„Wir werden das Beste daraus machen“

Tafeln haben geschlossen: Nutzer sind wieder auf sich und ihr kleines Budget gestellt

„Wir werden das Beste daraus machen“

Weit reichen die Auswirkungen der Coronakrise - bis in den heimischen Kühlschrank, bis auf den Teller. Dies gilt vor allem für jene, die sich nicht mal eben im Supermarkt den Einkaufswagen mit Hamsterkäufen füllen können: Menschen - von der alleinerziehenden Mutter bis hin zum bedürftigen Senior mit mickriger Rente -, die bisher bei den Tafeln in Soltau, Schneverdingen und Munster Lebensmittel gegen einen kleinen Obolus bekommen konnten, stehen jetzt vor verschlossener Tür. Alle drei Tafeln haben ihren Dienst vorerst eingestellt - eine Alternative gibt es nicht.

Bei allen drei Tafeln ist die Lage ähnlich: Die ehrenamtlichen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter sind nicht mehr die jüngsten, da kann das Durchschnittsalter schon mal mehr als 70 Jahre betragen. Und diese unermüdlichen Helferinnen und Helfer sind auch häufig nicht mehr ganz kerngesund. Damit gehören sie in Zeiten von Corona eindeutig zur Risikogruppe, und da geht es dann auch um Selbstschutz.

Doch leicht haben sich die Tafeln diesen Schritt nicht gemacht, wie Ernst Fuhrhop, Leiter der Soltauer Einrichtung, erläutert: „Das ist für uns eine völlig neue Situation. Wir haben diskutiert und alles erwogen. Dabei sind wir zu dem Schluss gekommen, dass wir unter diesen Umständen zunächst einmal nicht weitermachen können. Andere Möglichkeiten gibt es für uns nicht.“

Knapp 500 berechtigte Nutzer, die sich aus Einzelpersonen und Bedarfsgemeinschaften zusammensetzen, hat die Soltauer Tafel. Bei der Ausgabe am 13. März etwa nutzten 88 das Angebot. Sie alle müssen jetzt ohne die freitägliche Lebensmittelausgabe klarkommen. Dazu Fuhrhop: „Wir sind keine Versorger, sondern nur Unterstützer. Das heißt, die Menschen müssen ihr Leben in nächster Zeit ohne uns bestreiten. Es ist zwar sehr bedauerlich, aber es muss jetzt so gehen, wie es früher auch ohne Tafeln ging. Wir können die derzeitige Lage nur zur Kenntnis nehmen, und wir können auch nicht sagen, wann wir wieder öffnen. Das ist jetzt noch nicht absehbar.“

Klaus-Dieter Meier, Vorsitzender der Munsteraner Tafel, berichtet noch von einer letzten halbstündigen Lebensmittelausgabe am 20. März: „Dazu hatten wir Tüten gepackt. Die haben wir auf die Rampe gestellt, damit unsere Besucher sie mitnehmen konnten. Den Älteren, die nicht kommen konnten, haben wir die Tüten nach Hause gebracht.Sie haben sich sehr darüber gefreut.“

In Munster sind es etwas mehr als 300 Einzelpersonen und Mitglieder von Bedarfsgemeinschaften, die die Tafel besuchen können. Und auch Meier bedauert, schließen zu müssen. Wie Fuhrhop verweist er auf den hohen Altersdurchschnitt der Ehrenamtlichen: „Wir hätten gern eine andere Lösung, aber wir können es leider nicht ändern.“ Auch der Leiter der Munsteraner Tafel blickt ungewiss in die Zukunft: „Wir haben voraussichtlich bis zum 16. April geschlossen. Dann werden wir sehen, ob wir das verlängern. Eine wirkliche Prognose gibt es also nicht. Aber ich glaube, dass wir als Folge der Coronakrise nach deren Ende mehr Nutzer bekommen werden, als wir jetzt haben.“

Auch die Schneverdinger Tafel hat ihre vorerst letzte Lebensmittelausgabe am 20. März gehabt. Und auch für Leiter Fritz-Peter Korte steht die Fürsorge für die Ehrenamtlichen ganz oben: „Der Altersdurchschnitt ist hoch. Wir dürfen unsere Helferinnen und Helfer nicht gefährden. Eigenschutz steht da im Vordergrund. Bei der letzten Ausgabe haben viele Nutzer noch einmal haltbare Waren wie Reis, Zucker, Mehl und Kaffee erhalten.“ Auch in der Heideblütenstadt ist damit zunächst einmal bis zum 18. April Schluss. Jeden Freitag erreicht die Schneverdinger Tafel rund 100 Familien und damit entsprechend viele Personen. „Wir haben ihnen die Schließung erklärt und von keinem ein böses Wort dar­über gehört. Die Leute haben verstanden, dass sich auch die ehrenamtlichen Helferinnen und Helfer der Tafeln schützen müssen“.

So sieht es auch Stefanie B. (Name von der Redaktion geändert): „Die Entscheidung der Tafeln, jetzt zu schließen, ist für mich vollkommen verständlich. Ich stehe zu 100 Prozent dahinter. Entscheidend ist hier die Gesundheitsfrage, weil die Tafel-Teams vor allem aus älteren Menschen bestehen“, meint die 36jährige, die weiß, wovon sie spricht: Die alleinerziehende Mutter von drei Kindern ist seit einem knappen Jahr Nutzerin der Soltauer Tafel und muss jetzt selbst auf deren Lebensmittel verzichten.

Das wird natürlich sofort spürbar: „Ich merke schon jetzt, dass ich häufiger einkaufen muss als bisher“, berichtet die Soltauerin. Sie habe auch in der Vergangenheit immer sehr bewusst eingekauft, betont sie. Entsprechend umsichtig sei sie auch mit den Tafel-Lebensmitteln umgegangen, über die sie, aber auch ihre Kinder sich immer gefreut hätten: „Gemüse etwa, das wir nicht sofort verbrauchen konnten, habe ich zubereitet und eingefroren. Aus anderen Lebensmitteln habe ich Eintopf gekocht und ihn ebenfalls eingefroren.“ Mit entsprechender Planung, so sagt sie, komme sie gut hin: „Das Brot von der Tafel hat immer fast eine ganze Wochen gereicht. Auch mit den Kartoffeln sind wir gut ausgekommen.“ Schon am Beispiel der Erdäpfel aber zeigt sich: „Es ist ein Unterschied, ob ich einen Fünf-Kilo-Sack bekomme, der in meinem Tafel-Obolus enthalten ist, oder ob ich die Kartoffeln jetzt im Geschäft kaufen muss. Das gilt auch für andere Waren. Das spüren wir schmerzlich im Portemonnaie. Wir werden aber weiter zurechtkommen - wenn auch nicht so gut.“

Betroffene wie Stefanie B. müssen also in den kommenden Wochen oder gar Monaten ohne die Tafeln auskommen. Das ist auch für die 36jährige keine leichte Situation - ihren Optimismus hat sie allerdings noch nicht verloren: „Wir werden das Beste daraus machen. Und vor den Tafelhelfern ziehe ich den Hut - was die in ihrem Alter auf die Beine stellen, ist der Wahnsinn.“

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