Platt statt Watt: Austernfischer brüten vor Soltauer Elektronikfachmarkt

Brutplatz ohne Meerblick: Vogelpaar arbeitet bei „Euronics XXL“ im Gewerbegebiet Almhöhe hingebungsvoll an der Vergrößerung der Austernfischerpopulation

Platt statt Watt: Austernfischer brüten vor Soltauer Elektronikfachmarkt

Es kann durchaus mal vorkommen, dass sich schräge Vögel vor einem Elektronikfachmarkt herumtreiben und etwas ausbrüten. Und genau das passiert gerade im Soltauer Gewerbegebiet Almhöhe am „Euronics XXL“-Parkplatz. „Was macht der denn hier, der gehört doch eigentlich gar nicht hier her“, stellte dort am gestrigen Mittwochvormittag ein Passant fest. Der offensichtlich küstenaffine oder über ornithologische Kenntnisse verfügende Mann deutete verblüfft auf einen Vogel mit schwarz-weißem Gefieder, roten Augenrändern und orangerotem Schnabel - einen Austernfischer. Dieser hat sich mit seiner Partnerin links vom Eingangsbereich auf der aus Kieselsteinen bestehenden Hausumrandung niedergelassen. Gemeinsam arbeitet das Paar aus der Ordnung der Wat-, Möwen- und Alkenvögel hingebungsvoll an der Vergrößerung der Austernfischerpopulation.

Austernfischer sind eigentlich dort zu Hause, wo die Fische im Wasser und nur selten an Land sind - an der Nordseeküste. Die charakteristischsten Vögel dieser Region brüten bevorzugt in unmittelbarer Ufernähe. Laut Umwelt- und Naturschutzorganisation BUND sind die scherzhaft auch als „Halligstorch“ bezeichneten Vögel mitunter weit entfernt vom Wasser auf Wiesen und auf geschotterten Flachdächern zu sehen. Dank ihrer Anpassungsfähigkeit kommen sie aber auch tief im Binnenland zurecht. An der Küste ernähren sie sich überwiegend von Muscheln, Borstenwürmer und Krebsen, doch wenn es nötig ist, schmecken ihnen in der Ferne auch Regenwürmer und Insekten. Auch die gefiederten „Wahl-Soltauer“ haben sich nicht für ein Brutrevier mit Meerblick entschieden, sondern unter dem Motto „Platt statt Watt“ offenbar Geschmack an der Lüneburger Heide gefunden, speziell am Elektronikfachmarkt im Gewerbegebiet Almhöhe. Dort sind sie nämlich schon so etwas wie „alte Bekannte“, wie Marktleiter Sascha Lühr berichtet: „Die Austernfischer beobachten wir schon eine ganze Weile bei uns am Markt. Sie brüten im dritten Jahr hier, in den vergangenen beiden Jahren waren sie allerdings auf dem Dach. Aber auch dort konnten wir schon beobachten, wie sich die Vögel um ihre Brut bemüht hatten.“

Kein Wunder, dass die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter das Vogelpaar ins Herz geschlossen haben. Sie nennen ihre beiden „Stammgäste“ liebevoll Bernd und Hildegard. Doch warum haben sich „de Fischer un sin Fru“ diesmal für die unruhige Lage direkt am stark frequentierten Parkplatz des Elektronikfachmarktes entschieden? Vielleicht gefiel ihnen das durch die Kieselsteine vermittelte „Strand-Feeling“, oder aber sie ließen sich vom Slogan auf dem großen Werbeschild des Elektronikmarktes über ihnen leiten, der da lautet: „Für Dein bestes Zuhause der Welt“.

Das „Euronics XXL“-Team tat jedenfalls sein Bestes, um das neue „home“ der Vögel zum „castle“ zu machen. Dazu Lühr: „Da Austernfischer wohl beim Brüten einen Ausblick genießen möchten, haben wir darauf verzichtet, den Brutplatz völlig abzusperren und diesen lediglich mit zwei Stapeln Paletten geschützt. Wir hoffen, dass Kunden und Passanten hierdurch nicht zu aufmerksam werden und insbesondere keine Kinder ans Nest gehen.“ Also gilt auch an der abtrassierten Austernfischer-Komfortzone das, was in der Coronakrise längst zum Alltag gehört: Abstand halten!

Bislang jedenfalls lassen sich Hildegard und Bernd bei ihrem wichtigen Job durch nichts aus der Ruhe bringen. Die Dame hat ihrem Partner bereits drei Eier „ins Nest gelegt“. „Zunächst konnten wir nur ein Ei sehen, nach dem Wochenende waren es zwei - und nun ist am Dienstag das dritte Ei hinzukommen“, freut sich Lühr. Er und das Team des Marktes hoffen nun, dass die Kleinen des Vogelpaares schon bald schlüpfen und gesund und munter „aus dem Ei kommen.“

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