Und was ist mit Tee? Beutel im Dienste der Forschung verbuddelt

Leonie Braun und Tjado Brackmann aus Soltau beteiligen sich an bundesweitem Projekt des Bundesforschungsministeriums

Und was ist mit Tee? Beutel im Dienste der Forschung verbuddelt

„Und was ist mit Tee?“ - so manch einer dürfte sich an die mehrfach mit leicht nervigem Unterton gestellte Frage erinnern, die ein Norddeutscher im Fischerhemd immer wieder in einem TV-Werbespot, der vor vielen Jahren eine runde Praline schmackhaft machen sollte, an die Zuschauer richtete. In Soltau hätte es darauf am vergangenen Donnerstag in Breidings Garten prompt eine Antwort gegeben: „Der kommt ins Erdreich!“ In der Idylle des Landschaftsparks verbuddelten nämlich zwei junge Heidjer sechs Teebeutel. Anlass war nicht etwa eine Protestaktion radikaler Kaffeetrinker, die ein „Konkurrenzprodukt“ symbolisch unter die Erde bringen wollten, sondern eine Maßnahme im Dienste der Forschung. Nach einem ersten Pilotversuch im vergangenen Jahr sind Freiwillige bundesweit dabei, Teebeutel zu vergraben, um daraus Rückschlüsse auf das Leben im Boden zu ziehen. Damit sind sie Teil der „Expedition Erdreich“, eines bundesweiten Citizen-Science-Projekts des Bundesforschungsministeriums.

Citizien Science bedeutet übersetzt „Bürger-Forschung“. Dabei sollen Laien selbst zu Forscherinnen und Forschern werden. Ein gutes Beispiel dafür sind die alljährlichen Vogelzählungen des Naturschutzbundes Deutschland (NABU). Auch bei dieser Aktion sollen Jahr für Jahr möglichst viele Interessierte mitmachen, um so eine breite Grundlage für die Forschung zu liefern. Ein Faible für Forschung haben auch die beiden 19jährigen Leonie Braun und Tjado Brackmann aus Soltau. Ihr Abitur haben sie am Gymnasium Soltau gemacht und sich dort in ihrer Schulzeit am Wettbewerb „Jugend forscht“ und an anderen naturwissenschaftlichen Wettbewerben beteiligt.

Auf das bislang größte Bürgerforschungsprojekt in der Bodenuntersuchung in Deutschland sind die jungen Böhmestädter durch einen Zeitungsartikel aufmerksam geworden. Für beide war schnell klar, dass sie sich daran beteiligen möchten. „Wir haben uns im März angemeldet. Die Nachfrage war aber so groß, dass keine Aktions-Kits mehr zur Verfügung standen“, berichtete Braun. Diese sind jedoch erforderlich, um mitmachen zu können, enthalten sie doch neben sechs genormten Teebeuteln - zur Hälfte Rooibusch, zur Hälfte Grüntee - auch eine kleine Schaufel, destilliertes Wasser, Röhrchen für Bodenproben sowie eine Feinwaage, eine Anleitung und einiges mehr.

„Im April hat die Aktion begonnen - und im Mai haben wir dann doch noch jeder ein Aktions-Kit erhalten“, erkärt Braun in Breidings Garten. Und warum haben sich die beiden den Landschaftspark als ersten Standort für ihre Experimente ausgesucht? „Eigentlich sollte hier unsere Abi-Entlassung stattfinden. Die musste aber wegen schlechten Wetters in die Halle verlegt werden. Außerdem haben wir gedacht, dass das hier eine schöne Kulisse für die Presse ist“, erklärte Brackmann. Er holte sich beim 2. Vorsitzenden des Vereins Breidings Garten, Rüdiger Röders-Arnold, das Okay - und so konnte das Duo am vergangenen Donnerstag loslegen. Ein guter Platz war unter schattenspendenden Buchen schnell gefunden. An diesem fühlten sich aber auch etliche Mücken wohl, so dass an „Abwarten und Tee trinken“ nicht zu denken war. Doch die beiden Jungforscher ließen sich von den summenden Plagegeistern nicht aus der Ruhe bringen, sondern arbeiteten ihr Programm akribisch nach Vorgabe der mitgelieferten Anleitung ab. Zunächst trugen sie die per Handy ermittelten Koordinaten der Stelle ein. Dann kalibrierten sie mit Hilfe eines 100-Gramm-Gewichts die Feinwaage, um schließlich darauf das Gewicht jedes einzelnen Teebeutels zu bestimmen. Weiter galt es, diese Daten auf einem speziellen Bogen einzutragen, die Beutel zu beschriften und sie dann nach einer bestimmten Vorgabe in acht Zentimeter tiefen Löchern einzugraben. Zudem nahmen Brackmann und Braun eine Bodenprobe und ermittelten den pH-Wert. Auch dieses Messergebnis trugen sie auf dem mitgelieferten Erhebungsblatt ein.

Die Wissenschaft braucht eine ganze Menge Daten, um den allgemeinen Zustand der Böden und deren CO2-Freisetzung besser bewerten zu können. Dabei hilft die hier angewandte „Tea-Bag-Index-Methode“, eine anerkanntes wissenschaftliches Verfahren. Nach drei Monaten werden die Teebeutel wieder ausgegraben und erneut gewogen. Der Gewichtsunterschied gibt Aufschluss über die Zersetzungsrate des Tees und damit auch die CO2-Freisetzung des jeweiligen Bodens. Weil die Zersetzung von vielen Faktoren abhängt, untersuchen die Teilnehmerinnen und Teilnehmer zusätzlich auch den pH-Wert, die Bodenart sowie die Art der Landnutzung. Diese und andere Angaben werden nach Abschluss der Aktion in eine europäische Datenbank eingespeist und von Experten ausgewertet.

Bis September werden Bodendaten an bis zu 9.000 Standorten erhoben. Ein Teil der Ergebnisse wird für die Klimamodellierung zur Verfügung gestellt. Und Leonie Braun weist auf einen weiteren Aspekt hin: „Die Bürgerinnen und Bürger sehen, was für ein wichtiges Ökosystem unsere Böden sind.“

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