Sucht in Corona-Zeiten: „Es hat sicherlich viele Rückfälle gegeben“

Selbsthilfegruppe „Nicht allein“ auch in der Pandemie für Betroffene da

Sucht in Corona-Zeiten: „Es hat sicherlich viele Rückfälle gegeben“

„Nicht allein“ - so heißt die Selbsthilfegruppe, die Silke Meyer vor rund sechs Jahren in Soltau ins Leben gerufen hat. Dieses Angebot richtet sich an Angehörige und Partner von drogengefährdeten und -abhängigen Jugendlichen und Erwachsenen, denn: Unter einer Sucht leiden nicht nur die Betroffenen. Auch Familie, Partner und Freunde stehen in solch schwierigen Situationen vor großen Herausforderungen und sind nicht selten völlig überfordert, wissen nicht, was sie tun sollen, wie sie helfen können. Da macht es natürlich Sinn, mit anderen Menschen zusammenzukommen, die Ähnliches erleben oder erlebt haben. Es hilft schon mal, zu wissen, dass man „Nicht allein“ ist. Der Name der Gruppe ist damit auch ihr Motto, das in der Corona-Pandemie allerdings schwer umzusetzen war.

„Wir haben uns unter erschwerten Bedingungen durchgeschlagen“, berichtet Meyer: „Ich habe großen Wert darauf gelegt, dass in der Gruppe trotz Corona keine Totenstille herrscht, dass alle wussten, dass ich für sie da bin.“ Als es in der Pandemie erlaubt gewesen sei, habe es Treffen im Freien unter Einhaltung der Abstands- und Hygieneregeln gegeben, zudem habe die Gruppe über „WhatsApp“ Kontakt gehalten. Mit einem Mitglied habe es auf dessen ausdrücklichen Wunsch zweimal im Monat Einzeltreffen gegeben, ebenfalls auf Abstand und mit Maske. „Unsere Gruppenmitglieder haben die Treffen fest in ihrer Struktur eingeplant. Wenn sie plötzlich wegfallen, ist das für sie natürlich ein großer Verlust“, weiß die 56jährige.

Nach Einschätzung von Experten hat die Corona-Krise die Gefahr von Suchterkrankungen verstärkt. Ursachen seien unter anderem die fehlende Tagesstruktur, Überforderung durch Kurzarbeit oder Homeoffice, aber auch fehlende soziale Kontakte und Langeweile. Auch Meyer geht davon aus, dass in der Pandemie bundesweit mehr Alkohol und Drogen konsumiert worden seien und auch exzessiver Medien-Konsum zugenommen habe. „Es hat sicherlich viele Rückfälle gegeben. Das ist gravierend“, so die Gruppenleiterin. Damit sei allerdings auch zu rechnen gewesen, „wenn viele Menschen den ganzen Tag zu Hause sitzen und womöglich auch finanzielle Sorgen haben.“ Letzteres bedeute allerdings nicht, dass es Suchtproblematiken nur bei denjenigen gebe, die finanziell keine großen Sprünge machen könnten: „Das Thema Sucht zieht sich durch alle sozialen Schichten.“ In ihrer Gruppe treffen sich derzeit fünf Frauen und Männer im Alter von 30 bis 50 Jahren - Angehörige von Partnern, die alkohol-, drogen- oder tablettensüchtig sind oder unter Depressionen leiden, aber auch Eltern von onlinesüchtigen Kindern und Jugendlichen. Auch süchtigen Erwachsenen selbst stehen die Türen offen. „Wir sind eine Gruppe für Betroffene und Angehörige“, unterstreicht Meyer. Die Gruppentreffen stehen am ersten und dritten Dienstag im Monat jeweils um 19 Uhr in den Räumen in der Bahnhofstraße 15, in denen auch andere Selbsthilfegruppen beheimatet sind, auf dem Programm. Es sind noch Plätze frei. „Wir können bis zu zwölf Leute aufnehmen“, erklärt Meyer.

Am Dienstag vergangener Woche war nach längerer Zwangspause wieder ein reguläres Treffen möglich. Ein Wiedersehen, auf das sich alle Gruppenmitglieder gefreut haben, wie die Soltauerin berichtet: „Man ist zwar nicht befreundet, hält aber zusammen. Und wir stehen füreinander ein, wenn mal jemand Probleme hat oder zum Beispiel ins Krankenhaus muss“, erklärt die Böhmestädterin. „Wer zu uns kommt, sucht uns auf, weil er Menschen trifft, die Erfahrungen gemacht haben, wie er oder sie selbst. Das ist ganz wichtig“, betont Meyer. Weil sie professionelle Hilfestellung bieten möchte, hat sie eine Ausbildung zur Suchtkrankenhelferin absolviert und mehrere Gruppenleiterseminare besucht. „Ich habe mir gesagt, wenn ich so etwas mache, dann will ich es auch richtig machen“, so Meyer. Und weiter: „Zuhören ist eine sehr wichtige Sache. Manchmal muss man aber auch hart sein und sagen, was man meint, da darf dann nichts beschönigt werden. Viele denken allerdings, ich kann hier Wunder bewirken - das kann ich natürlich nicht. Betroffene müssen bereit sein, an sich zu arbeiten. Dabei fließen auch schon mal Tränen, aber bei uns geht es nicht immer ernst zu, es wird auch viel gelacht“, unterstreicht die Suchtkrankenhelferin: „In erster Linie geht es darum, dass wir uns regelmäßig sehen.“

Immer wieder wenden sich Eltern von onlinesüchtigen Kindern und Jugendlichen hilfesuchend an die Soltauerin. „Gerade viele Mütter denken, dass sie versagt haben, aber sie können natürlich nichts dafür“, berichtet die Gruppenleiterin. Für Erziehungsberichtigte, deren Kinder zuviel Zeit am PC oder an der Spielekonsole verbrächten, sei es zunächst schon einmal hilfreich, festzustellen, dass es auch andere Eltern gebe, die mit dieser Problematik konfrontiert seien. Meyer gibt wertvolle Tipps und kann bei Bedarf auch an Suchthilfe-Einrichtungen vermitteln. „Wir haben gute Kontakte, zum Beispiel zur Arbeiterwohlfahrt. Gern sind wir auch bei Anträgen behilflich“, erklärt sie. Darüber hinaus sei die Selbsthilfegruppe auch in Sachen Prävention aktiv: „Wir gehen zum Beispiel in Schulen, die sich gern bei mir melden können.“ Außerdem habe es vor der Corona-Pandemie regelmäßig alle acht Wochen Präventionsangebote für Patienten im Heidekreis-Klinikum in Walsrode gegeben, die im HKK eine Entgiftung machen. „Wenn uns die Patientinnen und Patienten dort sehen und kennenlernen, können wir vermitteln, dass der Weg aus der Sucht zu schaffen ist. So bringen wir Hoffnung - und Hoffnung ist sehr wichtig für Suchtkranke. Sobald es wieder möglich ist, werden wir auch wieder dorthin fahren“, hebt Meyer hervor.

In der Selbsthilfegruppe sei bereits eine Menge erreicht worden: „Unsere Teilnehmerinnen und Teilnehmer beziehungsweise deren Angehörige haben sich wieder aus dem Sumpf gezogen. Wir sind hier auf einem sehr guten Weg.“ Zu erreichen ist die Selbsthilfegruppe „Nicht allein“, die übrigens der Schweigepflicht unterliegt, unter der Telefonnummer (05191) 9967273.

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