Unterricht erfolgreich: Digital und auf Distanz

Berufsbildende Schulen Soltau berichten über ihre Erfahrungen

Unterricht erfolgreich: Digital und auf Distanz

„Was du heute kannst besorgen, das verschiebe nicht auf morgen“ - etwa im Sinne dieser alten Volksweisheit haben die Berufsbildenden Schulen (BBS) Soltau gehandelt, weil sie schon 2008 begonnen haben, die Digitalisierung massiv voranzutreiben, beispielsweise mit einem Glasfaseranschluss auf eigene Kosten oder mit der Verpflichtung der Lehrkräfte, die digitalen Möglichkeiten zu nutzen. Jetzt, in der Coronakrise, zahlt sich das aus: Wie Gaby Tinnemeier am vergangenen Montag berichtete, seien die BBS dadurch in der Lage, in Sachen Unterricht einen eigenen Weg zu beschreiten. Dessen Erfolg, so die BBS-Leiterin, habe sich schließlich bis ins Kultusministerium herumgesprochen.

Mit zahlreichen Maßnahmen mussten und müssen sich auch die Berufsbildenden Schulen im Zuge der Corona-Krise auseinandersetzen, um Infektionsrisiken zu reduzieren. Hier ist das Infektionsgeschehen an den BBS Soltau bisher eher niedrig: Unter den rund 2.000 Schülerinnen und Schülern hat es bisher fünf Corona-Fälle gegeben, unter den 148 Lehrkräften und Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern ist es einer gewesen.

Ein wichtiges Instrument zur Verringerung des Infektionsrisikos ist der Distanzunterricht, der etwa wie eine Videokonferenz abläuft. Nach den Sommerferien hatten die BBS Soltau den Auftrag, 10 bis 15 Prozent des Unterrichts regelhaft und systematisch als Distanzunterricht zu erteilen. „Wir haben uns dafür entschieden, dies ab November auf drei Ausbildungsberufe zu erweitern“, so Tinnemeier. Gemeint sind damit die 240 Auszubildenden zum oder zur Medizinischen und Zahnmedizinischen Fachangestellten sowie im Einzelhandel. Dabei sei es um Eigenverantwortung und Fürsorge für die Beteiligten gegangen, so Tinnemeier.

Möglich ist dies, weil die BBS vom Landkreis unterstützt werden und auch an eine ausreichende Geräteausstattung für die Schülerinnen und Schüler gedacht haben: So sind an sie 250 Leihtablets ausgegeben worden. Weitere 100 haben die BBS noch in petto.

Wie die Berufsbildenden Schulen Soltau mit dieser Problematik umgegangen sind, hat offenbar für Eindruck gesorgt: So wurde Tinnemeier gebeten, über die Erfahrungen der BBS Soltau in der Schulleiterdienstbesprechung des Kultusministeriums zu berichten, in der alle niedersächsischen BBSn vertreten sind. Auch in einem Webinar mit rund 500 Teilnehmern aus Belarus (Weißrussland) hat die Schulleiterin dazu referiert. Zudem nahmen die BBS Soltau als eine von nur fünf deutschen Schulen an der internationalen Studie „SELFIE“ zum Einsatz digitaler Techniken im Unterricht teil, was allerdings nichts mit Corona zu tun hat.

Das alles macht zwar deutlich, dass die Soltauer Einrichtung auf diesem Gebiet sehr erfolgreich und vorausschauend ist, doch lässt sich dieser Weg nicht beliebig auf andere Schulen übertragen: „Im Landkreis gibt es zwischen den BBSn keine krassen Unterschiede, aber deutschlandweit und sogar in den Regionen sind die Ausstattungen der Schulen extrem unterschiedlich. Jede Schule muss deshalb eigenverantwortlich mit ihren Schülern und in Kooperation mit den Ausbildungsbetrieben für sich entscheiden, was möglich ist“, weiß Tinnemeier.

In der Böhmestadt jedenfalls sind die digitalen Voraussetzungen gut. Aber es stellt sich natürlich die Frage, wie der Distanzunterricht von Schülerinnen, Schülern und Lehrkräften eingeschätzt wird. So meint Lehrerin Julia Jost, zuständig für die künftigen Medizinischen und Zahnmedizinischen Angestellten, der Distanzunterricht laufe recht gut. Und Lehrerin Tina Stößel betont, auch die Schülerinnen und Schüler untereinander könnten beim Distanzunterricht zusammenarbeiten. Für Lehrerinnen und Lehrer bedeute multimedialer und multifunktionaler Unterricht aber auch Stress, betont Tinnemeier. Denn schließlich betreue eine Lehrkraft 200 bis 250 Schüler: „Und es wird erwartet, dass jeder eine Rückmeldung pro Tag erhält.“ Die Lehrkräfte jedenfalls meinen, dass der Distanzunterricht überwiegend gut gelinge.

Schülervertreter Denny Mendoza hält den Distanzunterricht insgesamt auch für eine gute Lösung und steht damit offensichtlich nicht allein: „Die meisten Schülerinnen und Schüler haben das positiv aufgenommen. Keiner wird mit Problemen alleingelassen.“ Die gibt es durchaus, und nicht nur solche fachlicher Art, etwa mit der Internetverbindung zu Hause bei den Schülern - oder wenn Kinder und Familie der Azubis die Kulisse für das häusliche Lernen bilden: „Das erschwert den Unterricht und fordert mehr Konzentration und Geduld“, so Mendoza, der selbst eine siebenjährige Tochter hat. Tatsächlich, so betont Tinnemeier, „sind unsere Schülerinnen und Schüler zwischen 16 und 49 Jahren alt - da lässt sich kein 08/15-Unterricht machen.“

Allerdings hat sich gezeigt, dass nicht alle Azubis dem Distanzunterricht gut folgen können und besorgt sind, ihre Noten könnten darunter leiden. Auch Prüfungsvorbereitungen gelingen über den Videoweg offenbar nicht so gut wie im Präsenzunterricht.

Bei den Betrieben der Azubis trifft der Distanzunterricht auf gemischte Resonanz, „wobei einer Verlängerung aber überwiegend zugestimmt wird“, so Tinnemeier. Wobei, so Simon Ney, BBS-Abteilungsleiter Einzelhandel, die Zustimmung beim Einzelhandel niedriger ausfalle und trotz erfolgreichen Distanzunterrichts eher Präsenzunterricht bevorzugt werde.

Auch wenn sich jetzt eine positive Bilanz ziehen lässt, haben sich die BBS noch viele Aufgaben gestellt - vom Streaming des Unterrichts über dienstliche digitale Endgeräte, die den Lehrkräften datenschutzkonformes Arbeiten ermöglichen, bis natürlich hin zur Verbesserung der pädagogischen Arbeit im Distanzunterricht, „um ihn für die Schülerinnen und Schüler noch individueller zu gestalten, denn nicht jeder ist gleich geeignet“, so Tinnemeier. Und weiter: „Es liegt in der Verantwortung der Schule, wie sie damit künftig umgeht. Aber ohne Ausprobieren kommt man da nicht weiter.“

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