem Vorteil.“

Gemessen wird das TAF-Team - zu dem neben der Projektleiterin noch Susanne Schulze, Feray Dera und Katrin Seefeld gehören -wie alle 40 deutschlandweit agierenden IvAF-Projekte an seinen Erfolgsindikatoren, sprich den Vermittlungszahlen. Auch diese sprechen eine deutliche Sprache: 115 Personen konnten seit 2016 bereits in Arbeit, 77 in Ausbildung und 21 in schulische Bildung vermittelt werden. Eine Quote, die auch den Betrieben im Heidekreis zu verdanken ist, die Geflüchteten in all den Jahren eine Chance gegeben haben. „Praktikumsplätze für unsere Teilnehmenden zu finden, war eigentlich nie ein Problem. Im Gegenteil, wir sind stets offene Türen eingerannt und mussten manchmal eher bremsen. Zum Beispiel dann, wenn das Tempo zu rasant wurde und ein weiterer Sprachkurs empfehlenswerter als der unmittelbare Beginn einer dualen Ausbildung war“, so Paschke-Albeshausen.

Die Pandemiesituation rund um das Corona-Virus hat auch die Projektarbeit von TAF beeinflusst. „Aber letztlich hat das auch einen positiven Schub bei uns an der VHS ausgelöst. Im Bereich der Deutschkurse wurde praktisch von jetzt auf gleich auf Online-Angebote umgestellt, die sogar von Alphabetisierungskursteilnehmern dankbar genutzt und aufgenommen wurden. Und auch TAF ist nicht von der digitalen Welle verschont geblieben“, wie Projektmitarbeiterin Schulze verrät. „Uns haben viele Kursteilnehmende angesprochen und nach sprachlichen Trainingsmöglichkeiten gefragt. Ihnen war plötzlich klar, dass sie nach Kursende kaum noch die Chance haben würden, deutsch zu sprechen. In den Familien gewinnt ja doch eher die eigene Muttersprache die Oberhand. So wurde unser digitales Sprachcafé geboren, das wir einmal die Woche anbieten. Da wird über bunteste Alltagsthemen diskutiert und sich ausgetauscht.“ Um zugleich Wissen über Bewerbungsprozedere und Stellenbörsen, arbeitsrechtliche Fragen und vieles mehr an den Mann und die Frau zu bringen, gibt es darüber hinaus noch ein „Infocafé“, in dem eher zugehört und nachgefragt wird.

Der Blick auf die Bilanz von fast sechs Jahren ist zugleich auch ein Blick nach vorn, denn es bleibt noch einiges zu tun, so Obieglo: „Deshalb haben wir positiv zur Kenntnis genommen, dass für die neue ESF-Förderperiode wieder Fördermittel Seitens der EU und auch im nationalen Förderprogramm für unseren Handlungsschwerpunkt bereitgestellt werden.“

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