„Zwischen Untergang und Neubeginn“

Neues Jahrbuch über das Leben im Heidekreis der Jahre 1939 bis 1949

„Zwischen Untergang und Neubeginn“

Gerade rechtzeitig, um bei heimatinteressierten Heidjern zum Fest auf dem Gabentisch zu landen, ist jetzt das Jahrbuch des Heidekreises 2019/20 im örtlichen Buchhandel erschienen. Gemeinsam mit Landrat Manfred Ostermann und Mitarbeiterin Anke von Fintel sowie Jörge Bartling von Bartling Media Walsrode stellte Autor Dr. Stephan Heinemann den neuen Band am vergangenen Freitag in Soltau vor. „Zwischen Untergang und Neubeginn“ ist er überschrieben und befasst sich mit dem Heidekreis während des Zweiten Weltkrieges und in der frühen Nachkriegszeit (1939 bis 1949).

Dies ist bereits der dritte Band, seit sich der Landkreis von der früheren Form des Jahrbuches verabschiedet hat: „Zunächst gab es ein kleines Vakuum, dann aber kam die Anregung, mit einem neuen Konzept weiterzumachen, wobei nicht unbedingt jedes Jahr ein neues Exemplar erscheinen muss“, so Ostermann. Gemeint ist damit das „neue Jahrbuch“, das die neuere Geschichte im Heidekreis thematisiert. Den Startschuss für dieses Projekt mit Historiker Heinemann gab der Landkreis 2015: Zunächst ging es unter dem Titel „Zwischen Tradition und Moderne“ um Lebensbedingungen und Schicksale in der hiesigen Region von 1890 bis zum Kriegsende 1918. 2017 befasste sich das Jahrbuch mit der Periode von der Weimarer Republik über die NS-Zeit bis zum Beginn des Zweiten Weltkrieges.

An dieser Stelle setzt das neue Jahrbuch wieder an und beleuchtet die Jahre 1939 bis 1949 - das Jahr, in dem die Bundesrepublik Deutschland gegründet wurde: „Das ist ein wichtiges Werk für all jene, die an der Geschichte des Heidekreises interessiert sind“, betont der Landrat. Und Heinemann: „Eigentlich sollte der Zeitraum bis 1955 reichen, doch es gab enorm viel Material. So behandelt das Buch zwar nur zehn Jahre - aber die haben es in sich.“

Der Historiker und Autor hat auch diesmal den Stoff in die Bereiche Politik, Wirtschaft und Gesellschaft unterteilt, um die Auswirkungen auf die Bevölkerung zu zeigen. Bei den Folgen der Kriegspolitik geht es nicht etwa um ausführliche Frontverläufe, „sondern vielmehr um die Auswirkungen des Großen auf das Kleine. Das zeigt sich beispielsweise im Brief eines Familienvaters vom 7. Januar 1943 als letztem Lebenszeichen aus Stalingrad“, so Heinemann, der für seine Recherchen unter anderem zahlreiche Archive der Umgebung nutzen konnte, aber auch auf Zeitzeugeninterviews zurückgegriffen hat, die er schon Jahren geführt hat. Auf die NS-Zeit folgte die Besatzung durch die Briten und der Neubeginn: „Sie haben die Umerziehung zur Demokratie von unten, also aus den Kommunen her­aus, angestrebt“, erläutert Heinemann.

Wirtschaftlich entwickelte sich der Heidekreis in der NS-Zeit zu einem Rüstungszentrum, etwa mit der Pulverfabrik Eibia, einer Tochter der Bomlitzer Firma Wolff & Co., die zu den größten Pulverfabriken des Reiches zählte. Viele Betriebe in der Heide stellten ihre Produktion auf Rüstungsgüter um. Eng mit dieser Entwicklung ist auch das traurige Kapitel der Kriegsgefangenen und Zwangsarbeiter verbunden: „Es gab Lager in Wietzendorf und Oerbke für russische Kriegsgefangene sowie in Fallingbostel für Kriegsgefangene verschiedener Herkunft. Der Heidekreis wurde zu einem Zentrum der Zwangsarbeit“, konstatiert Heinemann. Nach dem Krieg konnte sich die Wirtschaft nicht so schnell umstellen und wieder Fuß fassen. Wie überall in Westdeutschland waren es Marshallplan, Care-Pakete und Schulspeisungen, die der Bevölkerung - auch im Heidekreis - oft über das Schlimmste hinweghalfen.

Nach den harten Jahren bestand aber auch Nachholbedarf in Sachen Unterhaltung, wobei die Auswahl begrenzt war. Dazu der Historiker: „Es gab nur Kino und Tanzabende, die zumeist von den Briten organisiert wurden, aber dafür viele private Feiern auf dem Land.“ Auch der Fremdenverkehr nahm schon schnell wieder Fahrt auf: „1948/49 wurden Veranstaltungen wie etwa das Schneverdinger Heideblütenfest wieder aufgenommen. Zum Heideblütenfest 1949 kamen allein aus Hamburg rund 1.000 Besucher mit einem Sonderzug, aus Bremen waren es 400.“

Im Bereich „Gesellschaft“ beleuchtet der Autor, wie sich das Alltagsleben während der NS-Zeit mit schlechter Versorgungslage, Lebensmittelkarten, aber auch mit Tieffliegerangriffen gestaltete. Ausgespart werden auch nicht Ausgrenzung, Verfolg und Mord, die vor allem, aber nicht nur Juden betrafen.

Nach Ende das Zweiten Weltkriegs dann gab es einen „Bevölkerungsaustausch“: Von den Kriegsgefangenen und Zwangsarbeitern, die vor 1945 in die Heide gebracht worden waren, blieben zwar einige, die meisten aber kehrten in ihre Heimat zurück oder wanderten aus, etwa in die USA. Auch die Stadtbevölkerung, die nach der Bombardierung aus Hamburg, Hannover und Bremen geflohen war, verließ die Heide. Dafür kamen ab 1944/45 Flüchtlinge aus den deutschen Ostgebieten: „Manche Kreise hatten damals doppelt soviel Einwohner wie 1939“, berichte Heinemann. Und weiter: „Vieles war sehr schwierig, und die Leute mussten improvisieren. Ich habe versucht, davon ein rundes Bild zu zeichnen.“

Apropos Bild: Illustriert ist der Band mit rund 240 Dokumenten, Fotos und Zeichnungen. Die hat Graphiker Jörge Bartling besonders in Szene gesetzt: „Ich habe sie bei der Gestaltung so mit den oft bewegenden Geschichten verknüpft, dass es beinahe aussieht, als lägen sie vor dem Leser auf dem Tisch“, so der Walsroder.

Wie der Landrat ankündigt, soll es einen weiteren Jahrbuch-Band geben: „Auch der wird spannend sein und für Aha-Effekte sorgen, denn er befasst sich mit einer Zeitspanne, an die sich noch viele erinnern können.“

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