Vorstellungen von „Amerikalinie“: Eisenbahntheater über Auswanderung

Dokumentarisches Stück über die Geschichten der Menschen, die einst wegen Krieg, Verfolgung und Armut in die Neue Welt flüchteten / Inszenierung der Gruppe „Das Letzte Kleinod“ in sieben Waggons am 28. und 29. September im alten Güterbahnhof erleben

Vorstellungen von „Amerikalinie“: Eisenbahntheater über Auswanderung

Theater gibt es aktuell reichlich im Schienenverkehr in der Heide - und zwar ganz ohne Schauspieler und Bühne, dafür mit Zugausfällen und Verspätungen. Was Pendler und Reisende verständlicherweise heute ärgert, war vor 150 Jahren natürlich nicht das Gesprächsthema auf den Bahnsteigen und in den Abteilen. Dort ging es oft um existenzielle Belange: den Start in ein neues Leben, in eine Zukunft in einem fernen Land. Der Zug war für Auswanderer damals nämlich der Zubringer zu den Häfen, von denen aus die Schiffe in die USA starteten. Die sogenannte „Amerikalinie“, die auch durch Soltau führt, erhielt so ihren Namen. Und genau auf dieser historischen Strecke gibt es jetzt wieder Theater - dieses Mal aber tatsächlich mit Schauspielern und Bühne, und zwar einer ganz besonderen: Der „Ozeanblaue Zug“ ist die mobile Spielstätte der Gruppe „Das Letzte Kleinod“, und in den sieben Waggons zeigt das Ensemble jetzt mit „Amerikalinie“ ein Eisenbahntheater über Auswanderung. Der Theaterzug macht Halt in Soltau am alten Güterbahnhof in der Celler Straße 66. Die Vorstellungen starten am kommenden Mittwoch und Donnerstag, dem 28. und 29. September, jeweils um 20 Uhr.

Es ist ein ganz außergewöhnliches Theaterprojekt, das jetzt in die Böhmestadt kommt: „Das Letzte Kleinod“ ist seit mehreren Jahrzehnten mit seinem eigenen Theaterzug europaweit unterwegs. Die aktuelle Inszenierung „Amerikalinie“ erzählt als dokumentarisches Stück die bewegenden Geschichten von Ausgewanderten nach Übersee. „Die Reise nach Amerika war ein einschneidendes Erlebnis im Leben zahlreicher Menschen: Erst ging es per Zug mit der Amerikalinie über Frankfurt/Oder, Berlin und Soltau nach Bremerhaven und dann mit einem der großen Ozeandampfer nach Amerika, Kanada oder Australien“, erklärt Jens-Erwin Siemssen, Leiter von „Das Letzte Kleinod“ und Regisseur des aktuellen Stücks.

Um „Amerikalinie“ in Szene zu setzen, hat das Ensemble in zahlreichen Interviews in den USA und in Deutschland Erzählungen von Menschen gesammelt, die wegen Krieg, Verfolgung und Armut in die Neue Welt flüchteten. Für die Entwicklung des Stücks hat Siemssen zudem mit Angehörigen von Auswanderinnen und Auswanderern gesprochen und ihre Geschichten und Erinnerungen zu einem Theatertext verdichtet. Gespielt wird in sieben Güterwaggons, die Theatergäste gehen in kleinen Gruppen von Waggon zu Waggon und sind dabei mittendrin im Geschehen. In jedem der Waggons erfahren sie die berührenden Geschichten und Motivationen derjenigen, die zu unterschiedlichen Zeiten ausgewandert sind. Die Bühnenbilder in den Waggons sind aus Objekten und Gegenständen komponiert, die aus der Umgebung der Ausgewanderten stammen. Die Objekte spielen auch in der Darstellung der Szenen eine wesentliche Rolle und visualisieren das Geschehen auf ungewöhnliche Art und Weise. Hier werden die Geschichten der ehemaligen Fahrgäste erzählt und eine Brücke nach Übersee geschlagen, aber ebenso Parallelen zu heutigen Flucht- und Migrationsgeschichten gezogen.

Als vor 150 Jahren die „Amerikalinie“ bekannt wurde, rollten Personenzüge auf dieser Strecke jahrzehntelang aus den östlichen Provinzen und den Nachbarländern zum Columbusbahnhof in Bremerhaven, von wo aus Millionen von Auswanderern in die neue Welt aufbrachen. Deren Geschichten setzt die Theatergruppe in Szene und führt sie an Bahnhöfen entlang der Amerikalinie auf. Nach Stationen in Frankfurt (Oder), Fürstenwalde, Berlin-Spandau, Stendal, Halberstadt, Salzwedel und Uelzen fährt der Theaterzug nun die nächste Haltestelle an: Der Bahnhof von Soltau-Ost war eine der Stationen der „Amerikalinie“. Damals hielten die Auswandererzüge hier, um am Güterbahnhof Kohle oder Wasser zu bunkern. Heute sind auf den alten OHE-Gleisen unter anderem Züge mit ausrangierten Kesselwagen abgestellt. Um an diesem außergewöhnlichen Spielort auftreten zu können, erhielt „Das Letzte Kleinod“ etwas Hilfe: „Die Vorstellung findet mit freundlicher Unterstützung des Landes Niedersachsen, der Stiftung Niedersachsen und des Landschaftsverbandes Lüneburg statt.“ Und an den bisherigen Spielorten, so Produktionsleiter Florian Götz weiter, sei die Inszenierung sehr gut angekommen: „Es ist einfach ein ganz besonderes Theatererlebnis, denn wir sind ganz nah am Publikum.“

So nah, dass hier der Spruch „mittendrin statt nur dabei“ angebracht ist - denn für die Aufführungen in Soltau sucht „Das Letzte Kleinod“ noch Mitwirkende aus der Region: „Unsere Produktionen leben sehr vom Interesse und auch der Mitwirkung der Menschen vor Ort“, so Siemssen. „Wir freuen uns über Einzelpersonen jeden Alters, oder vielleicht sogar einen ganzen Chor, die bei der Produktion mitspielen und mitsingen möchten. Zudem suchen wir nach Zeitzeugen, die ihre eigenen Geschichten über Auswanderung und Flucht teilen möchten.“ Interessierte können sich unter der Rufnummer 0177-5998610 oder per E-Mail an marski@das-letzte-kleinod.de bei Produktionsdramaturgin Ulrike Marski melden. Karten und weitere Informationen zum Stück gibt es online unter www.das-letzte-kleinod.de.

Logo