Vertrauen wieder zurückgewinnen

Chirurgische Notaufnahme nach Umzug in die Böhmestadt gut angenommen

Vertrauen wieder zurückgewinnen

Nein, eine Anlaufphase, um sich bei den Bürgern ins Gedächtnis zu rufen, brauchte sie nicht, die chirurgische Notaufnahme am Heidekreis-Klinikum (HKK) in Soltau: Als die Fachabteilungen Unfallchirurgie und Orthopädie am 16. Dezember um 8 Uhr in der Böhmestadt wieder an den Start gingen, war die erste Patientin bereits stationär aufgenommen worden. Schon um 8.04 Uhr, so weiß Frank Hemme, pflegerische Leitung der Notaufnahme, habe der Rettungsdienst den ersten chirurgischen Patienten nach Soltau gebracht. Bereits nach einer Woche scheint sich zu zeigen, dass sich die Rückkehr der Unfallchirurgie in die Böhmestadt lohnt - für die Patienten im Nordkreis, aber auch für das HKK, das damit Vertrauen zurückgewinnen will: Dies, so HKK-Geschäftsführer Dr. Achim Rogge am vergangenen Freitag, sei denn auch das wesentliche Ziel dieser Maßnahme.

Von Arm- und Beinbrüchen über Platzwunden am Kopf bis hin zu Sprunggelenkverletzungen und Verletzungen nach Unfällen - insgesamt 63 chirurgische Notfälle kamen in den ersten beiden Tagen ins HKK Soltau. Bis Freitag erfolgten zwölf Operationen, zwölf unfallchirurgische Patienten liegen derzeit in Soltau. Unter Leitung von Dr. Halil Yasar, Chefarzt der Unfallchirurgie und Orthopädie, und seinem Oberarzt Dusan Trifunovic sowie Dr. Ulrich Blumenthal, Chefarzt der Anästhesie, und OP-Manager Olaf Hax, aber auch in der Zusammenarbeit des gesamten Teams hatte die chirurgische Notaufnahme einen guten Start.

Als die Chirurgie im Februar 2017 aus Soltau abgezogen und in Walsrode konzentriert worden war, sei dies eine Maßnahme seines Vorgängers gewesen, so Rogge, um Fördermittel vom Land zu erhalten: „Damals war das nachvollziehbar, aber im Rückblick nicht erfolgreich“, so der Geschäftsführer.

Inzwischen haben sich die Vorzeichen geändert, denn der Gemeinsame Bundesausschuss (G-BA) hat vor geraumer Zeit verpflichtende Richtlinien zur Sicherstellung der Not- und Unfallversorgung erlassen. Danach muss ein Krankenhaus für die Basisversorgung in diesem Bereich neben anderen Voraussetzungen auch eine Chirurgie/Unfallchirurgie vorhalten. Kliniken, die das nicht erfüllen, wird pro Fallpauschale 60 Euro weniger gezahlt, und zwar in allen Abteilungen. Werden diese Leistungen jedoch vorgehalten, so gibt es eine jährliche Unterstützung in Höhe von 153.000 Euro. Nach der Rückkehr der Unfallchirurgie erfüllt auch Soltau - neben Walsrode - diese gesetzlichen Bedingungen. „Dar­über hinaus ist Soltau eines von 126 Krankenhäusern, die jeweils einen Sicherstellungszuschlag von 400.000 Euro bekommen. Dies deshalb, weil sie wegen ihrer Lage und der Einwohnerzahl als unverzichtbar gelten“, erläutert Rogge.

Damit hat die Rückkehr der chirurgischen Notaufnahme zwar durchaus auch einen wirtschaftlichen Hintergrund, doch Rogge sieht vor allem einen Schwerpunkt: „Das Vertrauen, das in der Bevölkerung durch den Abzug der Chirurgie verloren gegangen ist, wollen wir zurückgewinnen, indem wir die Versorgung in diesem Bereich wieder sicherstellen.“ Mehr als 2.000 Patienten habe das HKK in den vergangenen fünf Jahren verloren. Von der wieder zunehmenden Akzeptanz in der Bevölkerung hänge am Ende auch ab, ob das Defizit weiter heruntergefahren werden könne.

Bewerkstelligt wurde der Umzug in bemerkenswert kurzer Zeit: „Es gab eine Projektgruppe, die das auf die Beine gestellt hat“, berichtet Yasar. Und Trifunovic: „In drei Monaten wurde das geplant, etwas umgebaut und am 16. Dezember um 8 Uhr haben wir den Betrieb aufgenommen. Der Umzug lief unter Vollbetrieb - da haben alle Beteiligten Spitzenlei­stungen vollbracht.“

Einiges habe neu konzipiert, anderes nur reaktiviert werden müssen, so der Geschäftsführer. Denn ein Großteil des pflegerischen Teams sei sehr erfahren und kenne noch die Zeiten, in denen Soltau bereits eine große unfallchirurgische Abteilung gehabt habe.

Aber auch, wenn das Team nicht bei Null anfangen musste, gab es einiges zu erledigen: So wurden beispielsweise drei der vier OP-Säle modernisiert oder etwa ein sogenannter Schockraum für die Versorgung Schwerverletzter eingerichtet. Gerade dies setzt nicht nur entsprechende technische Mittel, sondern vor allem ein bis ins kleinste eingespieltes, hochqualifiziertes Team voraus. Darauf verweisen auch noch einmal Yasar und Trifunovic. So ist es ihnen in Walsrode gelungen, das Haus als Traumazentrum zertifizieren zu lassen: „Das streben wir jetzt auch für Soltau an“, so der Chefarzt.

Was hinter einer solchen Notaufnahme steckt, insbesondere dann, wenn es um Schwerverletzte geht, bleibt dem Außenstehenden in der Regel verborgen. „Wenn sich beispielsweise ein Unfall mit mehreren Beteiligten ereignet, stuft der leitende Notarzt schon vor Ort die Verletzungen ein und entscheidet, wohin die Opfer gebracht werden. Das wird mit dem jeweiligen Krankenhaus abgesprochen. Innerhalb weniger Minuten tritt dann unser Team zusammen, und wir können uns schon auf den Patienten vorbereiten“, erläutert Trifunovic. Und Yasar ergänzt: „Dadurch werden natürlich Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter gebunden und stehen nicht für die in der Notaufnahme wartenden Patienten zur Verfügung. Aber wir gehen dann zu ihnen, erläutern ihnen den Grund für die Wartezeit, und die Menschen verstehen das dann auch. Kommunikation ist hier ganz wichtig.“

So werden Patienten, die unfallchirurgisch operiert werden müssen, jetzt in Soltau behandelt und entsprechend dorthin verlegt. Sollte der Patient nicht transportfähig sein, kommt ein Unfallchirurg nach Walsrode: „Durch den Verbleib der Fachabteilung Allgemein- und Viszeralchirurgie können am Standort Walsrode auch weiterthin kleinere unfallchirurgische Maßnahmen vorgenommen werden. Im Grunde gilt, Knochenbrüche gehen nach Soltau, Magen-Darm-Probleme nach Walsrode. Im Zweifel nehmen wir aber an beiden Standorten immer alles an“, erläutert Rogge.

Wie der Geschäftsführer weiter unterstreicht, passe all das ineinander: „Wir wollen keines der Häuser schwächen, sondern beide stärken, um sie dann als Puzzleteile in einem neuen Haus zusammenzuführen.“ Rogge geht davon aus, dass ein solcher Neubau kommt: „Dafür bin ich angetreten. Alles andere wäre für den Heidekreis keine gute Entwicklung.“

Und weiter: „An der Standortentscheidung werden wir uns im kommenden Jahr abarbeiten. Dabei spielt nicht nur die Raumordnung eine Rolle, sondern auch, ob der Standort aus Sicht der medizinischen Versorgung der Patienten passt, ob wir genügend Mitarbeiter dorthin bekommen und natürlich ob uns jemand ein solches Grundstück dann auch verkauft.“ Bis Ende 2020 solle ein solcher Standort gefunden sein, um dann auch prüffähige Unterlagen für das Sozialministerium in Hannover auf den Weg zu bringen.

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