Unfallzahlen stark gestiegen

Verkehrslagebild: 2019 mehr Schwerverletzte und mehr Todesopfer

Unfallzahlen stark gestiegen

Eigentlich nimmt sich die Polizeiinspektion (PI) Heidekreis in Soltau immer genug Zeit, um beim Pressetermin das Verkehrslagebild des Vorjahres detailliert zu erläutern. Den Corona-Vorsichtsmaßnahmen ist es geschuldet, dass diesmal andere Informationswege genommen werden mussten, die Statistik liegt aber dennoch vor.

Und sie verzeichnet für das Jahr 2019 im Heidekreis nicht nur einen Anstieg der Unfallzahlen insgesamt, sondern auch der schweren Unfallfolgen.

„Die Steigerung der Gesamtunfallzahlen, die 2019 gegenüber 2018 um 355 auf 5.899 kletterten, lässt sich durch eine außergewöhnlich große Zunahme von Wildunfällen erklären. Ihre Zahl stieg um 390 auf 1.855“, erläutert PI-Verkehrssicherheitsberater Detlev Maske vom Sachgebiet Verkehr.

Der Anstieg der Verkehrsunfälle mit schwersten Folgen im Landkreis Heidekreis im vergangenen Jahr sei so hoch wie noch nie. So stieg die Zahl der Schwerverletzten von 146 um 22 auf 168. Das entspricht einem Plus von 15,1 Prozent. Die Zahl der Todesopfer lag zwar in den Jahren 2015 und 2016 mit jeweils 20 noch höher. Gegenüber 2018 stieg sie jedoch von 14 um vier auf 18 - ein Zuwachs von 28,6 Prozent.

Das Beunruhigende dabei ist, dass offenbar kein wiederkehrendes Schema zu entdecken ist. Dazu Maske: „Diese Entwicklung betrachten wir mit Sorge, allerdings lassen sich durch unsere Aufzeichnungen keine Erklärungen ableiten. Durch diese Verkehrsunfälle sind viele Altersgruppen und viele Verkehrsarten auf gänzlich verschiedenen Straßen betroffen. Sie lassen im Detail vielfach keine Parallelen erkennen, denen man wirkungsvoll mit polizeilichen Maßnahmen begegnen könnte.“ So kamen diese 18 Menschen nicht nur auf der Autobahn (5), wie man vermuten könnte, ums Leben, sondern auch auf Kreisstraßen (6), Gemeindestraßen (4), Bundesstraßen (2) und Landesstraßen (1).

Eine Erklärung dafür, so Maske, könnte sein, dass die Verkehrsdichte in den vergangenen Jahren auch hier im Heidekreis erheblich zugenommen habe: „In diesem Zusammenhang könnte auch eine Reizüberflutung in modernen Fahrzeuge eine Rolle spielen.“ Assistenzsysteme, Navigationssysteme, umfangreiche Bedienungsanforderungen und die möglicherweise gleichzeitige Nutzung verschiedenster Kommunikationsmittel während der Fahrt haben hier wohl ein erhebliches Ablenkungs- und damit auch Unfallpotential.

Nicht alle, die einen Unfall verursachen, sind aber auch bereit, dafür geradezustehen. So registrierte die Polizei 1.137 Unfallfluchten( 2018: 1.173), von denen sie 474 oder 41,65 Prozent aufklären konnte.

Was die Unfallbeteiligung verschiedenen Altersgruppen betrifft, so waren die 18- bis 24jährigen als „Risikogruppe“ in 970 (2018: 895) Unfälle involviert. 33 dieser Altersgruppe wurden dabei schwer verletzt, fünf getötet. Senioren waren an 1.121 (2018: 968) Unfällen beteiligt. 26 ältere Personen wurden dabei schwer verletzt, drei starben. An insgesamt 145 (2018: 131) Unfällen waren Kinder beteiligt, und zwar - wie jedes Jahr - nicht in erster Linie als Fußgänger, sondern als Mitfahrer im Auto. Acht Kinder wurden dabei schwer verletzt, Todesopfer waren nicht zu beklagen.

Angesichts dieser Entwicklungen und der gegenwärtigen Situation meint Stefan Sengel, Leiter der Polizeiinspektion Heidekreis: „Wir erleben derzeit mit der Lage durch das Coronavirus eine Entschleunigung auf vielen gesellschaftlichen Ebenen. Das ist gerade im Straßenverkehr deutlich spürbar. Wir haben momentan durch diese Situation einen erheblichen Rückgang an Verkehrsunfällen.“

Mit Blick auf 2018 resümiert der Polizeidirektor: „Das Unfalllagebild vom vergangenen Jahr zeigt auch, dass sich im Straßenverkehr zuviel Menschen mit zuwenig Zeit bewegen. Es ist an der Zeit für eine Rückbesinnung auf die Grundregel aus Paragraph1, Absatz 1, der Straßenverkehrsordnung: ‚Die Teilnahme am Straßenverkehr erfordert ständige Vorsicht und gegenseitige Rücksicht‘.“

Dass dies nötig sei, zeige auch die seit Jahren nahezu gleichbleibend hohe Anzahl von Verkehrsunfallfluchten: „Das sind die Situationen, in denen jeder zunächst an seinen eigenen Nachteil - Umstände und Zeit für eine Unfallaufnahme, Kosten durch eine Höherstufung der eigenen Versicherung - denkt und dann für sich entscheidet, den Nachteil für den Geschädigten zu ignorieren und davonzufahren. Vielleicht führt ja die momentane Ausnahmesituation dazu, dass die Menschen wieder anfangen, darüber nachzudenken, dass es außer ihnen auch noch andere Menschen auf der Welt gibt.“

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