Eine Million Kinder und Jugendliche in Deutschland haben laut Weltgesundheitsorganisation (WHO) bereits sexuelle Gewalt durch Erwachsene erlebt oder müssen sie aktuell erleben. Das entspreche ein bis zwei Kindern pro Schulklasse. Viele dieser Fälle tauchen nie in der Kriminalstatistik auf, weil sie nicht angezeigt werden. Genau hier setzt Präventionsarbeit an – und zwar früh. Die Fortbildung „Nein heißt Nein“, die im Januar in Soltau von der Fachberatungsstelle Wendepunkte gemeinsam mit dem Jugendhilfeträger Venito angeboten wurde, richtet sich an Erzieherinnen und Erzieher. Ziel ist es, Fachkräfte zu befähigen, bereits im Kindergarten präventiv zu arbeiten und Kinder für ihre eigenen Grenzen zu sensibilisieren.
„Für viele ist es erschreckend, mit konkreten Zahlen und der Dynamik sexualisierter Gewalt konfrontiert zu werden – vor allem mit der Erkenntnis, dass man sie oft nicht sieht“, sagt Claudia Barz von Wendepunkte.
Die dreitägige Fortbildung vermittelt grundlegendes Wissen und Handlungssicherheit: Was ist sexualisierte Gewalt? Wie entstehen solche Dynamiken? Und wie reagieren Fachkräfte richtig, wenn ein Verdacht besteht oder sich ein Kind anvertraut? Der erste Tag ist bewusst theorieintensiv, bevor es anschließend um praktische Präventionsarbeit, kindliche Sexualentwicklung, Grenzverletzungen und sogenannte Doktorspiele geht. „Es gibt viel Verunsicherung“, sagt Barz. „Die Fortbildung soll Orientierung geben.“
Ein zentrales Element sind Präventionsbotschaften, die kindgerecht vermittelt werden. Dafür stehen den Kitas Materialkisten mit Büchern, Handpuppen und Bildkarten zur Verfügung, die kostenlos ausgeliehen werden können. Dabei gehe es ausdrücklich nicht um Sexualaufklärung, betont Barz. „Im Kindergarten geht es um stärkende, positive Botschaften – darum, Gefühle wahrzunehmen, Grenzen zu setzen und zu wissen, was man tun kann, wenn ein Nein nicht respektiert wird.“
Diese Grenzen seien Teil des Alltags, erklärt Chantal Hannemann von Venito: „Das beginnt schon bei der Uroma, die einen küssen möchte, obwohl man das nicht will.“ Ein Nein habe zunächst nichts mit Sexualität zu tun, sondern mit Selbstbestimmung. Gleichzeitig müssten Kinder lernen, Grenzen einzuordnen – etwa bei gesundheitlich wichtigen Dingen wie dem Zähneputzen. Hier seien Eltern und pädagogische Fachkräfte gefragt.
Wichtig ist auch, dass Kinder ihre Körperteile benennen können. „Wenn etwas Unangenehmes passiert und die Worte fehlen, wird es noch schwerer, darüber zu sprechen“, so Barz. Studien zeigten zudem, dass sexualisierte Gewalt häufig bereits im Übergang vom Kindergarten- zum Grundschulalter beginne – oft schleichend und lange unentdeckt. Eine zentrale Botschaft lautet daher auch: Es gibt gute und schlechte Geheimnisse.
Parallel zur Fortbildung startet am 23. Februar in Soltau die Mitmach-Ausstellung „Echt klasse“ für Schülerinnen und Schüler ab der 4. Klasse. In kleinen Gruppen, begleitet von Fachkräften, durchlaufen die Kinder verschiedene Stationen, sortieren Situationen nach „okay“ und „nicht okay“, üben laut Nein zu sagen oder ziehen sich in ein Lesezelt zurück. Unterstützt wird die Ausstellung unter anderem von Wendepunkte, Venito, Pro Familia, der Schulsozialarbeit und der Opferhilfe Lüneburg.
Zum Abschluss tauschen sich die Gruppen über ihre Eindrücke aus. „Manchmal erzählen Kinder dabei auch von belastenden Erfahrungen“, sagt Barz. Deshalb gibt es begleitend auch Fortbildungen für Lehrkräfte.
Elternabend und Fortbildung für Lehrkräfte
Die Ausstellung „Echt klasse“ ist ein Projekt des Kieler Petze-Instituts für Gewaltprävention. An sechs Spielstationen können sich die Kinder mit den verschiedenen Präventionsprinzipien vertraut machen: „Mein Körper gehört mir, ich kenne gute und schlechte Gefühle, es gibt gute und schlechte Geheimnisse, es gibt angenehme und unangenehme Berührungen, ich darf Nein sagen und ich kann mir Hilfe holen.“
Die Ausstellung läuft vom 23. Februar bis zum 6. März in Soltau in den Räumlichkeiten der ehemaligen Cafeteria des Heidekreis-Klinikums. Begleitend zur Ausstellung gibt es am Mittwoch, 18. Februar, eine Fortbildung für Lehrkräfte. Außerdem laden Venito und Wendepunkte am Donnerstag, 19. Februar, zu einem Elternabend zum Thema. Beginn ist in der Mensa der OBS Soltau um 19 Uhr.
Für die Öffentlichkeit ist die Ausstellung am Freitag, 27. Februar, und am Mittwoch, 4. März, jeweils von 15 bis 17.30 Uhr geöffnet. Dann können auch Eltern mit ihren Kindern (ab der 3. Klasse) die Ausstellung besuchen.
Text: js