Neues Konzept, aber „die Currywurst muss bleiben“

Familie Voß nimmt Abschied vom „Grünen Jäger“ / Nachfolger erarbeiten bereits Ideen für die Zukunft des traditionsreichen Soltauer Gastronomiebetriebs

Neues Konzept, aber „die Currywurst muss bleiben“

Betriebsferien im November - das ist seit Jahrzehnten so im Soltauer Traditionslokal „Zum grünen Jäger“. Doch dieses Mal wird Inhaber Friedrich „Fritz“ Voß die Türen nach dem Urlaubsmonat nicht mehr aufschließen. Er geht in den Ruhestand - verdient und keinesfalls übereilt, immerhin wird er in einigen Tagen 89 Jahre alt. Damit endet nach 120 Jahren und drei Generationen die Geschichte der Familie Voß als Betreiber des Hauses, dessen Historie in der Ende 2018 erschienenen Chronik „Dat Voßlock“, plattdeutsch für „Der Fuchsbau“, festgehalten ist. Noch nicht zu Ende, und das freut Fritz Voß sehr, ist die Geschichte des Gastronomiebetriebes selbst. Denn als eben solchen möchten die neuen Eigentümer den „Grünen Jäger“ auch zukünftig nutzen beziehungsweise weiterentwickeln. Aktuell erarbeiten Christian Dehning und Florian Fenner, die dafür eine Gesellschaft gegründet haben, Pläne für den Komplex in der Celler Straße 57.

Für die neuen Inhaber, die am vergangenen Mittwoch beim Treffen in Soltaus ältester Gaststätte im Familienbesitz über ihre Ideen sprachen, beginnt jetzt die Planungsphase und damit die Arbeit - für Fritz Voß und seine langjährige Angestellte Hannelore „Hanne“ Witzke ist sie vorbei. Zuvor mussten beide allerdings noch einmal richtig ran: „Es hatte sich wohl herumgesprochen, dass die Kneipe bald schließen würde“, so Voß. Und so kamen in den vergangenen Wochen etliche Stammgäste und alte Weggefährten, um noch eine Currywurst zu essen und ein Bier zu trinken. „In den letzten Tagen war richtig viel los“, so Voß, der am Ende seiner Gastwirtskarriere noch einmal anstrengende Abende erlebte. Und das in einem Alter, in dem viele schon seit einem Vierteljahrhundert ihren Ruhestand genießen.

Der „Renteneinstieg“ war auch für seine treue Köchin, die schon seit mehr als fünf Jahrzehnten im „Grünen Jäger“ hinter Herd und Theke steht, eine Herausforderung: Nach diesem Schlusssprint „werde ich mich erst einmal erholen“, so die 70jährige. Von Witzkes Klassiker, der berühmten und ebenso beliebten Currywurst, gingen in den vergangenen 50 Jahren hochgerechnet rund eine halbe Million über den Tresen. Eine „Ehrenurkunde für 500.000 Currywürste“ an der Wand der Gaststube erinnert daran.

„Die Currywurst muss bleiben - und mit Hanne ist bereits ausgemacht: Sie gibt uns das Rezept für die Sauce“, erklärt Dehning. Er und sein Kompagnon, der beim Gespräch durch dessen Mutter, Anwältin Barbara Fenner, vertreten wurde, wollen nun Pläne für die Zukunft des Objektes entwickeln: „Wir möchten die Tradition des Hauses wahren, denn die klassische Gaststätte hat einfach viel Charme“, so Dehning. Ob alles so erhalten bleiben kann, das sei jedoch noch völlig offen. „Das Haus und die Lage haben jedenfalls viel Potential“, fügt Fenner hinzu.

Sein Potential hat „Dat Voßlock“ über viele Jahre lang gezeigt: Jürgen Friedrich Wilhelm Voß, Urgroßvater von Fritz, war Bahnwärter und „Gastwirt im Nebenbetrieb“, der ab 1881 in seinem Haus am „Schrankenposten an der Celler Chaussee“ eine kleine Schankstube einrichtete. Sein Sohn Heinrich Friedrich Christoph Voß feierte dann Pfingsten 1900 die Eröffnung des Restaurants „Zum grünen Jäger“. Und er baute den Betrieb auch weiter aus, unter anderem zum ersten Kino der Böhmestadt: Im Saal des Hauses liefen von 1911 bis 1958 etliche Filme, und die alten Projektoren der „Soltauer Lichtspiele“ sind heute im Filmmuseum Düsseldorf zu sehen (HK berichtete).

Die Zeit als Kino erlebten auch Friedrich Heinrich Ernst Voß und sein Sohn Fritz noch mit. Als sein Großvater und Vater im selben Jahr starben, war Fritz erst vier Jahre alt. Er und sein jüngerer Bruder Achim wuchsen quasi „hinter dem Tresen“ der Gasstätte auf, halfen ihrer Mutter Gertrud Voß von Kindesbeinen an. Später, als die Zeit des Kinos zu Ende ging, verwandelten sie die Räumlichkeiten in eine Bar und Diskothek. Die „Libelle“ war in den 1960er Jahren ein beliebtes Tanzcafé, die Disko „Country Club“ ein seinerzeit „angesagter Schuppen“: Hier standen die „Scorpions“ ebenso auf der Bühne wie Otto Walkes, „Truck Stop“, Drafi Deutscher und viele Musiker und Künstler mehr.

Kino, Tanz-Bar und Diskothek hatten ihre Zeit, die Gaststätte überdauerte die Jahrzehnte. Dass solche klassischen Kneipen heute schon fast Seltenheitswert haben, weiß natürlich auch Dehning. Dennoch ist er optimistisch: „Auf den Dörfern schließen diese Lokale nicht unbedingt, weil es keine Gäste mehr gibt. Sondern oft ist es einfach auch schwierig, passende Nachfolger und gutes Personal zu finden.“ Der jüngste Ansturm auf den „Grünen Jäger“ habe ihm jedenfalls gezeigt, solche Lokale sind noch nicht „out“: „Das große Echo in den vergangenen Wochen hat auch mich überrascht“, so Dehning, „wer hätte gedacht, dass die Schlussphase noch eine solche Dynamik entwickelt.“

Er und sein Geschäftspartner wollen diese Dynamik gern „mitnehmen“, auch wenn zuvor noch viel zu tun und modernisieren sei, so der neue Inhaber. Wieder ein Kino an dieser Stelle zu errichten - das Soltauer Dersa-Kino schließt voraussichtlich zum Jahresende -, darin sehen die Investoren nicht genug Potential „in der Zeit der heutigen Streaming-Dienste, die das Kino quasi auf den heimischen Großbildschirm holen“, so Dehning.

Vielmehr wollen die neuen Eigentümer jetzt ein Konzept ausarbeiten, wie sich der „Grüne Jäger“ zu einem zeitgemäßen Gastronomiebetrieb ausbauen lässt. „Das soll so bald wie möglich umgesetzt werden, kann aber einige Zeit dauern“, erklärt Dehning. Zuvor müssten auch noch einige bautechnische und bürokratische Dinge geklärt werden, ergänzt Fenner, „die Stadt Soltau hat uns jedoch schon positive Signale gesendet, dass hier etwas Schönes entstehen soll.“

Fritz Voß jedenfalls ist glücklich, „seinen Fuchsbau“ in passende Hände abgeben zu können - obwohl diese den Zapfhahn zwar sicher bedienen könnten, bisher aber noch keine Erfahrungen im Gastronomiebereich haben. Dafür aber in anderen Geschäftsgebieten - und da gibt es eine Parallele: Durch sein Unternehmen „Landfuxx Dehning“ in Munster ist der Nachfolger zumindest namentlich mit dem Fuchs verbunden, der sich auch im Logo des Fachmarktes wiederfindet. Somit bleibt der „Grüne Jäger“ in gewisser Weise weiterhin „Dat Voßlock“.

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