„Schüler reagieren zunehmend gereizt“

Umgang mit Kriegsängsten bei Kindern und Jugendlichen: Fachkräfte aus Beratungsstellen entwerfen Elternbrief mit Infos und Ratschlägen

„Schüler reagieren zunehmend gereizt“

Noch bevor hier die ersten Flüchtlinge aus der Ukraine ankamen, hat der dortige Krieg bereits etwas anderes in die Heide gebracht: Angst und Verunsicherung. Beides habe auch die hiesigen Schulen und sogar Kitas längst erreicht, weiß Julia Willing vom Stephansstift (Evangelische Jugendhilfe): „Da wird plötzlich berichtet, dass sich Grundschulkinder russischstämmiger Eltern vor anderen Kindern rechtfertigen sollen.“ Zunehmend beobachte auch das Team der Schulsozialarbeit an der OBS (Oberschule Soltau) weitere Reaktionen: „Viele Schüler sind gestresst und reagieren zunehmend gereizt“, berichtet Martin Loeken. Der Schulsozialarbeiter und seine Kollegin Geraldine Busch informieren in einer Videokonferenz, was Betroffene und Eltern tun können im Umgang mit Kriegsängsten bei Kindern und Jugendlichen und an wen sie sich wenden können. Beim Pressegespräch in der vergangenen Woche ebenfalls mit dabei: Andreas Gillert vom Sozialpsychiatrischen Dienst. Gemeinsam wollen sie jetzt auch einen Elternbrief mit Infos und Tipps auf den Weg bringen.

Die Ereignisse in der Ukraine seinen bereits schockierend genug, da mache es einfach nur fassungslos, so Willing, „wenn manchen Kindern hier von anderen Mitschülern auf den Pausenhöfen eine Mitschuld gegeben wird, die jeglicher Grundlage entbehrt.“ Dabei hätten alle Mädchen und Jungen etwas zu begreifen, mit etwas zu ringen und zu leben, das vielleicht noch weit entfernt scheint, durch die Medien aber doch so nah wirkt: der Ukraine-Krieg.

Und der komme in einer Zeit, erklärt Gillert, in der der Stresspegel vieler bereits sehr hoch sei durch eine anderes Problem: „Die Coronakrise hat bei etlichen Kindern schon Spuren hinterlassen.“ Jetzt drohe eine „zweite Ohnmacht“, mahnt Willing, „und das wieder durch eine wenig greifbare Gefahr.“

Wobei Bilder und Berichte dieser Gefahren allerdings durchaus besonders bei Jugendlichen sehr präsent seien: „Besonders während Corona hat der Medienkonsum ein bedenkliches Maß angenommen.“ Ob Fernsehen, Smartphone oder Social Media: „Etliche wachen aktuell mit den (Kriegs)Bildern auf und gehen damit ins Bett“, mahnt Willing. Sie weiß: „Natürlich haben auch Kinder und Jugendliche ein Recht auf Informationen, und man sollte das Thema auch nicht vor ihnen zu verbergen versuchen, doch sie sollten damit nicht allein gelassen werden.“ Eine kindgerechte und sensible Vermittlung sei hierbei vonnöten. „Gemeinsam mit den Eltern Nachrichten sehen - am besten dosierte und dazu begleitete Beiträge - und anschließend darüber sprechen, das kann Ängste nehmen.“ Außerdem sei es wichtig, den Alttag weiterzuleben und mutmachende Rituale für die Kleinen zu etablieren. Kinder und Jugendliche hätten einen hohen Gesprächsbedarf - gäben dies aber nur selten zu erkennen - und fühlten sich oft hilflos, so die Pädagogen.

Aus all diesen Gründen haben sich mehrere Fachkräfte aus Beratungsstellen und Kinder- und Jugendarbeit zusammengesetzt, um Eltern eine Hilfestellung im Umgang mit dem Thema anzubieten. Gemeinsam haben sie in ihrem Elternbrief Ratschläge für einen Umgang mit der aktuellen Kriegssituation verfasst. Zu finden sind darin auch passende Quellen für altersgerechte Nachrichten und ebenso Kontaktdaten der Anlaufstellen in Soltau. Auch Internetadressen, auf denen sich weitere Informationen abrufen lassen, enthält das Schreiben. Und hierbei haben die Verantwortlichen darauf geachtet, möglichst alle Altersgruppen zu berücksichtigen: „Denn die Fragestellungen sind je nach Alter der Kinder und Jugendlichen unterschiedlich“, erläutert Busch.

Etwas Feinschliff fehle noch, doch bald werde das Informationsblatt fertig sein: „Der Elternbrief soll dann über alle Soltauer Schulen verteilt werden“, so Willing. Und Loeken ergänzt: „Das Schreiben könnte auch über die Homepages der Schulen veröffentlicht werden.“

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