Krankheit stärker ins Bewusstsein rücken

„Europäischer Tag der Depression“: HK startete Hotline zum Thema

Krankheit stärker ins Bewusstsein rücken

Es gab Zeiten, da war dieses Thema ein Tabu, und Patienten wurden von der öffentlichen Meinung eher in die Ecke der Simulanten oder Mimosen gestellt. Das hat sich inzwischen weitgehend geändert, denn dass die Depression eine ernstzunehmende Erkrankung ist, lässt sich heute nicht mehr bestreiten. Damit dieser Komplex noch stärker ins Bewusstsein der Bevölkerung dringt, gibt es seit 2004 den „Europäischen Tag der Depression“, der wieder am kommenden Dienstag, dem 1. Oktober, im Kalender steht. Aus diesem Anlass hatte der Heide-Kurier in Zusammenarbeit mit dem Heidekreis-Klinikum am vergangenen Mittwoch einen „heißen Draht“ zum Thema Depression angeboten. Am Telefon stand Dr. Rahul Sarkar, Chefarzt der Psychiatrie und Psychotherapie am Heidekreis-Klinikum, zur Verfügung.

Zum Telefonhörer haben erwartungsgemäß nicht in erster Linie die Menschen gegriffen, die unter einer Depression leiden. Statt dessen waren es vor allem Angehörige, die sich bei Dr. Sarkar Informationen holen wollten. „Die Telefonaktion spiegelt damit wider, was auch sonst der Fall ist: Die Depression betrifft nicht nur den Patienten, sondern ist immer auch ein systemisches Problem. Das heißt, die Familie und Freunde leiden mit. So haben auch jetzt Angehörige angerufen, und danach gefragt, was sie tun und wie sie helfen können“, berichtet der Experte.

Dabei sind es nicht nur ältere Menschen, die erkranken, wie Sarkar erläutert: „Auch jüngere Leute - sozusagen die produktive Generation, die voll im Arbeitsleben steht - können eine Depression bekommen. Das ist eine Erkrankung, die sich über die gesamte Lebensspanne hinziehen kann. Und Depressionen neigen dazu, wiederholt aufzutreten.“

Der Chefarzt weiter: „Psychische Störungen sind eine wirkliche Herausforderung. Sie sind weitverbreitet und liegen nach den Herz-Kreislauf-Erkrankungen auf Platz zwei der Kosten, die die gesetzlichen Krankenkassen alljährlich zahlen.“ Und Depressionen sind die häufigsten unter den psychischen Störungen: Nach einer Studie der Deutschen Stiftung Depressionshilfe - 5.000 Menschen im Alter von 18 bis 69 Jahren wurden 2018 befragt - sind 11,3 Prozent der Frauen und 5,1 Prozent der Männer an Depressionen erkrankt. Etwa 5,3 Millionen Menschen sollen deutschlandweit im Laufe eines Jahres an einer Depression erkranken. Weltweit, so eine Studie der Weltgesundheitsorganisation (WHO), leiden rund 322 Millionen Menschen an Depressionen, das sind 4,4 Prozent der Weltbevölkerung - allerdings ist davon auszugehen, dass die Dunkelziffer grundsätzlich noch deutlich höher ist.

Was die Angelegenheit nicht leichter macht, ist, dass die Depression unspezifisch ist und eine große Heterogenität besitzt: „Das heißt, die Symptome können sich stark unterscheiden. Das reicht von der niedergeschlagenen Stimmung sowie Ess- und Schlafstörungen über Magen-Darm-Beschwerden, Schwindel, Kopfschmerz, Antriebslosigkeit und Unlust etwa gegenüber Hobbys, die früher Spaß gemacht haben, bis hin zu Selbstmordgedanken und zur wahnhaften Depression mit existentiellen Ängsten. Es gibt bei der Diagnose damit objektive Kriterien, aber mit einer großen Bandbreite“, erläutert Dr. Sarkar.

Nicht nur die Erscheinungsformen der Depression sind verschieden, sondern auch ihre Herkunft. So kann etwa eine genetische Veranlagung eine Rolle spielen. Das könnte der Fall sein, „etwa dann, wenn es eine familiäre Häufung gibt“, berichtet der Chefarzt. Und weiter: „Verschiedene Faktoren können zu der Krankheit führen, beispielsweise Partnerschaftsprobleme oder andere Belastungsfaktoren - auch berufliche. Da sind alle Ereignisse möglich, mit denen der Betroffene nicht fertig wird. Hier gilt: Krank ist man, wenn Leidensdruck entsteht.“ Dazu gehören etwa auch schwerwiegende Lebensveränderungen in der Partnerschaft, wie sie einer der Anrufer schilderte: „Wenn beispielsweise nach Jahrzehnten der Gemeinschaft Partner oder Partnerin stirbt oder zum Beispiel wegen Demenz ins Heim muss, dann besteht für den oder die andere durchaus das Risiko, depressiv zu werden“, so der Experte.

Darüber hinaus gebe es auch die organische Depression: „In diesem Fall gerät der Patient durch eine andere Erkrankung in die Depression.“ Und schließlich ist da noch die biologische Depression: „Sie entsteht so wie andere Krankheiten - ohne äußeren Anlass.“ Für all diese Formen, die zumeist in einem mehrwöchigen Prozess eintreten, aber auch schnell, fast von einem Tag zum anderen, kommen können, „gibt es therapeutische Ansätze“, weiß Dr. Sarkar. Manchmal beginne eine Depression mit Schlafstörungen: „Wenn die nach zwei bis drei Wochen noch immer anhalten, sollte man den Hausarzt aufsuchen. Der macht dann die Basisdiagnostik, um zu erkennen, was dahintersteckt.“ Deute das Ergebnis auf eine Depression, überweise der Hausarzt zum Spezialisten, also zum Facharzt für Psychia­trie und Psychotherapie oder zum Facharzt für psychosomatische Medizin beziehungsweise - bei einer vermutlich schweren Depression - „gleich zu uns ins Krankenhaus zur stationären Aufnahme.“

Zur Behandlung von Depressionen, so Sarkar, gebe es gute und wirksame Methoden, „medikamentöse und psychotherapeutische, die einzeln oder auch kombiniert angewandt werden können. Dabei ist in leichten Fällen die Psychotherapie den Medikamenten überlegen.“ Der Patient habe also gute Chancen, die Depression loszuwerden. Wie der Chefarzt betont, seien aber auch andere Angebote für Betroffene wie Angehörige wichtig, so beispielsweise Selbsthilfegruppen: „Ansprechpartner ist da der Sozialpsychiatrische Dienst in Soltau und Walsrode: Dort bekommt man Auskunft dar­über, welche Hilfsangebote bei Depressionen bestehen.“

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