„Mikrokosmen“ als „Spiegel der Zeit“

Puppenhäuser aus dem 18. und 19. Jahrhundert im Soltauer Spielmuseum / Erdgeschoss der Einrichtung umfassend umgestaltet

„Mikrokosmen“ als „Spiegel der Zeit“

Wie bei so vielen Einrichtungen mussten auch die Türen des Soltauer Spielmuseums wegen der Pandemie lange geschlossen bleiben. „Doch wir haben die Corona-Zeit genutzt, um vieles neu zu gestalten“, blickt Mathias Ernst auf die vergangenen Monate zurück. Wie der ehrenamtliche Direktor der Stiftung Spiel erklärt, habe vor allem das Erdgeschoss des Haupthauses eine komplette Überarbeitung erfahren. Und in die modernisierten Vitrinen sind auch gleich neue Exponate eingezogen: Elisabeth Lewe aus Rheda-Wiedenbrück präsentiert hier Teile ihrer international bedeutenden Sammlung an Puppenhäusern, Stuben, Küchen und Läden. Die Stücke stellt sie dem Spielmuseum zunächst leihweise zur Verfügung, langfristig soll ihre umfangreiche Privatsammlung in Soltau eine neue Heimat finden. Besonders die historischen Puppenhäuser, viele davon aus England und Schottland, „passen perfekt zu unserem Leitthema Europa“, so Ernst beim Pressegespräch am vergangenen Donnerstag.

Den Zustand der vorherigen Einrichtung im Stammhaus des Spielmuseums kann Ernst kurz und knapp beschreiben: „Vieles war einfach in die Jahre gekommen. Die Vitrinen stammten noch aus der Gründungszeit der Einrichtung 1987/88, waren alt, massiv, sperrig. Auch die Beleuchtung war nicht mehr zeitgemäß.“ Doch bei so vielen anderen Projekten in den vergangenen Jahren sei einfach kein Raum gewesen, einen Umbau anzugehen - bis zur Corona-Zwangspause: „Wir haben das als Chance angesehen.“

Also schoben er und seine Frau, Dr. Antje Ernst, Museumsleiterin und ehrenamtliche Stiftungsdirektorin, das Gesamtprojekt „Europa spielt - Spielzeug spiegelt und bewegt“ an: Dies wird gefördert durch das Land Niedersachsen (Ministerium für Wissenschaft und Kultur) im Rahmen des „Ausstattungs- und Investitionsprogramms für kleine Kulturträger“ und beschert dem Spielmuseum einen Förderbetrag in Höhe von insgesamt 75.000 Euro. Im Fokus des Umbaus stehen die Bereiche, die seit Museumsgründung gar nicht oder kaum verändert worden waren, wie etwa der Hauptraum im Erdgeschoss. Auch die Neugestaltung der Dachgeschoss-Flurvitrinen mit der Lego-Stadt und weitere Maßnahmen wie die Umstellung auf LED-Beleuchtung sind Teil des Pakets. Bei der Erdgeschoss-Umgestaltung wichen einengende Einbauten neuen Präsentationsflächen wie einer hohen Wandvitrine, und aus dem „Sackgassen-Labyrinth“ wurde die Möglichkeit zum Rundlauf. „Das brachte mehr Bewegungsfreiheit für Besucher und Gruppen sowie zusätzliche Sitzgelegenheiten und Spielangebote“, freut sich Ernst.

Besonders froh ist er natürlich über die Aufwertung der Ausstellung durch die Stücke von Elisabeth Lewe. Die Schuldirektorin im Ruhestand hat über rund fünf Jahrzehnte hinweg Stücke aus verschiedenen Ländern zusammengetragen - so viele, dass sie damit eigentlich ein eigenes Museum füllen könnte: „In unserem Haus in Rheda-Wiedenbrück waren mittlerweile mein Arbeitszimmer sowie andere Räume, etwa die ehemaligen Kinderzimmer, belegt“, so die heute 75-Jährige.

Sie habe sich im Alter immer öfter die Frage gestellt, was später mit den Sachen passieren solle: „Ich möchte, dass meine Sammlung so erhalten bleibt, wie ich sie über Jahre aufgebaut habe.“ Der langjährige Kontakt und Austausch mit Mathias Ernst habe schließlich die Idee reifen lassen, ihre Sammlung in das Museum der Böhmestadt zu überführen. „Die Ausrichtung mit den zwei Standbeinen - zum einen ‚aktives Spielen‘, zum anderen die Präsentation von historischem Spielzeug - finde ich einfach toll. Ich war schon in vielen Museen und Ausstellungen, aber einen so gelungenen Ansatz wie hier in Soltau habe ich noch nirgendwo anders gesehen.“

„Für uns ist es die Chance, eine großartige Sammlung zu integrieren“, so Ernst. Dafür solle im Laufe dieses Jahres eine nicht-rechtsfähige Stiftung unter dem Dach der Stiftung Spiel gegründet werden. „Herausragend sind bei dieser Sammlung vor allem die frühen englischen Spiel-Puppenhäuser aus dem 18. und 19. Jahrhundert. Vergleichbare Bestände sind nur im National Museum of Childhood in London zu finden“, weiß der ehrenamtliche Direktor. „Puppenhäuser haben einen besonderen Quellen- und Vermittlungswert: Sie halten als alltagsgeschichtliche ‚Mikrokosmen‘ fest, wie Menschen gewohnt haben und wohnen wollten, wie Haushalte organisiert wurden, wie sich Stile und Moden, aber auch Funktionen und Techniken veränderten.“ Solche „Minaturwelten“ seien quasi „ein Spiegel der Zeit“, so Ernst.

Noch ist nicht alles fertig, aber einen Blick können Besucher schon auf die Exponate werfen: Seit Anfang Juni ist das Spielmuseum wieder täglich von 10 bis 18 Uhr geöffnet.

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