„Soltauer Schwingungen“: Glockengeläut, Philosophisches und Tränen in den Augen

18-jähriger Abiturient Hendrik Hopfenblatt „sammelt“ Kirchenklänge

„Soltauer Schwingungen“: Glockengeläut, Philosophisches und Tränen in den Augen

„Und wie der Klang im Ohr vergehet, der mächtig tönend ihr entschallt, so lehre sie, dass nichts bestehet, dass alles Irdische verhallt“ - Zeilen aus Friedrich Friedrich Schillers „Das Lied von der Glocke“, einem Meisterwerk der deutschen Lyrik. Etliche Schülergenerationen durften sich mit dem wohl bekanntesten deutschen Gedicht im Unterricht befassen, sehr wahrscheinlich hatten nicht viele große Freude daran. Ein Faible für Lyrik hat auch der 18-jährige Hendrik Hopfenblatt aus Bremen nicht unbedingt, aber Kirchenglocken und ihr Geläut üben auf ihn schon von Kindesbeinen an eine große Faszination aus. „Kirchenglocken läuten zu verschiedenen Anlässen, laden Menschen zur Andacht ein oder verkünden die Uhrzeit. Doch Glocken sind nicht einfach nur Glocken. Oft steckt mehr hinter ihnen und ihren Geschichten, als man glauben mag“, so Hopfenblatt. Wenn er sich auf den Weg macht, um „was läuten zu hören“, dann geht der junge Mann einem außergewöhnlichen Hobby nach: Seit er elf Jahre alt ist steigt er regelmäßig auf Kirchtürme und dokumentiert den dort hängenden Bestand in Bild und Ton. Am vergangenen Samstag stattet er der St. Johanniskirche und danach der Lutherkirche in Soltau einen Besuch ab, um seine „Sammlung“ zu erweitern.

Es ist kurz vor 10 Uhr, als der Kleinwagen mit dem HB-Kennzeichen von der Bahnhofstraße auf den kleinen Parkplatz an der St. Johanniskirche einbiegt. Dort nehmen ihn, wie verabredet, Vorsitzender Franz-Otto Wiehenstroth sowie Dorothee Harbart vom Kirchenvorstand in Empfang. Hopfenblatt nimmt eine große Tasche aus dem Auto, in der sich sein „Arbeitsmaterial“ befindet, darunter spezielle Aufnahmegeräte, eine Videokamera, ein Fotoapparat, ein Maßband und - ganz wichtig - ein Gehörschutz. Im Zuge seines ungewöhnlichen Hobbys hat der 18-Jährige bereits rund 270 Kirchtürme erklommen - und inzwischen ganz offensichtlich einen sehr guten Draht „nach oben“, denn nach Tagen des Dauerregens lässt sich endlich die Sonne blicken. „Perfektes Wetter. Darauf haben wir ja auch lange gewartet“, lacht Hopfenblatt. Nach einer schnellen Vorstellungsrunde fotografiert er zunächst die St. Johanniskirche von außen. Wie zur Begrüßung läuten um 10 Uhr die Glocken, sehr zur Freude des Hanseaten: „Das hört sich doch schon vielversprechend an“, sagt er. Wiehenstroth und Dorothee Harbart informieren ihn über die Historie der ältesten Soltauer Kirche, die 1464 zum ersten Mal urkundlich erwähnt wurde. In der Weihnachtsnacht 1906 sei sie völlig ausgebrannt und anschließend im neubarocken Stil wieder aufgebaut und im Jahr 1908 eingeweiht worden.

Bevor es hineingeht, deutet Wiehenstroth auf eine Besonderheit, nämlich die Grabsteine von Soltauer Ackerbürgern, die sich am Gotteshaus befinden: „Das ist ein einmaliger Kulturschatz aus Sandstein in Soltau“, betont der Gastgeber. Nach dieser kurzen „Geschichtsstunde“ betritt die kleine Gruppe das Innere des beeindruckenden Bauwerkes mit seinem 68 Meter hohen Glockenturm, der nach einer aufwendigen Sanierung wieder im neuen Glanz erstrahlt. Im Zuge einer kleinen Führung erfährt Hopfenblatt, der für seine Dokumentation auch einige Innenaufnahmen macht, Interessantes über die Arbeit der Gemeinde. So schaut er sich auch den Jugendraum an, der, so Wiehenstroth, „intensiv genutzt wird.“

Dann aber geht es hoch hinaus, denn der junge Besucher freut sich ganz besonders darauf, das in Augenschein zu nehmen, was er kurz zuvor auf dem Parkplatz akustisch wahrgenommen hat: das Geläut der Kirche, das unter Fachleuten als eines der schönsten Deutschlands gilt. „Wenn der NDR Glockengeläut für Beiträge benötigte, hat er das der St. Johanniskirche benutzt“, berichtet Wiehenstroth beim „Aufstieg“, der weniger beschwerlich ist, als vermutet. Hoch oben bietet sich ein beeindruckender Blick über das sonnige Soltau. Doch warum in die Ferne schweifen, wenn das Gute liegt so nah? Und so geht es schnell wieder einige Stufen nach unten, wo das a-Moll-Geläut aus dem Jahr 1907 auf seinen nächsten klangvollen Einsatz wartet. Hier heißt es „die Masse macht‘s“, besteht es doch aus der großen Christusglocke, die stolze 3.668 Kilogramm auf die Waage bringt und einen unteren Durchmesser von 1,84 Metern hat, der mittleren 2.203,5 Kilogramm schweren Lutherglocke und der kleinen Paul-Gerhardt-Glocke, die „nur“ 1.146,5 Kilogramm wiegt. „Deshalb mussten Kirchtürme so massiv gebaut werden. Das ist so, als wenn hier oben regelmäßig ein Lastwagen hin- und hergeschwungen wird“, sagt Wiehenstroth.

Hingerissen ist Hopfenblatt beim Anblick der drei Schwergewichte. Er inspiziert jedes Exemplar ganz genau, nimmt Maß und notiert sich die Inschriften. Er freut sich wie ein Schneekönig, dass an der Kirchturmwand Info-Tafeln hängen, die ihm wichtige Daten und Historisches auf einen Blick liefern. „Glocken weisen eine Reihe von Merkmalen auf, die jede einzelne einzigartig machen - sei es der Gießer, das Gussjahr oder der zu vernehmende Ton“, weiß der 18-Jährige. In der St. Johanniskirche hat es ihm insbesondere die Christusglocke angetan, die „J.J. Radler und Söhne“ im Jahr 1907 gegossen haben. „Die hat einen enormen Denkmalwert“, staunt der gebürtige Lilienthaler, „das ist die größte Glocke der Gießerei, die noch erhalten ist.“ Nachdem er alle „Vorarbeiten“ erledigt und die Aufnahmegeräte platziert hat, ist es an der Zeit den Gehörschutz aufzusetzen, denn gleich wird es laut. Wiehenstroth schaltet das knapp fünfminütige Vollgeläut ein, bei dem die drei Glocken gemeinsam ein kilometerweit hörbares „Konzert“ geben.

Knarzend setzen sich die drei Glocken nach und nach in Bewegung. Zunächst läutet die kleinste, dann stimmen die mittlere und schließlich die imposanteste mit ein. Es ist faszinierend, zu sehen, wie die tonnenschweren Klangkörper in Schwingung geraten. Sie geben einen brachialen „Sound“ von sich, der gesamte Kirchturm scheint zu vibrieren. Direkt davor stehend, geht das Geläut durch Mark und Bein, jede Faser des Körpers scheint zu flattern. Hopfenblatt filmt mit der Videokamera und das Grinsen in seinem Gesicht wird immer breiter. Hin und wieder schüttelt er beseelt den Kopf. Selbst er, alter Hase in Sachen Glockengeläut, ist mächtig beeindruckt vom akustischen Spektakel. Es ist nicht zu übersehen, er hat Tränen in den Augen. Als die Glocken verstummen, vibriert noch immer die Luft, die Schwingungen sind spürbar. Der Abiturient nimmt den Gehörschutz von den Ohren und schreit nahezu himmelhoch jauchzend: „Die Große fetzt hier alles weg, einfach bombastisch. Unter meinen 270 Kirchen ist das hier die Nummer eins. Der Wahnsinn, irgendwann muss ich nochmal hier hoch.“ Tränen hat er immer noch in den Augen - und kein Problem damit, zuzugeben, wie sehr ihn dieses akustische Erlebnis berührt hat: „Das hatte ich erst drei Mal, inklusive hier“, sagt er und strahlt immer noch über das ganze Gesicht.

Auf der Jagd nach neuem Audiomaterial ist Hopfenblatt überwiegend in Niedersachsen und Bremen unterwegs, macht aber auch Abstecher in andere Bundesländer. „Ich war auch viel in Ostdeutschland unterwegs, in Brandenburg, Sachsen-Anhalt, Thüringen und Mecklenburg-Vorpommern“, berichtet der Abiturient, für den am vergangenen Montag die mündlichen Prüfungen begonnen haben. Er peilt ein Architekturstudium sowie eine Ausbildung zum Zertifizierten Glockensachverständigen (BA) an und hat neben seiner großen Leidenschaft für Kirchenglocken noch andere Interessen, nämlich historische Profanbauten, Pyrotechnik und Politik. Seit Juli vergangenen Jahres ist der Bremer Mitglied des eingetragenen Vereins Deutsches Glockenmuseum.

Das Ganze ist nicht nur eine ungewöhnliche Freizeitbeschäftigung für den Abiturienten, sondern von ihm auch äußerst professionell aufgezogen. So betreibt er die Internetseite www.glockenfreund.de, auf der er sich und sein Hobby vorstellt und zudem Tonaufnahmen und Videos von läutenden Glocken einstellt. Außerdem erklärt der 18-Jährige, Spitzname „Glocken-Henry“, seine Passion, erläutert, warum er sich bereits seit seinem achten Lebensjahr für die Materie interessiert. Ihn begeistert „die Geschichte, die man anfassen kann“, zudem fasziniert ihn die Handwerkskunst an sich, zumal Glocken, besonders Werke des Barock, zumeist außerordentlich verziert seien. „Glocken vermitteln zwischen Himmel und Erde. Und genau diese Faktoren machen sie einzigartig“, so der Schüler. Im Laufe der Jahre hat er reichlich Geläut „konserviert“ und dokumentiert. Ein großer Teil der „Ding Dang Dong“-Sammlung dürfte bestens dazu geeignet sein, den im berühmten Kinderlied besungenen Meister beziehungsweise Bruder Jakob klangvoll zum Sprung aus den Federn zu bewegen.

Hellwach ist jedenfalls Hopfenblatt nach dem Besuch der St. Johanniskirche. Er hat noch viel vor an diesem Tag, stehen doch noch die Soltauer Lutherkirche und anschließend die Kirchen in Bergen und Sülze auf dem Programm. Der Abiturient wird sicherlich auch in Zukunft noch viele Stufen nehmen, um seinem geliebten Hobby nachzugehen, vielleicht dann ja später auch aus beruflichen Gründen. Für ihn sind und bleiben Glocken, wie er auf seiner Internetseite philosophisch beschreibt, „Stimmen zwischen Himmel und Erde. Klänge zwischen Zeit und Ewigkeit.“

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