Jugend für das Ehrenamt begeistern

In Soltau ist auf Initiative von Jürgen Heusler ein Pilotprojekt gestartet

Jugend für das Ehrenamt begeistern

„Jede und jeder, der sich engagiert - im Beruf oder im Ehrenamt, im Gemeinderat oder im Verein - der kämpft den Kampf um die Zukunft der Demokratie! Jede und jeder, der anpackt, im Großen und im Kleinen - der bringt die Kraft der Demokratie zum Leuchten!“ - das hatte Bundespräsident Dr. Frank-Walter Steinmeier in seiner Rede zur 17. Bundesversammlung betont. Nicht nur er weiß zu schätzen, was all die Freiwilligen, die sich in ihrer Freizeit für das Gemeinwohl engagieren, leisten. In Deutschland werden alle fünf Jahre Daten zum freiwilligen Engagement erhoben. Laut fünftem Deutschen „Freiwilligensurvey“, der das Engagement im Jahr 2019 abbildet, haben sich damals, wie bereits auch im Jahr 2014, etwa 40 Prozent der Deutschen ehrenamtlich engagiert. Das sind rund 28,8 Millionen Menschen. Ohne sie ginge in vielen Bereichen nichts mehr. Ob Sportvereine, Freiwillige Feuerwehren, Grüne Damen und Herren, Tafel oder kulturelle Veranstaltungen - die Gesellschaft profitiert stark vom Ehrenamt. Um so wichtiger ist es, junge Leute frühzeitig dafür zu begeistern. In Soltau ist auf Initiative des Leiters der Heidekreis-Musikschule, Jürgen Heusler, das Pilotprojekt „Kompetenznachweis kulturelles Ehrenamt“ gestartet.

Heusler, Sprecher der Soltauer Kulturkonferenz und im Vorstand des Kulturvereins engagiert, begeisterte als Leiter der Heidekreis-Musikschule drei Schülerinnen und Schüler der für die Teilnahme am Pilotprojekt: die Zwölftklässler Renate Asbuchanow, Jelte Brackmann und Justus Riekenberg. Erstere engagiert sich im Kulturverein, die anderen beiden im Arbeitskreis Soltauer Gespräche. Für ein Jahr bringen sie sich dort jeweils ein und erledigen im Zusammenspiel mit den „alten Hasen“ die verschiedensten Aufgaben. Nach Abschluss dieses Jahres erhalten sie dann ein offizielles Zertifikat von der Stadt Soltau, unterschrieben vom Bürgermeister.

„Es gibt zunehmend Unternehmen, die bei Bewerbungsgesprächen wissen möchten, wo und wie sich die jungen Bewerberinnen und Bewerber ehrenamtlich engagieren oder engagiert haben. Da macht sich so ein offizielles Dokument sicherlich gut in der Bewerbungsmappe“, so Heusler. „Das Ehrenamt ist wichtig für die Gesellschaft und die Kommune“, hob der Musikschulleiter hervor. „Um ein Kind zu erziehen, braucht es ein ganzes Dorf“, zitierte er ein afrikanisches Sprichwort. Eine Kommune, in der es kein Ehrenamt gebe, sei „eine tote Kommune. Deshalb muss man den Gedanken weitergeben an die nächste Generation“, unterstrich Heusler. Und so habe er vor rund einem Jahr die Idee gehabt, in Soltau das Projekt „Kompetenznachweis kulturelles Ehrenamt“ auf die Beine zu stellen. Damit rannte er im Soltauer Rathaus offene Türen ein, wie Bürgermeister Olaf Klang betonte. Er selbst habe sich, wie er erklärte, nach Beginn seiner Amtszeit auf die Fahnen geschrieben, möglichst alle Vereine und Organisationen zu besuchen, in denen sich Bürgerinnen und Bürger der Stadt in ihrer Freizeit engagierten. Und das seien in der Böhmestadt durchaus viele. So zeigt er sich vom freiwilligen Einsatz in den Feuerwehren, bei der Tafel und in vielen anderen Vereinen und Organisationen schwer beeindruckt. Zudem gebe es in Soltau ein gutes und funktionierendes Netzwerk, wie sich etwa nach Ankunft der Flüchtlinge aus der Ukraine gezeigt habe. Er ziehe den Hut vor dem, was die Einwohnerinnen und Einwohner damals quasi über Nacht auf die Beine gestellt hätten. „Wir hatten damals die Schützenhalle vorbereitet, aber dank der vielen Ehrenamtlichen konnten alle Geflüchteten untergebracht werden, so dass wir die Halle nicht benötigten“, so Klang. Auch danach hätten viele Vereine und Organisationen in Eigeninitiative „viele kreative Dinge“ zum Wohle der aus der Ukraine geflohenen Menschen auf den Weg gebracht. „Das Ehrenamt ist ein wichtiges Standbein unserer Gesellschaft“, so der Bürgermeister. Deshalb begrüßt er das Projekt „Kompetenznachweis kulturelles Ehrenamt“ ausdrücklich.

„Wichtig ist, dass die jungen Leute nicht nur Handlanger sind“, betonte Gottfried Berndt als Vertreter des Arbeitskreises Soltauer Gespräche. Und das ist auch nicht der Fall, wie Renate Asbuchanow berichtete. Sie sei beim Kulturverein quasi „überall dabei“, so die Zwölftklässlerin, helfe zum Beispiel beim Aufhängen der Plakate, beim Kartenvorverkauf, beim Aufstellen der Stühle, besuche die Versammlungen des Kulturvereins und sei auch bei den Treffen mit den Künstlerinnen und Künstlern nach deren Auftritten dabei. „Für mich persönlich ist gerade das gesellige Beisammensein das Salz in der Suppe“, erklärte Heusler. Es sei immer wieder interessant, neue Leute kennenzulernen und mit den Könnerinnen und Könnern ihres Fachs über Musik zu sprechen. Erfahrungen, die auch Asbuchanov begeistern: „Wenn man mit den Künstlern zusammen am Tisch sitzt, merkt man schnell, dass das ‚ganz normale Menschen‘ sind. Das ist toll.“ Aufgefallen sei ihr bei der ersten Versammlung des Kulturvereins, dass sie die einzige Teilnehmerin unter 20 Jahren war. Sie und Brackmann sowie Riekenberg merkten in diesem Zusammenhang an, dass junge Leute vielfältig eingebunden seien. Hobbys, Musik und vor allem Schule nähmen viel Zeit in Anspruch. „Und oft erreicht man die jungen Leute ja auch gar nicht“, sagte Brackmann. Alle drei zeigten sich bei der Soltauer Kulturkonferenz beeindruckt, wie viele Ehrenamtliche sich vielfältig engagierten - und wie viel Arbeit all dies mache. Diese Erfahrungen tragen sie nun in die Schule, wollen auch Mitschülerinnen und Mitschüler auf die Vielfalt kultureller Angebote in Soltau aufmerksam machen.

Heusler als Initiator hofft, dass sich nach der „Testphase“ weitere Interessierte für das Projekt finden, zum Beispiel über die Schulen. Interessierte können sich bei ihm per E-Mail an heusler-musikschule@gmx.de oder bei Silke Thorey-Elbers von der Stadtverwaltung an thorey-elbers@stadt-soltau.de melden. Auch Gottfried Berndt wünscht sich, dass Asbuchanow, Brackmann und Riekenberg viele Nachahmer finden. Natürlich seien überall auch ältere Mitstreiter willkommen, so der Pastor in Ruhestand, denn ob Tafel, Seniorenbeirat oder auch all die anderen Vereine und Organisationen: „Überall werden Leute gebraucht.“

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