Lange Rückstaus, genervte Autofahrer: Licht am Ende des Tunnels?

Konzept für Bahnübergang in der Walsroder Straße vorgestellt: Visualisierungen und Videos

Lange Rückstaus, genervte Autofahrer: Licht am Ende des Tunnels?

Wer in Soltau mit dem Fahrzeug unterwegs ist, braucht ein starkes Nervenkostüm. Kracht es auf der Autobahn, dann zieht eine schier endlose Blechkarawane durch die Böhmestadt. Und wer in Sachen Ampeln eine „rote Welle“ erwischt, der sollte besser nicht unter Zeitdruck stehen. Das gilt auch für den Bahnübergang in der Walsroder Straße, an dem das Warten, wenn die Schranken geschlossen sind, gefühlt Ewigkeiten dauert. Nicht nur in den sozialen Netzwerken ist diese Geduldsprobe immer wieder Thema, die Böhmestädter sind genervt. Gerade an dieser Stelle ist es wahrlich ein Kreuz mit den Andreaskreuzen. Doch nun zeichnet sich eine Lösung ab. Die Stadt hat auf eigene Kosten ein Ingenieurbüro beauftragt, dem es gelungen ist, trotz großer Herausforderungen eine schlüssige Vorplanung zu erarbeiten. Soltaus Bürgermeister Helge Röbbert präsentierte die Machbarkeitsstudie am vergangenen Donnerstagabend dem Stadtrat. Die Ingenieure des Planungsbüros „H&P Ingenieure GmbH“ (Soltau/Laatzen) haben einen Entwurf vorgelegt, der einen Tunnel und eine Art Schleife mit zwei Kreisverkehren vorsieht.

„Es wurden viele andere Varianten diskutiert. Diese ist die einzige, bei der alle gesagt haben, dass sie umsetzbar ist - auch die Planer der Bahn“, so Röbbert. „100 Jahre hat‘s gedauert. Seit fünf Jahren haben wir ganz konzentriert an diesem Projekt gearbeitet“, berichtet der Bürgermeister. Bereits nach den ersten Gesprächen zur „Alpha-Variante E“ zum bedarfsgerechten Ausbau von Bestandsstrecken der Bahn im Dreieck Bremen-Hamburg-Hannover habe die Stadt damit begonnen, eine eigene Strategie zu entwickeln, um die durch den höhengleichen Bahnübergang verursachten Verkehrsprobleme zu lösen. Deshalb sei die Stadt in Vorleistung gegangen, um eine Machbarkeitsstudie und erste Vorplanungen in Auftrag zu geben. Rund 15.000 Euro habe dies gekostet.

Bei der Prüfung durch die „H&P“-Ingenieure habe sich schnell herauskristallisiert, dass ein Tunnel direkt unter dem bestehenden Bahnübergang wegen der Häuserreihen an beiden Straßenseiten nicht in Frage komme. Letztlich habe das Büro die Variante mit einer versetzten Unterführung und zwei Kreisverkehren entwickelt. „Es sieht gewaltig aus, aber passt in diesen Bereich hinein. Ingenieurstechnisch lässt es sich nicht anders lösen. Es ist ein großer Eingriff, der mit der Bahn abgestimmt ist. Auch die Bahn sagt, technisch ist das umsetzbar. Und alle Vorschriften werden eingehalten. Bislang hat niemand einen Pferdefuß gefunden“, unterstreicht der Bürgermeister. Mit der Bahn habe es intensive Gespräche und auch diverse Ortstermine gegeben. „Die Bahn hat gesagt, sie würde das gern machen und findet das Projekt gut. Diese Zusage war uns sehr wichtig - und das haben wir auch schriftlich“, so Röbbert. Das entsprechende Schreiben der DB Netz AG sei am 18. Juni bei der Stadt Soltau eingegangen.

Das Ingenieurbüro „H&P“ hat nicht einfach drauflos geplant, sondern zunächst eine Verkehrszählung in Auftrag gegeben. Die ermittelten Daten flossen in die weitere Projektarbeit ein. Das, was letztlich dabei herausgekommen ist, zeigen diverse Visualisierungen und zwei Videos, die auf der Internetseite der Stadt (www.soltau.de) zu sehen sind. Wer aus der Innenstadt kommt, fährt beim Rewe-Markt in einen Kreisverkehr. Die erste Ausfahrt führt zur Zufahrt zum Einkaufsmarkt und zum Bahnhof, die zweite gleich daneben in die Schleife. In einer Kurve geht es unter den Gleisen hindurch zu einem weiteren Kreisverkehr. Die erste Abfahrt führt in die Visselhöveder Straße, die zweite führt wieder auf die Walsroder Straße. Für Fußgänger und Radfahrer gibt es auf beiden Seiten der Schleife einen extra Weg. Diese sind höher als die Fahrbahn angelegt und mit einem Geländer versehen, so dass sich die motorisierten und die nicht motorisierten Verkehrsteilnehmer nicht ins Gehege kommen. Als „Abkürzung“ und barrierefreie Querungsmöglichkeit für Rollstuhlfahrer oder Eltern mit Kinderwagen ist eine Brücke über den bisherigen Bahnübergang vorgesehen, die an beiden Seiten über Fahrstühle verfügt.

Weil zur Realiserung des Projektes zwei Grundstücke benötigt werden, die die Stadt ankaufen müsste, hat der Bürgermeister bereits Gespräche mit den Eigentümern geführt. Diese hätten ihre Bereitschaft signalisiert, sich von ihren Flächen zu trennen. „Wir können die Erschließung sicherstellen“, so Röbbert. Voraussichtlich müsse das Stellwerk abgerissen werden, um Platz für die Brücke zu schaffen. Auch seien die Parkflächen an den Gleisen betroffen, der Busbahnhof indes bleibe an Ort und Stelle. Röbbert sprach dem Planungsbüro ein großes Lob aus. „Die Ingenieure haben sehr kreative Ideen eingebracht. Wir nehmen die Bahn fast komplett aus der Sichtbarkeit. Wir haben eine andere Blickführung und können sehr harmonisch Lärmschutz installieren.“ Zudem sei darauf geachtet worden, die Versiegelung so gering wie möglich zu halten und reichlich Grün anzulegen. „Und das charmante an dieser Lösung ist, dass der Verkehr auf der Walsroder Straße während der Baumaßnahme weitgehend weiterfließen kann. Die Zeit, in der eine Vollsperrung erforderlich sein wird, werden wir sehr eng eingrenzen können“, hebt Röbbert hervor.

Und wie geht es nun weiter? Laut Bürgermeister gelte es nun, mit Blick auf das Eisenbahnkreuzungsgesetz einen Vertrag mit der Bahn und der Landesstraßenbaubehörde zu unterzeichnen. Wer die Musik bestellt hat, ist klar. Und wer soll sie bezahlen? Immerhin geht es hier um ein Projekt, das Millionen kosten wird. Röbbert sieht hier die Bahn und das Land in der Pflicht und verweist in diesem Zusammenhang auf mehrere Ortstermine mit Bahnvertretern sowie Vertretern des Wirtschaftministeriums. „Jeder, der hier war, hat die Problematik der Rückstaus erkannt und gesagt, dass etwas passieren muss“, so der Verwaltungschef: „Wir brauchen die Unterstützung des Landes.“ Im September werde es diesbezüglich Gespräche mit dem Wirtschaftsministerium geben. Aus Hannover habe es bereits „konkrete Zusagen gegeben, dass man uns bei diesem Projekt unterstützen möchte.“ Nun werde man das Land beim Wort nehmen. „Wir kümmern uns um den Grunderwerb. Als Stadt sind wir kostenmäßig nicht beteiligt“, sagt der Bürgermeister. Er hoffe, dass der Rat noch vor der Wahl im September mit einem entsprechenden Beschluss die Weichen stellen werde.

Apropos Wahl: Dass Röbbert ein solches „Jahrhundertprojekt“ mitten im Wahlkampf an die Öffentlichkeit bringt, wirft natürlich Fragen auf.„Ich hätte dies gern schon im vergangenen Jahr vorgestellt“, so das Stadtoberhaupt, dann aber hätten die coronabedingten Einschränkungen alle beteiligten ausgebremst. „In solch einem Projekt kommt man nicht ohne persönliche Anwesenheit weiter. Außerdem wollte ich das Thema nicht in die politische Diskussion bringen, ohne mit den Grundstückseigentümern gesprochen zu haben. Auch das war wegen der Pandemie erst vor kurzem möglich.“ Darüber hinaus habe er auf die schriftliche Zusage der Bahn gewartet. „Diese Eisenbahnkreuzungsmaßnahme ist völlig losgelöst vom Ausbau der Amerikalinie. Deshalb war es mir wichtig, von allen handelnden Personen ein Ja zu bekommen“, betont Röbbert.

Dass das Projekt in den nächsten zwei bis drei Jahren in Angriff genommen werde, hält der Bürgermeister für abwegig, rechnet eher mit einem Zeitraum von acht Jahren. Eine Umsetzung jedoch werde deutliche Effekte haben: „Der Verkehr wird entzerrt, es wird keine langen Rückstaus mehr geben und die Wohngebiete werden entlastet, weil niemand mehr Schleichwege nehmen wird“, so der Verwaltungschef. Und weiter: „Bislang war es ein langer Prozess. Nun haben wir einen guten Entwurf. Ich glaube wirklich, dass wir das schaffen.“

Das Tunnelprojekt sei eine wichtige Maßnahme zur Beseitigung der Verkehrsprobleme in der Böhmestadt und quasi Ausgangspunkt für weitere Maßnahmen, so zum Beispiel die Neuplanung der Rathauskreuzung. Eine weitere „Baustelle“ seien die Bahnübergänge in der Celler Straße, in der es ebenfalls darum gehen müsse, den Verkehr zu entzerren. Das aber werde, so Röbbert, noch schwieriger: „Das ist fast unlösbar.“

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