In alter Ratsmühle sollen Murmeln rollen

Planer möchten historischen Bau „ausgraben“ und komplett sanieren

In alter Ratsmühle sollen Murmeln rollen

Dort, wo Soltau und Böhme zusammenfließen, befindet sich seit mehr als 600 Jahren die Mühle. Der erste Nachweis als „nye Mölen“ - also: „neue Mühle“ - stammt aus dem 14. Jahrhundert. Das Gebäude, das heute an der Stelle steht, wurde um 1890 errichtet, doch „neu“ sieht auch das keineswegs aus: Es gleicht mehr einem verfallenen „Lost Place“, denn der Zahn der Zeit hat an der alten Ratsmühle kräftig genagt. Das unter Denkmalschutz stehende Objekt im Soltauer Zentrum gilt seit langem als ewiger Sanierungsfall. Aber genau das hat die Gruppe um die neuen Eigentümer jetzt vor: Die Mühle soll in einen touristischen Anziehungspunkt umgewandelt und neue Heimat für die mehr als 70 Murmelbahnen des „Murmilands“ werden. Dafür werde viel Zeit und Geld nötig sein, wie die Planer beim Pressegespräch in der vergangenen Woche erklären.

In Soltau gibt es mehrere alte Häuser mit einer Holzverschalung, die eine Steinoptik imitieren soll. Eine solche Verblendung trägt auch die Fachwerkskonstruktion an der Böhmheide. Doch an der Fassade blättert schon lange die Farbe ab, an manchen Stellen sind Schäden zu erkennen, einige Fenster sind kaputt. Und im Inneren sieht es nicht viel besser aus: Der Keller ist feucht, alles wirkt verlassen und morsch. Dass hieraus eine Attraktion vom Kaliber der Filzwelt und des Spielmuseums werden soll, scheint geradezu irrwitzig: „Gerade in der heutigen Zeit solch ein Projekt anzugehen, klingt vielleicht etwas wahnsinnig, aber wir sind dennoch guter Dinge, dass es gelingen kann“, ist Mathias Ernst optimistisch. Er und seine Frau Dr. Antje Ernst sind als ehrenamtliche Direktoren der Stiftung Spiel mit an Bord und sie haben solche, auf den ersten Blick unmöglich erscheinenden Vorhaben bereits begleitet.

Beide wissen außerdem, welches Potenzial das erhoffte Innenleben der Mühle hat: Während der „Murmelwochen“, in denen eine kleine Auswahl der fantasievollen Murmelbahnen von Erbauer Ortwin Grüttner in Spielmuseum und Filzwelt zu sehen ist, gebe es seit Jahren einen großen Besucheransturm, so das Paar. Eine wirklich feste Ausstellung des „Murmilandes“ gebe es hingegen nicht: „Ortwin Grüttner ist mit einem Teil seiner Bahnen unterwegs und dabei unter anderem jedes Jahr auch in Soltau bei uns zu Gast“, so Mathias Ernst. Für die vielen Unikate, die der Hannoveraner in 30 Jahren aus Holz gebaut habe, wäre die Mühle ein perfekter Standort für eine dauerhafte Unterbringung, meint Ernst.

Seine Frau sehe auch einen thematischen Bezug: „Bei den Murmelbahnen geht es um Mechanik, um Bewegung und Technik - genau wie in einer Mühle.“ Interaktive Stationen zu den Themenfeldern Kinetik und Energiegewinnung - inspiriert durch das „Children’s Museum“ in Boston - könnten die Ausstellung in der Mühle ergänzen, erläutert Antje Ernst. Auch eine Mitmachwerkstatt und Gruppenräume seinen vorgesehen in der Bauplanung.

Um die kümmert sich das Architekturbüro Krampitz. Das stehe bei dem Projekt vor einigen Herausforderungen, wie Joachim Krampitz erklärt, denn das gesamte Gebäude müsse quasi „ausgegraben“ werden, so der Architekt: „Wer von außen schaut, erkennt, dass das Haus im Laufe der Zeit gewissermaßen eingegraben wurde, Straße und Gehweg liegen weit über den Eingängen.“ Die Lösung: Das gesamte Gebäude anheben. Dazu werde erst alles Segment für Segment demontiert, plant Krampitz. „Dann wird das Fundament um rund 75 Zentimeter erhöht, um die Unterschiede auszugleichen, bevor der Wiederaufbau auf der neuen Höhenlage beginnen kann.“

Bei der Wiedererrichtung solle dann alles, was noch verwendbar sei, auch erhalten und verbaut werden. „Natürlich werden wir reichlich Material ersetzen und erneuern müssen“, weiß der Architekt. Die zwei Gebäudeteile, also der alte Wohntrakt und der Bereich der Mühle, sollen weitgehend transparent gestaltet werden. „Die Wände, die Wohnung und Mühle voneinander trennen, werden wir öffnen.“ Zwischen den Gebäudeteilen solle ein sogenannter Durchladeraufzug eingezogen werden und alles barrierefrei zugänglich machen. Der Charme des altes Baudenkmals soll erhalten bleiben und mit neuem Leben gefüllt werden, so Krampitz.

Was das alles kosten werde, das habe der Architekt zwar schon durchkalkuliert, genaue Zahlen wolle er aber zum jetzigen Zeitpunkt nicht nennen. Mathias Ernst verrät nur, dass es nach den ersten Berechnungen für das Projekt schon einen Millionenbetrag brauche, „aber keinen zweistelligen.“ Das alles, so Ernst weiter, sei ohne Förderungen im großen Stil nicht möglich.

Um die wollen sich die Planer jetzt bemühen. Auf Unterstützung aus möglichen Fördertöpfen hofft auch Otto Elbers. Er hatte die Mühle 2022 gekauft, um sie vor dem Verfall zu retten und treibt nun das Projekt in Abstimmung mit Denkmalpflege, Landkreis und Stadt sowie weiteren Stellen voran. „Wir wollen diesen tollen Standort erhalten. Wir haben die Vorstellung, dass das Gebäude einmal ein weiterer ‚Leuchtturm‘ für Soltau werden könnte.“

„Das wird spannend für die Stadtentwicklung“, meint auch Olaf Klang. Denn im Rahmen derer, so der Bürgermeister, gebe es derzeit Überlegungen, entlang des Flusses quer durch Soltau eine grüne Achse zu planen. „Deren Anfang und Ende würden dann zwei Mühlen markieren, nämlich die Waldmühle und die Ratsmühle.“

Die können Interessierte am kommenden Samstag übrigens noch einmal als „Lost Place“ erleben: Am 1. Oktober wollen Otto Elbers und seine Frau Silke Thorey-Elbers von 10 bis 12 Uhr Besucher durch die historische Ratsmühle führen.

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