Schlichthaus bleibt Notfällen vorbehalten

Soltau: Gebäude in der Moorstraße für Opfer häuslicher Gewalt reserviert

Schlichthaus bleibt Notfällen vorbehalten

Was ist los mit dem Schlichthaus in Soltaus Moorstraße? Schon seit einiger Zeit gehen dort keine Bewohner mehr ein und aus - und die Anlieger rundherum fragen sich, ob die Stadt das Gebäude nicht mehr belegt und sich selbst überlässt. Doch Bürgermeister Helge Röbbert beruhigt: Das Haus sei durchaus noch in der Nutzung und weiterhin fester Bestandteil der städtischen Planungen.

Es ist fast auf den Tag genau 16 Jahre her, dass der Heide-Kurier in seiner Ausgabe am 20. Februar 2005 über das Gebäude berichtete: Nachdem die Stadt selbst bereits ein solches Schlichthaus in der Soldiner Straße errichtet hatte, bekam sie ein weiteres in der Moorstraße geschenkt. So etwas ist beileibe keine Alltäglichkeit, sondern hatte einen besonderen Grund: Anlässlich des 100-jährigen Bestehens von Rotary International im Jahr 2005 hatte der Soltauer Rotary-Club sich für dieses Projekt entschieden, um der Stadt ein äußerst großzügiges und sehr sinnvolles Geschenk zu machen. Am 1. März 2005 wurde dieses „Rotary-Haus für unverschuldet in Not geratene Menschen“ übergeben.

Denn genau das war der Sinn dieser Schlichthäuser: Schon damals war die Stadt dabei, unter dem Stichwort „Reintegration“ die Bewohner der damaligen Obdachlosenunterkünfte unter entsprechender Betreuung aus ihrer Getto-Situation herauszuführen und im Wesentlichen in Kleinwohnungen unterzubringen. Insbesondere für Familien oder alleinerziehende Mütter, die plötzlich vor der Obdachlosigkeit standen, waren in diesem Zuge die Schlichthäuser gedacht. Das heißt, ein Haus, das in seiner Ausführung schlicht, also einfach, aber solide gebaut ist - und eine andere Adresse als die seinerzeitigen Obdachlosenunterkünfte hatte, um den Betroffenen eine Stigmatisierung zu ersparen.

Für die Summe von damals rund 72.000 Euro entstand 2005 ein Haus mit zwei abgeschlossenen Wohnbereichen, das eine ebenerdige Wohnfläche von rund 85 Quadratmetern bietet. Sie verteilt sich vor allem auf zwei Zimmer mit je zwölf Quadratmetern in einem und einen Raum mit 14 Quadratmetern im anderen Wohnbereich. Entsprechend dieser Aufteilung war das Haus für zwei Parteien mit insgesamt sechs bis acht Personen gedacht, die je Bereich über eigene Sanitäranlagen verfügen, sich aber eine Gemeinschaftsküche teilen müssen.

Was die heutige Verwendung der Gebäude betrifft, so erläutert der Bürgermeister: „Wir nutzen nach wie vor beide Schlichthäuser. Das Haus in der Soldiner Straße wird derzeit von obdachlosen Frauen bewohnt.“ Auch das Haus in der Moorstraße gehöre nach wie vor zu den Angeboten, die die Stadt vorhalte. Zu Zeiten des stärkeren Flüchtlingszustroms, so Röbbert, sei das Haus für diese Personengruppe genutzt worden, die mittlerweile aber dezentral untergebracht worden sei.

Der Bürgermeister weiter: „Die Besetzung handhaben wir derzeit allerdings restriktiv. Denn seit Beginn der Corona-Krise - also seit etwa einem Jahr - versuchen wir, das Haus möglichst nicht für einen längeren Zeitraum zu belegen.“ Und dieser bewusste Leerstand habe durchaus seinen Sinn, wie Röbbert erklärt. So verweist er auf die negativen Folgen, die durch den coronabedingten Lockdown verstärkt auch innerhalb der Familien aufträten: „Wir versuchen das Haus in der Moorstraße freizuhalten, um im Notfall Räume für Opfer häuslicher Gewalt zur Verfügung zu haben. Wir können uns eine Lösung nicht erst dann überlegen, wenn die Räume gebraucht werden. Denn wir müssen sehr kurzfristig helfen können, wenn Frauen und Kinder leiden.“

So brauchen die Anlieger rund um die Moorstraße also nicht zu befürchten, dass die Stadt das Schlichthaus nicht mehr nutzt und sich selbst überlässt. Allerdings gibt es einige Nachlässigkeiten: So schwingt bei einem der beiden Briefkästen die Tür im Wind, während die Tür des zweiten Aufbiegespuren zeigt. Und ein großes Loch in der Gardine macht auch nicht gerade den besten Eindruck.

Wie der Bürgermeister betont, habe er die zuständigen Stellen bei der Stadt bereits angewiesen, hier Abhilfe zu schaffen, denn der Eindruck von Verwahrlosung solle auf keinen Fall entstehen.

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