Sexuelle Gewalt noch immer ein Tabuthema

Beratungsstelle „Wendepunkte“ feiert zehnjähriges Bestehen mit Fachtag – Betroffene erhalten auch künftig kostenfrei Hilfe

Sexuelle Gewalt noch immer ein Tabuthema

Voller Saal im Hotel Park Soltau: In Form eines Fachtages beging die Beratungsstelle „Wendepunkte“ jetzt einen runden „Geburtstag“. Zehn Jahre ist es her, dass die Fachberatung gegen sexuelle Gewalt im Heidekreis ihre Arbeit aufnahm, seitdem bietet sie Beratung, Begleitung und Prävention an.

„Ich habe großen Respekt vor dem, was Sie geleistet haben.“ Jens Grote, neuer Landrat des Heidekreises, lobte die Arbeit des „Wendepunkte“-Teams. Nicht zuletzt durch seine Tätigkeiten als Staatsanwalt und im Justizvollzug wisse er: Gewalt gegenüber Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen und insbesondere solche, die sich gegen deren sexuelle Selbstbestimmung richtet, gebe es jeden Tag, auch hier im Heidekreis.“ „Wendepunkte“ könne nicht alle Taten, durch Prävention aber immerhin einen Teil möglicher Übergriffe verhindern, außerdem trage die Einrichtung zur Linderung der Folgen bei Opfern sexueller Gewalt bei. „Wendepunkte“ ist an die Erziehungsberatungsstelle des Heidekreises angebunden, Grote als Landrat versprach dem „Wendepunkte“-Team: „Sie können sicher sein, dass Sie mich fest an Ihrer Seite haben. Ich werde Sie fördern und fordern.“

Rund 100 Kinder und Jugendliche, die von sexueller Gewalt betroffen sind, sowie Personen aus deren sozialem Umfeld nehmen pro Jahr Termine bei der Fachberatungsstelle „Wendepunkte“ in Anspruch. Weil viele Kinder, Jugendliche und deren Familien eine fachliche Begleitung über einen längeren Zeitraum benötigen, begleitet „Wendepunkte“ sie über ebendiese Zeit hinweg. Darüber hinaus bietet das Team Beratungen, Schulungen und konzeptionelle Unterstützung in Schulen, Kindertagesstätten, Sportvereinen, Behinderteneinrichtungen und weiteren Institutionen im sozialen Bereich an. Und natürlich setzt es auf Prävention: In nahezu allen weiterführenden Schulen im Heidekreis bietet „Wendepunkte“ in der Klassenstufe 8 gezielt Unterrichtseinheiten zur Information und Prävention im Bereich sexueller Gewalt an. Für Kitas gibt es das Angebot einer Multiplikatorenausbildung „Nein heißt Nein“ - diese befähige Erzieherinnen und Erzieher, erste pädagogische Einheiten zu dem Thema durchzuführen, heißt es aus der Beratungsstelle. Einen besonderen Dank richtete Petra Kirch-Grütter, Leiterin der Erziehungsberatungsstelle, an die Kooperationspartner, von denen viele zum Fachtag gekommen waren: „Wir wären lange nicht an dem Punkt, an dem wir heute stehen, wenn wir nicht so viele engagierte Kooperationspartner hätten“, sagte sie.

Sina Böhling, Leiterin des Fachbereichs Kinder, Jugend und Familie beim Landkreis, betonte: Wenn es um Bekämpfung sexualisierter Gewalt gehe, sei es wichtig, gut vernetzt zu sein. Wohl auch deshalb waren viele der Anwesenden froh, dass der Fachtag trotz Pandemie als Präsenzveranstaltung stattfinden konnte – beim gemeinsamen Mittagessen lassen sich Kontakte nunmal viel leichter knüpfen als via Videokonferenz-Fenster.

Böhling hob die hohe Bedeutung von Präventionsarbeit hervor, die „am besten von Anfang an“ stattfinden sollte: Schon die Jüngsten müssten wissen, an wen sie sich wenden könnten. Sensibilisiert werden müssten aber auch Erwachsene, beispielsweise müssten pädagogische Fachkräfte wissen, wie sie handeln können.

Feste Ansprechpartner bei „Wendepunkte“ sind Claudia Barz und Frank Tödter. Barz ist von Beginn an dabei, sie ist Diplom-Sozialpädagogin, Systemische Beraterin und Therapeutin, Systemische Kinder- und Jugendlichentherapeutin sowie Erzieherin. Tödter stieß vor etwa neun Jahren dazu, auch er ist Diplom-Sozialpädagoge, Systemischer Berater und Therapeut. Barz erinnerte sich: „Wendepunkte“ habe damals mit einer Aufklärungs- und Sensibilisierungskampagne gestartet und sich schnell bemüht, Präventionsangebote für spezielle Zielgruppen anzubieten. 2014 beispielsweise habe man unter dem Titel „Echt krass!“ eine erste Wanderausstellung ins Leben gerufen.

Als Vortragsrednerin war Heike Holz, Diplom-Juristin, Kriminologin und Geschäftsführerin des in Kiel ansässigen „Petze“-Instituts für Gewaltprävention, geladen. Sie sprach zum Thema „Gemeinsam gegen sexuelle Gewalt an Kindern und Heranwachsenden: Erkennen, Verstehen, Handeln“ und legte dabei erschreckende Zahlen vor. So seien laut Polizeilicher Kriminalstatistik 2019 für die Bundesrepublik Deutschland insgesamt 13.670 mutmaßliche Straftaten angezeigt worden, und man gehe davon aus, dass dieses sogenannte Hellfeld nur 1,35 Prozent der tatsächlichen Fälle ausmache - 98,65 Prozent der Fälle blieben im Dunkelfeld verborgen. Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) gehe, so Holz, aufs Jahr gerechnet für Deutschland von einer Million betroffener Mädchen und Jungen aus, die sexuellen Missbrauch erlebt haben oder erleben – das seien pro Schulklasse ein bis zwei betroffene Kinder. Weiter sagte Holz, die Täter seien in der Regel männlich, es würden aber immer öfter auch Täterinnen in Erscheinung treten. Und: Die Täter und Täterinnen stammten überwiegend aus dem sozialen Nahbereich – aus der eigenen Familie oder aus dem Bekanntenkreis.

Noch immer sei sexuelle Gewalt ein Tabuthema, sagte Holz und nannte weitere Zahlen: Nur vier Prozent der betroffenen Jugendlichen vertrauten sich Lehrkräften oder einer Beratungsstelle an, 60 Prozent würden mit anderen Jugendlichen reden, 20 Prozent mit den Eltern – 26 Prozent und damit mehr als ein Viertel würden sich niemandem anvertrauen.

So manche Vertrauensperson mache leider den Fehler, dass es beim betroffenen Kind, wenn dieses sich öffne, die Schuldgefühle noch weiter erhöhe – beispielsweise indem die Person Sätze spreche wie „Ich hab doch gesagt, du sollst nicht zu der Party gehen!“. Holz empfahl: „Nehmen Sie eine offene, positive Grundhaltung ein, wenn ein Kind sich Ihnen anvertraut!“ Gut sei, dass das Kind sich geöffnet habe – von nun an könne es zu Wendepunkten kommen. Im Übrigen gelte: „Wer das Schweigen bricht, bricht die Macht der Täter.“

Im weiteren Verlauf des Fachtags folgte ein Beitrag von Schauspieler und Kabarettist Florian Hacke unter dem Titel „Alte Fragen, neue Antworten: die Welt von heute zwischen Rosa und Blau“.

Und wer sich jetzt fragt, warum die Beratungsstelle eigentlich „Wendepunkte“ heißt, hier die Antwort von Petra Kirch-Grütter: Man habe sich einst für diesen Namen entschieden, da er geschlechtsneutral sei und sich nicht an den negativen, sondern den positiven Aspekten orientiere, nach dem Motto „Es kann etwas anders werden“; außerdem, so Kirch-Grütter, sei „Wendepunkte“ ein Plural-Wort - damit solle ausgedrückt werden, dass es oft mehrere Anläufe brauche, weshalb es eben auch mehrere „Wendepunkte“ geben könne.

Wer sich an „Wendepunkte“, die Beratungsstelle gegen sexuelle Gewalt, wenden möchte, kann dies telefonisch unter der Rufnummer (05191) 970-772 oder per E-Mail unter wendepunkte@heidekreis.de tun. Ansässig ist die Beratungsstelle „Wendepunkte“ im Kreishaus in Soltau in der Harburger Straße 2. Die Beratung ist vertraulich und kostenfrei.

Text und Fotos von Marcel Maack

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