Radfahrer fühlen sich auf der Straße nicht wohl

Soltau: Banner werben für 1,5 Meter Sicherheitsabstand beim Überholen

Radfahrer fühlen sich auf der Straße nicht wohl

Auch wenn gegenseitige Rücksichtnahme gefordert ist, so herrscht im Straßenverker doch zu oft das Recht des Stärkeren. Und da dies insbesondere Radlerinnen und Radler zu spüren bekommen, reagiert jetzt der Gesetzgeber: Demnächst wird der innerörtliche Überholabstand zwischen Kraftfahrzeug und Fahrrad auf mindestens 1,5 Meter festgelegt. Für die Unterstützung dieser Regelung wird schon jetzt in Soltau geworben: ADFC Heidekreis, Verkehrswacht Soltau, Fahrschule Brunkhorst und Volksbank Lüneburger Heide haben sich zusammengetan und mit Unterstützung durch die Stadt über die vier Haupteinfahrtsstraßen Banner gespannt, auf denen es heißt: „Sie fahren mit 1,5 Metern Abstand am besten … immer“.

Seit der gesetzlichen „Fahrradnovelle“ von 1997 gelten Radfahrer als gleichberechtigte Verkehrsteilnehmer auf der Fahrbahn. Benutzungspflichtige Radwege, mit dem blauweißen Schild gekennzeichnet, sollte es nur noch in Ausnahmefällen geben. Dies deshalb, weil Pedalritter laut entsprechender Studien auf der Straße sicherer unterwegs seien als auf schlechtgeführten oder unzureichend ausgebauten Radwegen.

In Soltau begann die Verwaltung 2009 mit der Bornemannstraße, die Benutzungspflicht der Radwege nach und nach zu überprüfen und abzuschaffen. Innerstädtisch gibt es derzeit eine Benutzungspflicht in der Winsener Straße. Ansonsten rollen die Drahtesel in der Böhme­stadt häufig über ehemalige, nicht mehr gekennzeichnete Radwege oder auf Bürgersteigen, die durch ein Hinweisschild für Radfahrer freigegeben sind. Vor allem aber sind sie auf der Fahrbahn unterwegs. Auf verkehrsreicheren Straßen, beispielsweise in der Wilhelm- oder der Harburger Straße, gibt es sogenannte Fahrradschutzstreifen, die mindestens 1,25 Meter breit sein müssen, es aber meist auf 1,5 Meter bringen.

Überall in Deutschland stehen die Radler dabei vor mehr oder weniger ähnlichen Problemen, die sich aus dem - oft fehlenden - Miteinander von Kfz und Rad ergeben. Um Radfahrern in diesem Mischverkehr mehr Sicherheit zu bieten, kommt deshalb demnächst die innerörtliche 1,50-Meter-Abstandsvorschrift (außerorts zwei Meter). Darauf sollen die Autofahrer in Soltau schon jetzt vorbereitet werden: ADFC-Kreisvorsitzender Joachim Dierks, sein Stellvertreter Bernhard Matthies sowie die ADFC-Mitglieder Ortrud Lahmann und Jürgen Rust, aber auch Heiko Brunkhorst, Inhaber der gleichnamigen Fahrschule und Vorsitzender der Verkehrswacht Soltau, sowie Volksbank-Regionaldirektor André Pannier haben dies auf ihre Fahnen geschrieben und deshalb die Banneraktion gestartet.

Sicherlich sind in brenzligen Situationen und bei Unfällen nicht immer nur die Autofahrer schuld, „denn schwarze Schafe gibt es auch unter den Radfahrern“, meint Matthies. Doch der Radler oder die Radlerin, so Lahmann, bedürfe besonderer Rücksicht: „Das Fahrrad ist einspurig und damit auch anfällig etwa gegen Wind.“ Auch Unebenheiten oder Schlaglöcher können den Weg des Rades beeinflussen. Und wenn in einer solchen Situation ein Auto mit zu geringem Abstand überholt, kann das schlimm enden.

Neben der tatsächlichen Gefährdung durch Autofahrer spielt auch immer das subjektive Empfinden eine große Rolle: „So gibt es viele, die sich auf den Fahrradschutzstreifen nicht sicher fühlen und lieber einen Radweg hätten. Die Radwege müssten deshalb verbessert werden“, betont Matthies. Und durch schmale, an einer Seite beparkte Straßen zu radeln, wenn sich ein Auto mit 30 Zentimetern Abstand vorbeizwängt, ist auch nicht jedermanns Sache. Andere Radler wiederum trotzen unfreundlichen Autofahrern, selbst wenn sie sich deshalb bisweilen beschimpfen lassen müssen.

Was sich dabei offensichtlich zeigt, ist, dass die bestehenden Regeln nicht ausreichen, um Radler zu schützen. Dies um so mehr, als in den vergangenen Jahren nicht nur das „normale“ Fahrrad, sondern vor allem auch das Pedelec (nicht zu verwechseln mit dem schnellen E-Bike) immer populärer geworden ist. Das lässt sich leider auch an den Unfallzahlen ablesen: Im Jahr 2017 wurden in Niedersachsen 48 Radfahrer, davon 13 mit Pedelec, tödlich verletzt. Schwer verletzt wurden 1.230, davon 1.098 mit Fahrrad und 132 mit Pedelec. Die Zahl der Leichtverletzten lag bei 7.704 mit 7.228 Rad- und 476 Pedelecfahrern. Im Jahr 2018 waren 60 Tote zu beklagen, davon 41 Fahrradfahrer und 19 Pedelecfahrer. Schwer verletzt wurden insgesamt 1.376 - neben den 1.158 Radfahrern auch 218 Pedelecfahrer. Und die Zahl der Leichtverletzten stieg auf 8.501 mit 7.689 Radlern und 812 Pedelecfahrern.

Neben dem Sicherheitsabstand beim Überholen gibt es noch weitere Maßnahmen zum Radlerschutz: „So soll auch die Vorschrift kommen, dass Lkw über 3,5 Tonnen nur noch im Schritttempo rechts abbiegen dürfen“, berichtet Brunkhorst, der noch einmal auf die bevorstehende Abstandsregelung zurückkommt: „Ein wesentliches Problem in Soltau sind die Hauptstraßen, auf denen sich die Radfahrer nicht wohlfühlen.Man denke nur an den Sog, den Lkw erzeugen. In der Harburger Straße etwa missachten viele Autofahrer den Schutzstreifen, der mit 1,5 Metern zu schmal ist, weil der Radler ja nicht in der Gosse fährt“, so der Verkehrswacht-Vorsitzende.

Hier, so Rust, „wollen wir mit unserer Banneraktion für das sichere Überholen sensibilisieren und gleichzeitig darauf hinweisen, dass Radfahrer in Soltau die Fahrbahn nutzen dürfen.“ Und in vielen Straßen sogar müssen. Wünschenswert, so Dierks, wäre natürlich eine Fahrradinfrastruktur wie in den Niederlanden. Davon wird man hierzulande in den meisten Orten allerdings noch lange träumen müssen. Deshalb sei jetzt die Re­spektierung des Sicherheitsbedürfnisses der Radler um so mehr gefragt. Der Autofahrer leiste damit auch einen Beitrag zur Verbesserung der Umwelt: Wenn die Verhältnisse im Straßenverkehr sicherer wären, würden auch mehr Menschen mit dem Rad fahren.

Die Banner werden übrigens in den kommenden Monaten immer mal wieder über den Straßen zu sehen sein.

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