Senioren sollen „fit fürs Netz“ werden

Projekt „Digital-Kompass“: Auftaktveranstaltung bei der Volkshochschule Heidekreis in Soltau

Senioren sollen „fit fürs Netz“ werden

Austausch über soziale Netzwerke, in denen es mitunter leider nicht besonders „sozial“ zugeht, Online-Banking, Telemedizin, virtuelle „Behördengänge“ - an der Digitalisierung kommt niemand mehr vorbei. Insbesondere die ältere Generation kann da allerdings kaum noch mithalten. Wer der Generation „Ü60“ angehört, bekommt angesichts des hohen Tempos auf der Datenautobahn mitunter Probleme. In vielen Familien sind es längst die Kinder oder Enkelkinder, die in Sachen Smartphone oder PC „mal eben“ etwas erklären müssen. Das aber kann auch nerven - und der Haussegen hängt dann schief. So mancher „Silver-Surfer“ hat vielleicht auch deshalb keine Lust darauf, sich mit der digitalen Welt auseinanderzusetzen. Und so verzichten viele ältere Menschen darauf, die Chancen zu nutzen, die ihnen das Internet bieten kann. Um da gegenzusteuern, beteiligen sich die Seniorenbeiräte im Heidekreis in Kooperation mit der Volkshochschule (VHS) Heidekreis am Projekt „Digital-Kompass“. Die Auftaktveranstaltung stand am vergangenen Dienstag bei der VHS in Soltau auf dem Programm.

Das Projekt „Digital-Kompass“ ist ein Gemeinschaftsprojekt der Bundesarbeitsgemeinschaft der Senioren-Organisationen (BAGSO) und des Vereins „Deutschland sicher im Netz“ (DsiN). Gefördert wird es durch das Bundesministerium der Justiz und für Verbraucherschutz. Ziel ist es, ältere Menschen im täglichen Umgang mit Geräten, dem Internet und digitalen Diensten zu befähigen. Dabei werden Seniorinnen und Senioren, die fit sind in Sachen Smartphone, Computer und „world wide web“, ihr Wissen an andere Menschen ihrer Altersgruppe weiterzugeben. Bundesweit sollen nicht weniger als 100 „Digital-Kompass“-Standorte aufgebaut werden. „Das finde ich beachtlich“, betonte Hans-Ulrich Obieglo, Geschäftsführer der VHS Heidekreis, bei der Auftaktveranstaltung. Die Seniorenbeiräte im Heidekreis leisteten in diesem Bereich mit ihren Sprechstunden und Beratungsangeboten schon seit längerem gute Arbeit. Und diese solle nun im Zuge des Projekts „Online-Kompass“ weiter vorangebracht werden.

Wie das genau vonstatten gehen soll, erläuterte Referentin Eva Nehse vom Verein DSiN, eigens zur Auftaktveranstaltung aus Berlin angereist. Laut Digital-Index 2020/2021 nutzten 85 Prozent der 60- bis 69-Jährigen das Internet „zumindest ab und zu“. Bei den über 70-Jährigen seien es nur noch 52 Prozent. Allerdings seien viele der „Offliner“ der Generation „Ü70“ durchaus an der Materie interessiert. „Sie suchen Leute, die ihnen zeigen, wie es funktioniert“, so Nehse. Und hier komme das Projekt „Online-Kompass“ ins Spiel.

„Es geht um Internet-Lotsen, um neutrale Personen, die zeigen, wie es geht“, unterstrich die Referentin. Dabei gebe es vielfältige Möglichkeiten: 1:1-Beratung, Smartphone-, Laptop und Tabletkurse, offene Techniksprechstunden, telefonische Beratung und Unterstützung auf Basis der Materialien des Projekts. „Wir verfügen über mehr als 250 verschiedene Publikationen, die wir anbieten können“, so Nehse. Dazu zählten unter anderem Grundlagenbroschüren, Schritt-für-Schritt-Anleitungen sowie Inhalte zum Herunterladen aus dem Internet. „Darüber hinaus gibt es digitale Stammtische und Austausche mit zugeschalteten Expertinnen und Experten, Online-Vorträge, digitale Sprechstunden und Selbstlernkurse und Schulungen“, berichtete der Gast aus der Bundeshauptstadt. Ansprechpartnerinnen in Sachen „Digital-Kompass“ bei der VHS Heidekreis sind Elke Dettmer und Stine Dehnke. „Ich denke, dass die Sprechstunden hohen Zulauf haben werden. Der Bedarf ist da, das Interesse von Seniorinnen und Senioren ist enorm“, betonte Dehnke. Und Dettmer: „Mein 87-jähriger Vater hat sich lange gegen digitale Tendenzen gewehrt. Jetzt dachte er, es wäre zu spät, etwas zu ändern. Aber das ist es nicht. Ich wünsche mir, dass in dieser Hinsicht jeder im Umfeld mit offenen Augen und Ohren durch die Landschaft geht. Wer mit seinem Handy oder Computer nicht klarkommt, ruft einfach bei der VHS an und wird dann an ehrenamtliche Lotsen vermittelt.“

Unterstützung bei Problemen wie diesen bieten die Seniorenbeiräte im Heidekreis bereits seit längerem an, unter anderem auch der aus Soltau. In der Böhmestadt ist Karl Beck ehrenamtlich mit dieser Aufgabe betraut. Was die Digitalisierung des Alltags angeht, so spricht er von einer „enormen Herausforderung für die ältere Generation.“ Bei einem Überangebot an digitalen Inhalten werde ein „digitaler Kompass“ benötigt, „um all diese Angebote sinnvoll nutzen zu können“, so Beck. Die junge Generation habe damit offensichtlich keine Probleme: „Wenn ich durch die Marktstraße gehe, habe ich das Gefühl, dass das Smartphone bei einigen schon angewachsen ist.“ Bereits seit drei Jahren bietet der Soltauer Seniorenbeirat Sprechstunden zum Thema an. Viele ältere Menschen hätten Angst davor, bei der Nutzung digitaler Angebote Fehler zu machen, erklärte Beck. Daher müsse es darum gehen, ihnen die Berührungsängste zu nehmen: „Es kommt darauf an, ihnen bedarfsgerecht Angebote zu machen, um ihnen Sicherheit zu geben.“

„Viele trauen sich nicht, anzufangen, weil es ihnen zu schnell geht“, unterstrich Rolf-Eberhard Irrgang vom Walsroder Seniorenbeirat und Kreisseniorenbeirat. Dabei sei das Internet erst der dritte Schritt, gehe es doch zunächst darum, den Umgang mit Tastatur und Maus zu lernen: „Seniorinnen und Senioren suchen eine Möglichkeit, überhaupt erst einmal mit diesen Sachen klarzukommen. Deshalb müssen wir Ängste abbauen und mit ihnen ins Gespräch kommen.“

Laut Landrat Manfred Ostermann seien in diesem Bereich „Verlässlichkeit und Orientierung“ ganz besonders wichtig. Gerade in der Corona-Pandemie habe sich gezeigt, wie wichtig die Nutzung digitaler Angebote geworden sei. Auch in der Verwaltung gehe es mit der Digitalisierung Schritt für Schritt voran, so der Landrat. Als Beispiel nannte er die Kfz-Zulassung. „Wir sind auf dem Weg zum Online-Zulassungsgesetz. Vom Hund anmelden bis hin zur Mülltonne soll alles online angeboten werden. Das ist die Zukunft. Wir müssen die ältere Generation mitnehmen - und da braucht es Angebote wie den Digital-Kompass.“

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