„Halbling“ und „Felton“: vom Neckar zur Filzwelt

BBS besteht bei Betonkanu-Regatta: Boote werden nun in Soltau ausgestellt

„Halbling“ und „Felton“: vom Neckar zur Filzwelt

Wer an passendendes Material für den Bau eines Kanus denkt, dem kommen Holz oder leichte Kunststoffe sich eher in den Sinn als Beton. Doch genau daraus fertigten Schüler der Berufsbildenden Schulen (BBS) Soltau ein Boot - nicht aus Spaß, sondern um damit bei einem Wettkampf zu starten (HK berichtete). Und dort schlugen sie sich tapfer: Bei der Betonkanu-Regatta in Heilbronn traten die angehenden Maurer und Zimmerleute gegen starke Konkurenz an, boten den Teams der Universitäten und technischen Hochschulen die Stirn, holten in einem der Vorläufe sogar einen Sieg. Zwar reichte es am Ende nicht für einen Platz auf dem Treppchen, aber in der Soltauer Felto-Filzwelt: Dort wird das Betonboot nach dem erfolgreichen Einsatz auf dem Neckar bald ausgestellt - schließlich hat es ein „Herz“ aus Filz.

Schon seit vielen Jahren gestaltet Udo Sobczak den Unterricht nicht nur möglichst praxisnah und lebendig, sondern krönt ihn zudem mit besonderen Bauprojekten. Für das fachübergreifende Vorhaben Betonbootbau und die Teilnahme an der Regatta konnte der Lehrer neben den Schülern auch seine Kollegen begeistern: Zusammen mit seiner Frau Antje Sobczak sowie Uwe Böhling, Joachim Unger und Andreas Wagner-Wischhoff entwarf Udo Sobczak ein Konzept, das die Nachwuchszimmerer und -maurer der Berufsfachschule Bautechnik erfolgreich umgesetzt haben.

Das gelang durch die Zusammenarbeit mehrerer Gewerke. Dabei mußten die Auszubildenden der drei Jahrgänge gleichzeitig Spezialaufgaben umsetzen: Die Grundstufe der Berufsfachschule Bautechnik konstruierte für den Auftritt bei der Regatta einen Präsentationspavillon in Kantholzbauweise, die Zimmerer-Mittelstufe bereitete eine Holzschalung für den Bootsbau vor, und die Maurer-Oberstufe war für die Erarbeitung einer Spezialbetonzusammensetzung und das Betonieren des Kanus zuständig.

So entstanden schließlich gleich zwei ungewöhnliche Wasserfahrzeuge: „Motiviert durch den gelungenen Stapellauf ihres zuerst betonierten Kanus mit dem Namen ‚Halbling‘ - weil aus zwei Hälften zusammengeschraubt -, erstellten die Auszubildenden noch ein zweites Exemplar mit einem von der Firma ‚Röders textiles‘ zur Verfügung gestellten Spezial-Filzgewebe“, erklärt Udo Sobczak. Und diese im Bauwesen Bewehrungseinlage genannte Stabilisierungsschicht wurde gleich Teil des Bootsnamens: „‚Felton‘ - also: Filzbeton“, so der Lehrer.

Und so traten „Halbling“ und „Felton“ schließlich den Praxistest auf dem Neckar an: Am letzten Juniwochenende fuhren alle am Bootsbau Beteiligten mit vier Kleinbussen, zwei Anhängern, vier Bootshälften sowie dem Präsentationspavillon und natürlich Werkzeug nach Heilbronn: „Wie sich vor Ort herausstellte, war bereits der schadensfreie Transport der Boote als Erfolg zu verbuchen. Hatten doch etliche Universitäten bei der Herstellung ihrer Boote aus Ultra-Leichtbeton zu hoch gepokert: Manche dieser Kanus kamen durch die Erschütterungen beim Transport bereits zerbrochen an“, so Antje Sobczak.

Die beiden robusten, zusammen fast eine halbe Tonne schweren Konstruktionen der Soltauer überstanden die Fahrt hingegen problemlos. Vor Ort machte sich die Gruppe - je drei Zimmermänner und -frauen, fünf Maurer und eine Tischlerin als Verstärkung der Damenmannschaft - an den Aufbau des Pavillons und die Endmontage der Boote. „Die BBS war tatsächlich unter lauter Hochschulen und Universitäten die einzige Berufsschule, die mit ihren Booten in der Wettkampfklasse an den Start gegangen ist. Entsprechend groß waren daher bei den Studenten die Anerkennung der angehenden Gesellen und die Wertschätzung ihrer handwerklichen Arbeit“, freut sich die Lehrerin.

Und die Kanus der bald nur noch „die Soltauer“ genannten BBS-Schüler schlugen sich auch bei den Rennen gut: „Zu bewältigen war eine 100 Meter lange Geradeausstrecke mit einer Wendemarke und vier im Slalom zu umfahrenden Bojen auf dem Rückweg. Den Anfang machte das erste Soltauer Jungenteam mit den Zimmerern Marten Wischhoff und Kai Korte im ‚Halbling‘. Das Maurer-Jungenteam mit Marvin Batel und Fabio Holste startete danach im ‚Felton‘. Anschließend wurden die beiden Boote an die Damenteams weitergegeben“, berichtet Antje Sobczak.

„Maxine Labrenz und Sabrina Petersen im Zimmerer/Tischler-Team umkurvten souverän alle Hindernisse, konnten nicht nur ihren Vorlauf gewinnen, sondern hatten sogar noch Zeit, stehend und mit hoch gestreckten Paddeln unter den lautstarken Anfeuerungsrufen ihrer Teamkollegen über die Ziellinie zu fahren“, freut sich die Lehrerin. Das zweite Damenteam mit den Zimmerfrauen Yasmin Hoyer und Lea Jeziorek hatte Pech und wurde vom böigen Wind in den steinigen Uferbereich abgetrieben. „Letztendlich schafften es zwei unserer Mannschaften in die Finalrunde: Marten und Kai bei den Jungen und Sabrina und Maxine als Vorlaufsiegerinnen.“

„Bei den weiteren Läufen hatten dann die sehr viel leichteren Boote von teilweise nur 15 Kilogramm Gewicht große Vorteile gegenüber unseren Schwergewichten mit 250 Kilogramm“, so Udo Sobczak. Gesamtsieger bei den Damen wurde die niederländische Hochschule aus Twente-Enschede, bei den Herren die Bauhaus-Universität Weimar. „Unser Team nahm bei der Siegerehrung stolz die Finisher-Plakette - eine Welle aus Beton mit einbetoniertem Schriftzug - in Empfang“, so der Lehrer voller Stolz auf die Leistung der Klassen.

Denen wird nun noch eine ganz besondere Ehre zuteil: „Nach der Regatta werden wir ‚Felton‘ und ‚Halbling‘ zwischen den Sommer- und den Herbstferien in der Felto-Filzwelt ausstellen“, kündigt Antje Sobczak an. Denn das stabilisierende „Innenleben“, das Gewebe der Filz-Experten des Unternehmens Röders, macht das Kanu zu einem echten Soltauer Unikat. Und diese Filz-Beton-Kombination können Felto-Besucher bald bestaunen.

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